Archiv für Oktober 2014

W_Ortfindungsstörungen

Ich finde es schwer, eine Identität zu bauen die stabil genug ist, um darauf durch die Welt zu rollen.
Einen Wort-Ort an dem ich mich aufhalten kann, und an dem andere Menschen mich erreichen können.
Jetzt bewohne ich einen Zwischenort mit der Sammeladresse „non-binary“, und das ist erst mal okay so.

Ich identifiziere mich nicht als Frau, obwohl mein Körper weiblich gelesen wird.
Ich identifiziere mich aber auch nicht als Mann.

Verdammt war das oft verwirrend. Mir fehl(t)en die Worte.
Worte, die ich bewohnen kann. Worte, mit denen ich mich mitteilen kann.
Ich bin ein Wortmensch.

Oft bin ich haltlos im Wortgestrüpp herumgeirrt.
Völlig ungeplant brach ich aus dem Unterholz, während eines Gesprächs mit einer fast Fremden:
„Ich bin aber keine Frau!“
Die Scham, wenn dann nachgefragt wurde, was ich denn damit meine.
Keine Worte.
Es war so, als gäbe es mich nicht.
Dabei war ich durchaus vorhanden.

Dann sind da die Delegitimierungsstrategien.

Sie wohnen in meinem Kopf, aber auch auf dem Personalausweis und in anderen Formularen.
Sie wohnen in den Köpfen der Menschen mit denen ich außerhalb meiner Seifenblase zu tun habe.
Aber sie wohnen auch in den Köpfen der Menschen, mit denen ich in meiner Seifenblase zu tun habe.

Ist ja nicht wichtig (welches Geschlecht eins hat), ist eh alles dekonstruierbar.
Wer ist schon ganz Mann oder Frau?
So viele Frauen haben Probleme, ihren Körper anzunehmen.
Dich kann doch niemand ernst nehmen.
In dem Alter solltest du es aber langsam mal wissen.
Es ist ja auch grade schick, Weiblichkeit abzulehnen.
Solange die anderen dich für eine Frau halten, wirst du wohl eine sein.
(…)

Dann sind da die Gewalterfahrungen.
Mein Körper gehört mir nicht. Wurde mir beigebracht.
Jetzt wird versucht mir beizubringen, dass die Gewalterfahrungen mich zu dem gemacht haben, was ich bin.
„Immerhin wissen Sie, dass Sie das erlebt haben. Die anderen wissen das oft nicht mal.“
Welche anderen? Die anderen Trans*-Menschen? Haben Sie mit denen allen mal gesprochen? Wissen Sie, dass bei ihnen allen erlebte Gewalt der Grund ist, sich nicht mit dem zugewiesenen Geschlecht zu identifizieren?
Und wie ist das bei Menschen, die das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht gerne verkörpern?
Keine Gewalterfahrungen?
Sie wissen nichts.

Aus dem Argument folgt wieder: Mein Körper gehört mir nicht. Ich darf ihn nicht benennen.
Oder mein Benennen ist Resultat einer Beschädigung.
Also nicht richtig. Nicht richtig richtig.
Die Fachkraft weiß es besser.
Ich habe Glück, dass sie es gut meint.

Natürlich hat(te) die Gewalt Auswirkungen.
Die Erlebnisse die ich heute als Gewalt bezeichne haben mir beigebracht:
„Da wo du stehst, kann man nicht stehen.“
„Da wo du stehst, ist Nichts.“
„Da ist besser nichts!“
Ich kann nicht sagen, was gewesen wäre, wenn ich das nicht erlebt hätte.
Es war zu früh als dass es ein Früher gäbe, eine unbeschädigte Referenzidentität.
Aber grade denke ich, dass ich dann vielleicht hätte früher sagen können:
Das bin ich. Das ist mein Körper. Ich nehme wahr.
Ich brauche. Ich will. Ich benenne. Ich werte.

Ich hab großen Respekt vor allen, die weniger beirrbar als ich in dieser Welt Transidentitäten navigieren.
Wirklich großen Respekt und ich habe großes Glück, Menschen oder Gedanken von Menschen (in schriftlicher Form) zu treffen, die sich mit ähnlichen Themen auseinander setzen.
Die Worte (er)finden, Comics zeichnen, ihre Erfahrungen teilen, Räume ins Leben rufen.
Manchmal schäme ich mich, dass ich dazu (grade noch) nicht so viel beitragen kann.

Manches fehlt mir auch noch. Zum Beispiel ein Begriff, der in dem größeren Raum „non binary“ eine genauere Adresse darstellen kann.
Es gibt Menschen die identifizieren sich als neutrois, oder neutral. Aber das passt für mich nicht.
Ich bin nicht neutral. Ich fülle eine Position aus, und zwar eine definierte, die nicht neutral, sondern relativ zu anderen möglichen Positionen (zum Beispiel der neutralen Position) ist.

Ich fühl die jetzt. Immerhin das: Ich spüre endlich, dass ich einen Raum einnehme.
Und ich denke, dass es dafür Worte geben wird.
Weitersuchen. Ich habs nicht eilig.
Und ich werd sie schon finden.
Ich bin ein Wortmensch.