Archiv für Dezember 2014

Kleine nichtbinäre Wunschliste

Ich hab in letzter Zeit viel diskutiert, gelesen, nachgedacht, gesprochen, zugehört, wieder nachgedacht, auch viel nachgefühlt, und dabei sind ein paar Reste bei mir hängen geblieben. Aus Gesprächen, aus Blogposts, aus Situationen auf Parties. Es sind keine schönen Reste, und ich habe es auch nicht geschafft sie in eine spachlich hübsche Form zu bringen oder eine nette Einleitung dazu zu schreiben. Was solls.

Was stattdessen draus geworden ist, ist ein kleiner Katalog von Wünschen, oder meinetwegen auch Forderungen. Ich habe darüber nachgedacht, wie ich nicht behandelt werden will. Vor allem nicht von anderen Feminist_innen. Das hier ist das Ergebnis.

-

Bitte setze nicht die Position von nichtbinär identifizierten Trans*personen mit der von (Cis-)Männern gleich.
Wenn du vergleichen willst, bitte berücksichtige, dass Non-binaries, die als Frauen/Mädchen gelesen werden/wurden, oft als solche Gewalt/Diskriminierung erlebt haben.
Bitte berücksichtige, dass non-binaries nicht als solche den selben Expert_innenstatus zuerkannt bekommen (im Gegenteil), noch dieselbe Repräsentation erfahren. Welches war dein Kinder-/Jugend-/Phantasy-/…buch mit der coolsten nichtbinären Person? (Hey, wenn dir eins einfällt, schreib es gerne in die Kommentare!)
Es gibt auch nicht dieselbe Möglichkeit, von anderen Menschen so gelesen zu werden, wie man sich identifiziert.

Bitte versuch nicht, mein Verhältnis zu Frau-sein/Weiblichkeit/Mann-sein/Männlichkeit fremdzudefinieren.
Bitte berücksichtige, dass nichtbinär ein Sammelbegriff ist und sich in diesem Raum viele Positionen einnehmen lassen, die sehr unterschiedlich sind.
Wenn du dich schon mal mit einer anderen nichtbinär identifizierten Trans*person über deren Verhältnis zu Geschlecht/sexueller Orientierung/Wetter/pink/Erdnüssen/Pronomen unterhalten hast, bitte schließ darauf nicht auf meines. Es gibt vielleicht Gemeinsamkeiten, und es gibt mit Sicherheit bestimmte Wünsche die ähnlich sind (zum Beispiel der nach Respekt vor der Selbstverortung). Aber es gibt auch viele Unterschiede. Einige lassen sich zum Beispiel unter den Begriff Frau* fassen, andere nicht. Alle aus Gründen. Frag und lass den Menschen Raum, für sich selbst zu sprechen.
Versuch bitte nicht, allein von meinem Äußeren/momentanen Outfit auf mein Verhältnis zu diesen Themen zu schließen.

Erzähl mir nicht, was ich brauche.

Und bitte erzähl mir nicht, dass es schlecht für den Feminismus sei, dass ich keine Frau bin und dass es immer weniger Frauen gibt. Ich bin Feminist_in und das wird sich auch nicht ändern. Das ist ein wichtiger Teil meiner Identität, und dafür gibt es gute Gründe. Die gehen nicht über Nacht weg, nur weil ich mich geoutet habe. Und dass ich keine Frau bin, hab ich mir nicht ausgesucht, sondern es hat sich so ergeben. Und: keine Angst. Ich glaube die Gefahr, dass du plötzlich mit deiner Identifizierung alleine da stehst, ist relativ gering.

Versuch nicht, mich gegen andere Trans*personen auszuspielen.

So, das wärs. Ha!
Fällt eine_r noch was ein?

Was ich kann.

Grade geht es mir nicht so gut. Zum einen hat mich die Vorweihnachtszeit mit ihrem Abfeiern institutionalisierter Beziehungen (Herkunfts- und Kleinfamilie) voll erwischt.
Zum anderen beschäftigen mich immer noch mein Outing und damit einhergehende Positionierungsverschiebungen. Und obwohl es mir in Bezug auf einige Lebensbereiche viel gegeben hat, finde ich andere Auseinandersetzungen ganz schön heftig.
Außerdem, es ist kalt und dunkel. Meh.
Es ist alles nicht so einfach. Manchmal bewege ich mich durch den Tag wie durch eine zähe Masse Schmerz.
Und selbst das was mich sonst meistens lächeln oder wohlfühlen lässt, erreicht mich grade nicht so.

Umso wichtiger aber, mir selbst Anerkennung dafür zu geben, was ich kann und was nicht selbstverständlich ist dabei.

Ich kann die Einsamkeitsschmerzen die in mir sind ertragen, ohne dass ich darüber hoffnungslos oder komplett weltflüchtig werde.
Ich kann gleichzeitig sehen dass es mein persönlicher Schmerz ist wie dass er gesellschaftlichen Gewalt- und Machtbeziehungen entwachsen ist.
Ich kann mich mit mir wichtigen Menschen auseinander setzen, ohne die Beziehung im Ganzen in Frage stellen.
Ich kann die Beziehungen die ich in meinem Leben habe sein lassen, obwohl sie grade manchmal für mich nicht spürbar und glaubhaft sind.
Ich kann wichtige Aufgaben erledigen, auch wenn meine Konzentrationsfähigkeit und meine Kraft grade eher knapp sind. Ich kann mich zuweilen fokussieren.
Ich kann mir meinen Schmerz und die damit einhergende eingeschränkte Repräsentabilität und Leistungsfähigkeit (meistens) verzeihen.
Ich kann die notwendige Auseinandersetzung und Konfrontation mit meinem Körper weiterführen.
Ich kann mich einigermaßen um mein Essen kümmern.
Ich kann hinreichend regelmäßig einfach alles scheißegal sein lassen und kekseessend auf dem Lieblingssessel mit Serien versumpfen.
Ich kann Wegfahrpläne schmieden. Ich kann mich auch dabei auf andere Menschen beziehen.
Ich kann denken, dass dies eine endliche Phase ist.
Ich kann fühlen, dass ich seit letztem Jahr um die Zeit ein Stück gewachsen bin.
Ich kann das innerlich ein bisschen feiern sogar.

Es gibt einiges was ich noch besser können mag. Oh ja!
Echt einiges. Aber das macht mich grade eher neugierig als unzufrieden.
Ich kann weiterwachsen. Yeah!