It’s about consent! Oder: Warum ich Triggerwarnungen als Konzept extrem überarbeitungswürdig finde

Sie irritieren mich schon lange: die Triggerwarnungen. Les Madeleines haben ein paar Gedanken dazu angeregt (wobei ich ihre Art der Kritik teilweise sehr anstrengend finde), und spätestens seit ich Steinmädchens Beiträge und viele von Hannah C. Rosenblatt darüber gelesen habe weiß ich, dass ich damit im Internet nicht alleine bin. Jedoch um meine eigene Position dazu zu finden, habe ich lange etwas vermisst. Eine Art Leerstelle, die ich nicht benennen konnte. Und jetzt hab ich das was mir fehlte gefunden, und mag es gerne mich Euch teilen. Wenn Ihr darauf grade Bock habt.
Letztendlich dazu gebracht hat mich eine Bahnfahrt und ein Text von real social skills über gewaltfreie Kommunikation und warum diese gar nicht für alle Menschen so unproblematisch und gewaltfrei ist.

Und zwar war für mich die Leerstelle die des consent, oder informierten Einverständnisses.

Triggerwarnungen (oft auch wenig voraussetzungsarm als TW abgekürzt) gehen davon aus, dass die davon angesproche Person weiß, dass sie in ihrer Vergangenheit Gewalt erlebt hat und diese unter bestimmten Umständen („Trigger“) wieder erlebt, als würde sie gerade jetzt geschehen. Das wiederum kann sehr unangenehm sein und es ist nur folgerichtig, sich und andere davor schützen zu wollen. Diese guten Absichten den Triggerwarnungen setzenden Personen abzusprechen liegt nicht in meinem Interesse.

Allerdings ergeben sich daraus einige Unstimmigkeiten.
Diese wurden teilweise von den schon verlinkten Artikeln bereits benannt.

Sei es dass die davon angesprochenen Personen durch das sich angesprochen fühlen (als „Traumatisierte“) in einen Diskurs einwilligen (sollen), in dem sie als „psychisch krank“ (oder wahlweise „gestört“) gelabelt werden.
Sei es, dass andere Bewältigungsmuster als Schweigen und Vermeiden implizit (oder sogar explizit) als schädlich für andere „Traumatisierte“ (wahlweise: „Betroffene“) dargestellt wird und der Vorabentschuldigung in Form der Buchstaben TW bedarf – so dass der emanzipative Gehalt dieses Sprechens (und auch der Konfrontation mit geschehener Gewalt und der damit einhergehenden unangenehmen Gefühle) dahinter verschwindet.
Sei es, dass dadurch Gewalt und ihre Folgeerscheinungen tabuisiert und mystifiziert (und dadurch weiter ermöglicht…) werden.

Und all das wird wirklich teilweise sehr engstirnig ausgelegt. In Diskussionen in sozialen Netzwerken ist es mir bereits vorgekommen, dass ich für meine Kritik an Triggerwarnungen angemacht wurde mit dem Hinweis, solange diese mich nicht triggern, solle ich doch still sein. Weiterhin wurde der Vorschlag, entsprechende Inhalte durch kurze Vorabinformation ohne das entsprechende Schlagwort (z.B.: „Es wird im folgenden Text um übergriffige Erlebnisse im familiären Nahumfeld gehen“ statt: „TW: Inzest“) anzukündigen niedergeschmettert, denn es ginge schließlich darum wirklich Traumatisierte zu schützen und nicht den Priviliegierten die Kissen aufzuschütteln.
(Dass es in derselben Gruppe in demselben sozialen Netzwerk Brauch ist, die triggerwarnungsgespickte Überschrift mit einem Bild zu begleiten, in dem Frauen verstört in der Ecke hocken und ihre Knie umklammern oder ähnlich opferisierende Posen einnehmen, erwähne ich jetzt bloß aus Boshaftigkeit.)

Das nur kurz zur Illustration, um vorzuführen, von welchem Extrem ich mit meiner Kritik weg will. Diese geht allerdings noch darüber hinaus und erreicht damit leider auch Räume, in denen ich mich wohl fühle und die ich nicht missen möchte.

