W_Ortfindungsstörungen

Ich finde es schwer, eine Identität zu bauen die stabil genug ist, um darauf durch die Welt zu rollen.
Einen Wort-Ort an dem ich mich aufhalten kann, und an dem andere Menschen mich erreichen können.
Jetzt bewohne ich einen Zwischenort mit der Sammeladresse „non-binary“, und das ist erst mal okay so.

Ich identifiziere mich nicht als Frau, obwohl mein Körper weiblich gelesen wird.
Ich identifiziere mich aber auch nicht als Mann.

Verdammt war das oft verwirrend. Mir fehl(t)en die Worte.
Worte, die ich bewohnen kann. Worte, mit denen ich mich mitteilen kann.
Ich bin ein Wortmensch.

Oft bin ich haltlos im Wortgestrüpp herumgeirrt.
Völlig ungeplant brach ich aus dem Unterholz, während eines Gesprächs mit einer fast Fremden:
„Ich bin aber keine Frau!“
Die Scham, wenn dann nachgefragt wurde, was ich denn damit meine.
Keine Worte.
Es war so, als gäbe es mich nicht.
Dabei war ich durchaus vorhanden.

Dann sind da die Delegitimierungsstrategien.

Sie wohnen in meinem Kopf, aber auch auf dem Personalausweis und in anderen Formularen.
Sie wohnen in den Köpfen der Menschen mit denen ich außerhalb meiner Seifenblase zu tun habe.
Aber sie wohnen auch in den Köpfen der Menschen, mit denen ich in meiner Seifenblase zu tun habe.

Ist ja nicht wichtig (welches Geschlecht eins hat), ist eh alles dekonstruierbar.
Wer ist schon ganz Mann oder Frau?
So viele Frauen haben Probleme, ihren Körper anzunehmen.
Dich kann doch niemand ernst nehmen.
In dem Alter solltest du es aber langsam mal wissen.
Es ist ja auch grade schick, Weiblichkeit abzulehnen.
Solange die anderen dich für eine Frau halten, wirst du wohl eine sein.
(…)

Dann sind da die Gewalterfahrungen.
Mein Körper gehört mir nicht. Wurde mir beigebracht.
Jetzt wird versucht mir beizubringen, dass die Gewalterfahrungen mich zu dem gemacht haben, was ich bin.
„Immerhin wissen Sie, dass Sie das erlebt haben. Die anderen wissen das oft nicht mal.“
Welche anderen? Die anderen Trans*-Menschen? Haben Sie mit denen allen mal gesprochen? Wissen Sie, dass bei ihnen allen erlebte Gewalt der Grund ist, sich nicht mit dem zugewiesenen Geschlecht zu identifizieren?
Und wie ist das bei Menschen, die das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht gerne verkörpern?
Keine Gewalterfahrungen?
Sie wissen nichts.

Aus dem Argument folgt wieder: Mein Körper gehört mir nicht. Ich darf ihn nicht benennen.
Oder mein Benennen ist Resultat einer Beschädigung.
Also nicht richtig. Nicht richtig richtig.
Die Fachkraft weiß es besser.
Ich habe Glück, dass sie es gut meint.

Natürlich hat(te) die Gewalt Auswirkungen.
Die Erlebnisse die ich heute als Gewalt bezeichne haben mir beigebracht:
„Da wo du stehst, kann man nicht stehen.“
„Da wo du stehst, ist Nichts.“
„Da ist besser nichts!“
Ich kann nicht sagen, was gewesen wäre, wenn ich das nicht erlebt hätte.
Es war zu früh als dass es ein Früher gäbe, eine unbeschädigte Referenzidentität.
Aber grade denke ich, dass ich dann vielleicht hätte früher sagen können:
Das bin ich. Das ist mein Körper. Ich nehme wahr.
Ich brauche. Ich will. Ich benenne. Ich werte.

Ich hab großen Respekt vor allen, die weniger beirrbar als ich in dieser Welt Transidentitäten navigieren.
Wirklich großen Respekt und ich habe großes Glück, Menschen oder Gedanken von Menschen (in schriftlicher Form) zu treffen, die sich mit ähnlichen Themen auseinander setzen.
Die Worte (er)finden, Comics zeichnen, ihre Erfahrungen teilen, Räume ins Leben rufen.
Manchmal schäme ich mich, dass ich dazu (grade noch) nicht so viel beitragen kann.

