Archiv für November 2014

Diese Sache mit der Cis/Trans-Binary

In letzter Zeit ist es mir häufiger vorgekommen, dass Menschen von einer „Cis/Trans-Binary“ geredet haben. Sei es in den Texten die unter meinem letzten Post verlinkt wurden. Sei es im Offline-Leben. Ich versuche grade, eine Position dazu zu finden oder zumindest die Begriffe für mich soweit zu sortieren, dass ich darüber reden kann, ohne großen Quatsch zu erzählen.

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht so richtig, wie es zu der Annahme kommt, dass es so etwas wie diese Binary gibt.
Sicher gibt es Menschen, deren Erfahrungen Körper und Identität in dieser Gesellschaft zu navigieren sich gut zusammenfassen lassen mit dem Trans* Label.
Und es gibt Menschen deren Erfahrungen damit sich gut zusammenfassen lassen mit dem Cis* Label.

Und dann ist es sicher sinnvoll davon auszugehen, dass es Raum geben sollte für Menschen mit spezifischen Erfahrungen, und durch solche Label versuchen zu klären für wen dieser Raum gedacht ist. Aber es wird immer Menschen geben, die sich an den Ecken und Bruchkanten des Spektrums befinden und die sich nicht auf diese Weise sortieren lassen können. Jede Binarität ist eine Vereinfachung dessen was existiert. Es kann nur von Vorteil sein, das auf dem Schirm zu haben – meiner Meinung nach.

Im gesamtgesellschaftlichen Kontext hat Cis* grade so einen Bekanntheitsgrad wie früher Heterosexualität. Es gibt ein vielzitiertes Beispiel in meinem Bekanntenkreis für die Blindheit derer die sich in der Norm befinden dafür, dass sie auch eine Verortung haben (und nicht nur die anderen).

Steht jemand auf dem Marktplatz und macht Interviews mit Passant_innen.
Interviewer: „Sind Sie heterosexuell?“
Passant: „Nein!!!! Ich bin normal, und meine Frau ist auch normal!!!!“

Genauso ist es mir schon oft über den Weg gelaufen, dass grade weiße Männer*, die von Geburt an als Männer* gelesen wurden und mit entsprechenden Privilegien gelinde gesagt nicht vorsichtig umgehen, sich dieses Labels sehr verwehren. Gerne auch mit dem Argument: Warum soll ich in einer Schublade sein? (Subtext: Es genügt ja, wenn die geanderten in Schubladen sind.) Ist es übergriffig oder aufklärend, ihnen zu verdeutlichen, dass sie eine bestimmte Verortung haben und nicht neutral sind?

Das Cis*-Label ist aber für viele auch problematisch, weil sie da falsch hereingeordnet werden gegen ihren Willen. Nadine Lantzsch schrieb über den „queer gaze“ und wie Menschen danach geordnet werden ob sie „queer genug“ erscheinen. Frl. Urban schrieb über den Schmerz der häufigen Misgenderung und die Schwierigkeit, sich mit den vielen verletzenden Situationen auseinander zu setzen, die dabei entstehen.

Ich finde dass die Bruchkanten eines Begriffs oft viel darüber aussagen, was diesen Begriff konstituiert. Dass das Cis* Label erstmal allen übergestülpt wird, die nicht als jenseits davon verortet erkennbar sind, ist ebenso problematisch wie symptomatisch.

Bei mir ist das ähnlich. Meistens werde ich als Frau gelesen und somit verkannt.
Das ist frustrierend.
Noch frustrierender aber ist das Wissen darum, dass es nicht stressfrei wäre, auch nur annähernd richtig gelesen zu werden.
Manchmal passiert es mir, dass ich aus dem Haus gehe und mich sehr eins mit mir fühle. Tagsüber passiert es dann häufiger, dass Kinder mich fragen (oder ich mitkriege wie Kinder ihre Eltern fragen) „was“ ich nun eigentlich bin. Abends und nachts, wenn enthemmtere Erwachsene unterwegs sind, werde ich des häufigeren von wildfremden Menschen auf der Straße angesprochen, ob ich nun nen Mann oder ne Frau bin. Mehr oder weniger aggressiv und bedrohlich, aber immer mit einem Entitlement, das mit völlig schleierhaft ist. Ehrlich, ich käme nie auf die Idee, eine Person die grade ein Bier von mir kaufen will oder die einfach auf dem Gehsteig an mir vorbeigeht, das zu fragen.