Zwei weitere Unstimmigkeiten werden in dem oben zitierten Beispiel mit dem nicht aufgeschüttelten Kissen erschlagen:

Zum einen ist es so, dass nicht alle Menschen, die in ihrer Vergangenheit Gewalt erlebt haben oder dies noch tun, das eingestehen können oder diese so benennen möchten. Und selbst wenn dieser Schritt getan ist, ist noch lange nicht immer in jeder Situation klar, was nun ein Auslöser oder Trigger sein kann. Für den einen ist es vielleicht (eventuell auch tagesformabhängig) das beleidigende Wort oder die explizite Beschreibung von Gewalt, die andere liest über solches galant hinweg und hängt sich dafür innerlich daran auf, dass jemand zu einer Verabredung eine halbe Stunde zu spät kommt. Was für die meisten nur ein kurzes Ärgernis darstellt, bedeutet für manche ein paar Tage harte innere Arbeit, um aus der Scheiße wieder raus zu kommen. Gemein, dass nicht eine TW vorabgeschickt wurde. Gemein, dass meine Störung nicht der herrschenden Norm entspricht und ich immer dann abkacke, wenn grade kein Awarenessteam um die Ecke steht.
Insofern sind Triggerwarnungen nicht nur bevormundend (der Mainstream weiß besser als ich, was in mir Erinnerungsblasen aufplatzen lässt) sondern gehen auch an der Realität völlig vorbei.

Ein anderes „Problem“ ist, dass Menschen in der Regel zu Mitgefühl in der Lage sind. Wenn jemand der oder dem entsprechende Gewalterfahrungen „fehlen“ zu einem ungeeigneten Zeitpunkt durch die verbale oder bildliche Schilderung von Gewalt überrascht wird, kann dies vielleicht trotzdem eine oder mehrere versaute Stunden, tage, Nächte bedeuten. Und wer bin ich dass ich sagen kann, dass jemand nur weil er oder sie nicht „traumatisiert“ ist genügen Zeit und Kraft hat, dies mal eben so weg zu stecken. Wer bin ich, dass ich behaupten kann, alle die sich nicht an derselben Stelle abrackern wie ich seien privilegiert.

Der einzige Ausweg, den ich persönlich aus der ganzen Misere sehe, ist ein schwieriger und umständlicher. Zugleich deckt er sich glücklicherweise mit dem, was Menschen die mir sympathisch sind ohnehin in der Regel gut finden: Nämlich für soziale Situationen ein informiertes Einverständnis anzustreben. Wenn ich im Flyer für eine Veranstaltung deren Thema klar mache und vielleicht sogar noch umreiße, wie ich mich dem Thema zu nähern gedenke, kann ich davon ausgehen, dass jede_r der kommt auch Bock darauf hat, sich das grade zu geben. Wenn einem Text oder einem Bild kurz vorausgeschickt wird, um was es im Folgenden gehen wird, kann jede_r für sich selbst entscheiden, ob er_sie hinhören oder hinschauen mag.

Andererseits ist das vielleicht so umständlich gar nicht. Ich glaube, dass die gute alte Triggerwarnung eine gute Eselsbrücke dafür sein kann, was im Flyer oder im Einleitungstext oder in der Anmoderation zu meiner Veranstaltung noch fehlt. Warum will ich grade eine Triggerwarnung setzen, welcher Teil genau von meiner Veranstaltung erscheint mir wichtig hervorzuheben, um bei denen die kommen oder schon da sind informiertes Einverständnis voraussetzen zu können? Das setzt eine gewisse Bereitschaft voraus, sich in die Adressat_innen des zu produzierenden Kulturgutes hinein zu versetzen und meine Gedanken dazu zu hinterfragen und gegebenenfalls auszuformulieren. Ist sowieso nicht schlecht, würd‘ ich sagen.

Na ja – auch wenn das alle in Zukunft so machen sollten, werden einige Unzulänglichkeiten bestehen bleiben.
Nämlich setzt diese Praxis auch voraus, dass ein Umfeld geschafften wird, in dem wenig moralischer Druck ausgeübt wird. Denn sobald ich mich dafür rechtfertigen muss, dass ich heute nicht zum tollen Vortrag von Blablubb zum Thema „Rape Culture“ gehe oder mir in der Szenekneipe den neuesten queeren Film anschaue, wird mein Nichteinverständnis in Frage gestellt. Das beißt sich leider mit (verständlichem und oft auch im wahrsten Sinne des Wortes not-wendigem) emanzipatorischem Sendungsbewusstsein. Ein Sendungsbewusstsein, dessen Schwung sich leider tatsächlich oft an der harten Kante des Desinteresses von Nichtbetroffenen bricht.