Manches fehlt mir auch noch. Zum Beispiel ein Begriff, der in dem größeren Raum „non binary“ eine genauere Adresse darstellen kann.
Es gibt Menschen die identifizieren sich als neutrois, oder neutral. Aber das passt für mich nicht.
Ich bin nicht neutral. Ich fülle eine Position aus, und zwar eine definierte, die nicht neutral, sondern relativ zu anderen möglichen Positionen (zum Beispiel der neutralen Position) ist.

Ich fühl die jetzt. Immerhin das: Ich spüre endlich, dass ich einen Raum einnehme.
Und ich denke, dass es dafür Worte geben wird.
Weitersuchen. Ich habs nicht eilig.
Und ich werd sie schon finden.
Ich bin ein Wortmensch.


10 Antworten auf „W_Ortfindungsstörungen“


  1. 1 Mika Murstein 22. Oktober 2014 um 9:56 Uhr

    Danke für den wunderschönen und W_Orte findenden Text. Ich habe immer wieder angefangen dazu etwas zu schreiben und wieder abgebrochen, gelöscht, wenn andere label über non-binary hinaus keinen Aufenthaltsort boten. Dein Text ist so ermutigend, sich nicht unter Druck zu setzen.

  2. 2 Frl. Urban 28. Oktober 2014 um 18:19 Uhr

    „Es ist ja auch grade schick, Weiblichkeit abzulehnen.“
    Spätestens wenn nonbinary Femmes ins Spiel kommen, ist diese Aussage Unsinn. Auch wenn ich mich nicht als weiblich, sondern als feminin sehe.

    Grüße von einer anderen nonbinary Adresse

  3. 3 bluespunk 28. Oktober 2014 um 18:44 Uhr

    Danke für deine Anmerkung.

    Wenn man die Aussage als allgemeine Aussage über (non-binary) Menschen liest, dann ist sie auf noch viele andere Weisen Unsinn bis problematisch. Ich habe auch schon überlegt, ob ich damit, dass ich sie in diesen Kontext stelle, zu sehr negiere, dass Weiblichkeit/Femininität tatsächlich von vielen Menschen abgewertet wird. Da ließen sich sicher viele Beispiele/problematische Deutungen finden.

    Ich hab diese Aussage aber nicht allgemein gemeint, sondern eher sehr persönlich.

    Was ich damit sagen wollte war: Als Delegitimierungsstrategie in meinem Kopf (bzw. es wurde auch schon so an mich herangetragen zb. ) gibt es den Dreh, dass ich mich nur deswegen nicht als Frau identifiziere, weil ich diese Identität abwerte.

    Für mich ist es so, dass ich eher sogar weniger ein Problem mit (eigener) Femininität habe, seitdem es zumindest innerlich nicht mehr die Schublade ist, aus der ich ständig rausspringen muss.

    Ist nicht so gut ausgedrückt. Ich hing auch selbst schon mehrmals innerlich dort. Sorry.

  4. 4 C. 31. Oktober 2014 um 14:14 Uhr

    hast du schon einmal darüber nachgedacht, das konstrukt „gender“ ganz abzulehnen, anstatt dir darüber den kopf zu zerbrechen, wie du dich in dieses unterdrückungssystem einzuordnen hast?

    „gender“ ist kein neutrales spektrum, es ist eine hierarchie die weibliche menschen durch das aufzwingen von „femininität“ männlichen menschen und „maskulinität“ unterordnet. femininität und maskulinität sind kulturelle kategorien, weiblichkeit und männlichkeit biologische realitäten, aus denen man sich nicht selbst heraus-identifizieren kann. dein körper bleibt männlich oder weiblich – und wird in den meisten fällen auch so gelesen – egal wie du ihn nennst, egal wie und durch was du ihn transformierst.