(Gleichzeitig kann ich mich nicht davon freisprechen, innerlich solche Gedankenprozesse zu durchlaufen. Nur dass ich Irritation in der Regel gut und nicht störend finde.)

Wenn ich als Frau* gelesen werde, kann ich mich oft stressfreier bewegen, was für mich keine unwesentliche Entlastung ist. Ich bin in einer dorfigen Kleinstadt aufgewachsen, in der ich sowas wie der allgemein bekannte Freak war. Eine billige Möglichkeit seinen Stress abzureagieren, sich als Arschloch oder wahlweise als Gut_e Christ_in auszuprobieren, oder was auch immer. Seit ich dort weggezogen bin, ist es nicht mehr Alltag, dass ich beschimpft werde, wenn ich auf die Straße gehe. Manchmal wenn es mir sehr scheiße geht, ist es regelrechter Balsam für meine Seele, durch die abendliche Stadt zu gehen und dort in Ruhe gelassen zu werden. Es ist schon bitter, dass die wenigen Momente, in denen ich so repräsentiere wie ich gerne möchte, nämlich als „wedernoch“ (die einzige Position die zu lesen ich den meisten Passant_innen wohl zutrauen kann), durch die Reaktionen mancher Leute darauf mit solch schmerzhaften Erinnerungen verquickt werden.

Ein bisschen erinnert mich die Problematik an einen Witz, der zum bi visibility day im Umlauf war. Lange ging es mir so, dass ich mich in queeren Räumen auf eine unbestimmte Weise sichtbarer gefühlt habe. Das war/ist aber auch nicht immer nur angenehm.

Die rechtliche Situation und Möglichkeiten zu Transistionieren sind noch eine recht unüberschaubare Angelegenheit für mich. Ich denke mal dass sie nicht zu meinem Vorteil sind, da es schon Transmänner und -frauen schwer genug haben. Aber irgendwie fühle ich mich, alles zusammen genommen, im Verhältnis auch nicht mega unterdrückt. Ich finde es schwierig, alleine anhand von binären Kategorien, sei es nun Mann*/Frau* oder Tans*/Cis* Privilegien zu diskutieren. Meiner Meinung nach passiert es immer, dass Erfahrungen von bestimmten Menschen dabei unter den Tisch fallen oder sogar absichtsvoll unter den Teppich gekehrt werden. Ich habe jetzt viele Geschichten, die mir dazu einfallen, nicht erzählt, weil sie nicht meine sind und ich sie nicht vereinnahmen will. Ich halte auch nicht so viel davon zu versuchen, für ALLE zu sprechen, weil das auch wieder eine Anmaßung wäre.

Also: Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ultimatives ZuendeGedachtsein. Im Gegenteil.
Viele Fragen sind bei mir offen. Ich dürste nach Austausch mit anderen Menschen. Wenn euch etwas von dem was ich schrieb zweifelhaft oder streitbar erscheint, dann freue ich mich, wenn ihr mir einen entsprechenden Kommentar da lasst. Damit ich weiter denken kann.

Offene Fragen für mich wären zum Beispiel:
Wann ist es sinnvoll und wann absolut hinderlich, auf die Begriffe cis* und trans* zurückzugreifen?
Wie kann sichtbar gemacht werden, dass es dazwischen keine bruchfreien Übergänge gibt?
Was will ich von anderen erwarten, was will ich mir erkämpfen?
Wie kann ich falsche Sicherheiten sichtbar machen/erinnern?
In welchen Räumen fühle ich mich (noch) zugehörig/willkommen, in welchen nicht (mehr)?
Wie ist das bei euch?

Ausnahme: Ich möchte hier nicht lesen dass ich in Wirklichkeit doch eine Frau sei, dass ich nur DIE REALITÄT™ aktzeptieren müsse, und so weiter. Darauf habe ich hier keinen Bock mehr, das begegnet mir schon oft genug in Situationen, in denen ich nicht die Wahl habe. Kommentare die mit mir oder mit anderen in dieser Weise übergriffig umgehen, werde ich nicht mehr freischalten. Ansonsten freue ich mich auch über Kontroversen.

Passing (Snippet)

I am passing a stranger on the street.
Powered by puzzeling entitlement, s_he shouts at me:
„Are you a man or a woman? Decide!!!“
(This really happened.)

In those moments we both pass each other.
In those moments I think: I will never be able to pass
because s_he will never be able to think me.

On the other hand, I can pass European borders easily.
I have a passport.
I can have a safe passage to the UK.
I can have a safe train ride.
I maybe won‘t even have to show my papers, while others will be thoroughly controlled.