Und letzten Endes wäre es wünschenswert, wenn alle sich bemühen würden, ein Umfeld zu schaffen, in dem eine_r zu seinen oder ihren Verletzungen und Unzulänglichkeiten, zum Nichtfunktionieren in allen Variationen stehen kann, ohne sich dadurch zu diskreditieren. Denn sonst kann ich bei einer Veranstaltung auch nicht aufstehen, nachdem die schicke Einleitung gesprochen wurde, um informiert den Raum zu verlassen. Nicht ohne Folgen, zumindest. Denn dann wissen ja alle, dass ich mit dem Thema grade nicht kann, und denken ich wäre voll krass beschädigt und so. Und dass wollen wir ja als (zukünftiges) Humankapital nicht sein. Es wäre aber bei besagter schicker Einleitung immerhin möglicher, sich unpathologisiert hinweg zu begeben, als wenn jemand pflichtbewusst noch schnell eine Triggerwarnung mit entsprechenden Schlagworten vorweg schiebt und ich mich nach dieser hinausschleiche.

Es wäre auch wünschenswert, dass, wenn ich Gefühle habe, mich mit diesen auch im öffentlichen Raum zeigen kann. Sprich dass wenn ich mich nicht hinausschleiche, nicht ins Awareness-Zelt gehe und nicht innerlich versteinernd auf die Situation reagiere (es gibt ja auch sowas wie ein innerliches weggehen, ist schön unauffällig), dass mir dann hinterher nicht zum Vorwurf gemacht wird, es habe ja eine Triggerwarnung (oder eine entsprechende Einleitung) gegeben. Dass ich mit Tränen oder wahlweise Wut in der Stimme oder auch mal einem wirren und unsortierten Redebeitrag da sein gelassen werde und auch dies mich oder meinen Redebeitrag im Diskussionsteil der Veranstaltung nicht vor anderen Menschen diskreditiert. Ich glaube vor den Gefühlen, die mit Gewalterfahrungen zusammenhängen, ist auf allen Seiten viel Angst da und ich glaube das liegt auch daran, dass Gewalt und jene die Opfer von Gewalt geworden sind mystifiziert werden. Ich habe aber grade in feministischen Kontexten, Festivals, Veranstaltungen oft den Eindruck, dass Gefühle durch ein Überangebot an Fluchträumen und Ansprechpartner_innen eingehegt werden sollen. Und mein dadurch entstehender subjektiver Eindruck ist, dass es ein Set von Regeln gibt, denen ich als „Betroffene“ (ich mag das Wort nicht, aber es wird dort gerne verwendet) erst mal ratlos gegenüber stehe, weil sie nirgendwo erklärt werden, und die zu navigieren mich häufig überfordert. (Vielleicht ist dieser Eindruck auch falsch, dann freue ich mich über entsprechende Kommentare.)

Wünschenswert wäre die Enttabuisierung von Gefühlen auch deswegen, weil es bei jeder Veranstaltung passieren kann, dass eine_r von einem Gefühl gefühlt überwältigt wird und damit in diesem Moment gefühlt nicht umgehen kann. Trotz Triggerwarnungen, und trotz schicker Einleitung. Denn wie Triggerwarnungen voraussetzen, dass ich in eine pathologisierende Sprache über mich und mein Erleben einwillige, setzt die Idee vom informierten Einverständnis voraus, dass ich ungefähr in der Lage bin, abschätzen zu können, was ich gerade vertragen kann – was aber tagesformabhängig ist und in bestimmten Phasen, zum Beispiel wenn eine eh grade viel Stress hat oder eben erst anfängt sich mit erlebter Gewalt auseinander zu setzen, manchmal nicht so ganz einfach. Sowohl die Triggerwarnung als auch die schicke Einleitung enthalten somit in gewisser Weise eine Zuschreibung, jedoch ist mir letztere lieber (und erscheint mir bedeutend utopiefähiger!) als erstere.


4 Antworten auf „It’s about consent! Oder: Warum ich Triggerwarnungen als Konzept extrem überarbeitungswürdig finde“


  1. 1 BFSkinner 16. September 2014 um 15:03 Uhr

    Sie können versuchen unbedingt ihre Gefühlsregungen unter Kontrolle zu bringen, z.B. mit Triggerwarnungen. Oder sie können versuchen Ihr Leben unter Kontrolle zu bringen, in dem sie lernen, unangenehme Gefühle auszuhalten während Sie tun was sie tun wollen.

    Triggerwarnungen pathologisieren.

  2. 2 bluespunk 18. September 2014 um 10:36 Uhr

    na ja, so einfach ist das ja nicht mit dem „sein leben unter Kontrolle bringen“ und „tun was eine_r will“ in dieser Gesellschaft, aber im Prinzip: JA!

  3. 3 Wolfgang R 15. Dezember 2014 um 11:23 Uhr

    Toller Artikel, empfinde ich auch so. Ich neige dazu, zu lernen, unangenehme Situationen auszuhalten, damit umzugehen.

  1. 1 triggerwarnungen – sei rücksichtsvoll! ein rant. | Identitätskritik Pingback am 21. Oktober 2014 um 22:09 Uhr

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