    es ist mehr als verständlich, dass viele frauen, alias weibliche erwachsene, sich ungern frauen nennen oder wie frauen behandel werden wollen, wenn „frau“ nicht einfach weiblicher erwachsener mensch bedeutet, sondern „weiblichkeit“ mit „femininität“ gleichgesetzt wird und frau dank gender als untermensch klassifiziert wird.

    warum schaffen wir nicht endlich „gender“ ab?

    ich empfehle allen die fb-gruppe „discussing gender critical & gender identity“ https://www.facebook.com/groups/genderdiscusssion/

    sowie diesen artikel: http://liberationcollective.wordpress.com/2012/06/08/a-feminist-critique-of-cisgender/

  5. 5 bluespunk 31. Oktober 2014 um 15:47 Uhr

    Hallo C.,

    danke für den Denkanstoß – ich bin deiner Lektüreempfehlung gefolgt, bleibe jedoch etwas verwundert bis befremdet zurück.

    Ich möchte dich gerne fragen, was du denkst was es für den Kampf gegen ein sexistisches binäres System bringen soll, wenn Menschen wie ich aufhören sich darüber Gedanken zu machen, wie sie sich identifizieren? Trägt es nicht eher zur Auflösung von Binarität bei, wenn nicht alle gezwungen werden sich binär zu identifizieren?

    Und meinst du nicht, wenn ich das gut könnte, hätte ich das schon längst getan? Es ist ja nicht so, dass eine_r überall offene Türen einrennt, wenn er_sie sagt: Ich sehe mich weder als Mann noch als Frau, sondern irgendwo dazwischen/abseits davon.

    Außerdem möchte ich dich fragen, warum du ausgerechnet mich das fragst (also warum ich gender nicht einfach abschaffen will) und nicht z.B. die Leute, die die Emma machen oder die BILD.
    Falls es daran liegt dass du mich als Verbündete_n im Kampf gegen Hierarchisierung von Menschen mit verschiedenen Körperformen gewinnen willst – rennst du offene Türen ein.
    Aber dann sollte dir ein_e Verbündet_e, der_die weiß wo er_sie steht, lieber sein als eine_r, der_die sich vereindeutigt, um besser in dein Raster zu passen und das herrschende System wiederzuspiegeln.

    Ich wiederum schätze Verbündete, die wenigstens meine Existenz anerkennen. Wenn du sagst: „dein körper bleibt männlich oder weiblich“ dann nimmst du dir das Recht (konform mit der herrschenden Ideologie) gegen meinen Willen und gegen mein Empfinden meinen Körper zu benennen – wie jeder Behördenarsch auch. Wie Fridge Scum es so schön schreien: „Don‘t call this a female body, it’s mine!“

    Dass ich trotzdem von den meisten Menschen meistens als Frau gelesen werde, weiß ich selbst. Das hat Nachteile, aber auch Vorteile – zum Beispiel macht es den Aufenthalt im öffentlichen Raum wesentlich sicherer. Cis-Privilege existiert. Ebenso wie male privilege. Warum soll sich das gegenseitig ausschleißen? I don‘t get it.

    Ich wäre ja nicht dafür, gender abzuschaffen, sondern menschenverachtende Unterdrückung abzuschaffen. Die findet in unserer Gesellschaft auch noch entlang anderer Linien statt.

    Übrigens mag ich auch nicht, wie du „Untermensch“ verwendest, weil es in meinen Augen das Patriarchat mit dem Nationalsozialismus gleichsetzt. Das finde ich aus mehreren Gründen problematisch.

  6. 6 bluespunk 31. Oktober 2014 um 15:59 Uhr

    Der Vollständigkeit halber noch:

    „Und meinst du nicht, wenn ich das gut könnte, hätte ich das schon längst getan? Es ist ja nicht so, dass eine_r überall offene Türen einrennt, wenn er_sie sagt: Ich sehe mich weder als Mann noch als Frau, sondern irgendwo dazwischen/abseits davon.“

    Auch wenn Menschen sich als Mann oder Frau identifizieren, obwohl ihr Körper als weiblich oder männlich gelesen wird, sind sie menschenverachtender Unterdrückung ausgesetzt. Damit geht viel Schmerz und Leid einher. Das lässt sich nicht wegdiskutieren und ich wünsche mir von Menschen, dass sie das anerkennen und die Kämpfe derer, die in dieser Situation sich befinden, anerkennen.

  7. 7 C. 31. Oktober 2014 um 17:05 Uhr

    hallo bluespunk,

    […] deine existenz erkenne ich bereits dadurch an, dass ich mit dir rede, oder etwa nicht? wenn ich sage, dass dein körper männlich oder weiblich bleibt, dann spreche ich von biologischen realitäten. […]

  8. 8 bluespunk 01. November 2014 um 11:59 Uhr

    C., es gibt genug Räume in diesem Leben un in diesem Internet, in denen ich mit solchen übergriffigen Aussagen konfrontiert werde. Ich habe oben in meinem Text beschrieben, wie scheiße ich solches Verhalten finde und das wird sich nicht plötzlich ändern. Ich finde solide Kapitalismuskritik und (queer)feminismus super, aber auf sonen Mist habe ich keine Lust. Solchen übergriffigen Mist werde ich in Zukunft einfach nicht mehr freischalten. Wenn du weiter mit mir diskutieren möchtest, dann tue dies bitte respektvoll, nimm Rücksicht auf meine (oben bereits artikulierten) Grenzen und suche dir vielleicht Themen, bei denen du nach selbstkritischer Prüfung denkst, dass wir einen Konsens finden können und bei denen es dir nicht nur um Missionierungsdrang geht.

  9. 9 C. 02. November 2014 um 8:33 Uhr

    bluespunk,

    wenn man nicht mal mehr über biologische relitäten sprechen kann, ohne das diese als „übergriffig“ bezeichnet werden, ist feminismus, eine bewegung gegen die unterdrückung des weiblichen geschlechts und damit einer biologischen realität, unmöglich. frauen werden nicht aus ominösen gründen unterdrückt, sondern weil sie dem weiblichen geschlecht angehören. *das* ist übergriffig.

    klar ist es deine entscheidung, auf deinem persönlich blog zu posten, was du magst, und zu verurteilen, was du scheiße findest. ich bezweifle jedoch stark, dass dich queer-feminismus persönlich weiterbringen wird. dein beitrag zeugt von großer verwirrung.
    trotzdem viel glück.

  10. 10 bluespunk 02. November 2014 um 10:49 Uhr

    Hallo C.,

    ich habe nirgendwo behauptet, dass Frauen* nicht unterdrückt werden. Ich weiß dass ich in einem Körper lebe der meistens als weiblicher Körper gelesen wird und glaub mir, ich hatte durchaus schon Situationen, in denen das zu meinem Nachteil war und ich dies auch mitgeschnitten habe. Mit dem Thema haben wir nur deswegen Stress, weil du mich da deswegen nicht verstehen möchtest, weil ich deinem Kernanliegen nicht nachkommen werde.

    Übergriffig finde ich deinen Drang, mir zu erklären, dass ich eine Frau sei. Ich mag dir jetzt auch mal eine Lektüreempfehlung geben. Bitte lies „Whipping Girl“ von Julia Serano.

    Nicht nur Männer können übergriffig sein.
    Identitäten sind vielfältiger als du gerne hättest – deal with it. Und löse es nicht dadurch, dass du wahllos irgendwelchen non-binary Trans*leuten im Internet erzählst, was „die Realitäten“ sind und wie sie sich zu identifizieren haben. Das IST übergriffig und diskriminierend.

    Zum Thema Verwirrung: Gender abzuschaffen, um das Patriarchat zu überwinden halte ich für ähnlich ausgereift, wie Geld (oder Zinsknechtsschaft ;) ) abzuschafften, um den Kapitalismus zu überwinden.
    Dass du an meinem persönlichen Weiterkommen interessiert bist, nehme ich dir nicht ab. Denn dann wärest du auch daran interessiert, nicht übergriffig zu sein.

    Und noch eine Lektüreempfehlung zum Schluss: Zum Thema „Unterschiede aushalten“ und darüber dass nicht alle Frauen* dieselben Interessen haben, hat mir unter anderem Audre Lorde viel beigebracht. Ihre Autobiographie ist sehr toll. Aber auch viele ihrer Essays. Auch lesen!

    Nen Gruß.

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