Kleine nichtbinäre Wunschliste

Ich hab in letzter Zeit viel diskutiert, gelesen, nachgedacht, gesprochen, zugehört, wieder nachgedacht, auch viel nachgefühlt, und dabei sind ein paar Reste bei mir hängen geblieben. Aus Gesprächen, aus Blogposts, aus Situationen auf Parties. Es sind keine schönen Reste, und ich habe es auch nicht geschafft sie in eine spachlich hübsche Form zu bringen oder eine nette Einleitung dazu zu schreiben. Was solls.

Was stattdessen draus geworden ist, ist ein kleiner Katalog von Wünschen, oder meinetwegen auch Forderungen. Ich habe darüber nachgedacht, wie ich nicht behandelt werden will. Vor allem nicht von anderen Feminist_innen. Das hier ist das Ergebnis.

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Bitte setze nicht die Position von nichtbinär identifizierten Trans*personen mit der von (Cis-)Männern gleich.
Wenn du vergleichen willst, bitte berücksichtige, dass Non-binaries, die als Frauen/Mädchen gelesen werden/wurden, oft als solche Gewalt/Diskriminierung erlebt haben.
Bitte berücksichtige, dass non-binaries nicht als solche den selben Expert_innenstatus zuerkannt bekommen (im Gegenteil), noch dieselbe Repräsentation erfahren. Welches war dein Kinder-/Jugend-/Phantasy-/…buch mit der coolsten nichtbinären Person? (Hey, wenn dir eins einfällt, schreib es gerne in die Kommentare!)
Es gibt auch nicht dieselbe Möglichkeit, von anderen Menschen so gelesen zu werden, wie man sich identifiziert.

Bitte versuch nicht, mein Verhältnis zu Frau-sein/Weiblichkeit/Mann-sein/Männlichkeit fremdzudefinieren.
Bitte berücksichtige, dass nichtbinär ein Sammelbegriff ist und sich in diesem Raum viele Positionen einnehmen lassen, die sehr unterschiedlich sind.
Wenn du dich schon mal mit einer anderen nichtbinär identifizierten Trans*person über deren Verhältnis zu Geschlecht/sexueller Orientierung/Wetter/pink/Erdnüssen/Pronomen unterhalten hast, bitte schließ darauf nicht auf meines. Es gibt vielleicht Gemeinsamkeiten, und es gibt mit Sicherheit bestimmte Wünsche die ähnlich sind (zum Beispiel der nach Respekt vor der Selbstverortung). Aber es gibt auch viele Unterschiede. Einige lassen sich zum Beispiel unter den Begriff Frau* fassen, andere nicht. Alle aus Gründen. Frag und lass den Menschen Raum, für sich selbst zu sprechen.
Versuch bitte nicht, allein von meinem Äußeren/momentanen Outfit auf mein Verhältnis zu diesen Themen zu schließen.

Erzähl mir nicht, was ich brauche.

Und bitte erzähl mir nicht, dass es schlecht für den Feminismus sei, dass ich keine Frau bin und dass es immer weniger Frauen gibt. Ich bin Feminist_in und das wird sich auch nicht ändern. Das ist ein wichtiger Teil meiner Identität, und dafür gibt es gute Gründe. Die gehen nicht über Nacht weg, nur weil ich mich geoutet habe. Und dass ich keine Frau bin, hab ich mir nicht ausgesucht, sondern es hat sich so ergeben. Und: keine Angst. Ich glaube die Gefahr, dass du plötzlich mit deiner Identifizierung alleine da stehst, ist relativ gering.

Versuch nicht, mich gegen andere Trans*personen auszuspielen.

So, das wärs. Ha!
Fällt eine_r noch was ein?


11 Antworten auf „Kleine nichtbinäre Wunschliste“


  1. 1 eternallyn00by 18. Dezember 2014 um 10:34 Uhr

    Danke für diesen Text.

    Was mir noch einfallen würde, anknüpfend die Gelesenwerd-Möglichkeiten, anknüpfend an das Verhältnis zu Weiblich-/Männlichkeit, anknüpfend an das Outfit:
    Es gibt vorgefertigt und generell erkannt keinen nichtbinären Stil, keine nichtbinären Namen, keine nichtbinäre Art zu sprechen. Bitte hör auf, jede zwangsläufig binär gegenderte Handlung von mir als Hinweis auf mein wahres Geschlecht zu deuten. Bitte hör auf, alles, was mit meinem zugewiesenen Geschlecht assoziiert ist als cis zu sehen und alles, was mit dem „entgegengesetzten“ zu tun hat, als trans. Dazwischen zermahlen fühl ich mich auch ohne deine Hilfe.

    Oh, und: Bitte respektiere meine Wünsche nach bestimmten Pronomen auch, wenn ich für mich selbst manchmal andere verwende. Es ist immer ok nachzufragen, ob sich etwas verändert hat. Aber dass ich etwas tu heißt nicht automatisch, dass du das darfst. Dass ich mich in einem Text als Frau/Mann angesprochen fühle heißt nicht, dass du mich so kategorisieren darfst. Dass ich mich selbst in die Frauen-Kategorie stecke, wenn ich über ein vor allem Frauen betreffendes Thema spreche, bedeutet nicht, dass ich dir gerade heimlich verraten habe eigentlich eh eine Frau zu sein. Es gibt eben Gemeinsamkeiten, die über etwas anderes als Identität laufen, und wie ich mich da sprachlich zuordne oder abgrenze ist meine eigene Sache.

    Und: Dass ich nichtbinär bin, bedeutet nicht, dass ich es mit dem binären Geschlechtersystem einfacher hab als du. Ich weiß, dass ich da nicht hineingehöre, aber daran, mir einen alternativen Raum freizudenken, scheitere ich selbst täglich. Ich bin Expert*in für mich, aber nicht für andere nichtbinäre Personen und auch nicht für den Sturz der Zweigeschlechtlichkeit.

    Hmmm. Bei nochmaligem Lesen sehe ich, dass das eigentlich nur deine Punkte sind, ein bisschen vertieft. Ich schicke es trotzdem mal ab… und bin gespannt auf alle anderen Perspektiven, die noch kommen.

  2. 2 Nik 18. Dezember 2014 um 11:02 Uhr

    Mir fallen gerade leider kaum Kinder- und Jugendbücher mit nichtbinären Personen ein. Erst mit 19 habe ich den Roman „Every Day“ von David Levithan und die Graphic-Novel „Habibi“ von Craig Thompson gelesen, die beide sehr coole nichtbinäre Personen zur Hauptfigur haben. : )

    Vielen Dank für deine Liste! Ich bin ein Cis-Mann und werde versuchen all die Punkte auf der Liste in Zukunft so gut ich kann zu berücksichtigen.

  3. 3 Anni 18. Dezember 2014 um 22:24 Uhr

    Sag mir nicht welche Erfahrungen ich mache.
    Vermeide nicht das Wort Cis-Priviligiertheit.
    Sprich mir nicht mein feministisches Potential ab.
    Mach nicht, dass ich meine Zugehörigkeit zum Feminismus in frage stelle.
    Ordne respektvollen Umgang mit Trans*-Personen nicht als herausragende Solidarität ein.
    Schließe mich in deinem Feminismus nicht aus.
    Entgegne auf einen Trans*phobie-Vorwurf nicht mit Rechtfertigungen.
    Reproduziere nicht die Unsichtbarmachung von Non-Binary-Personen.

  4. 4 bluespunk 25. Dezember 2014 um 11:19 Uhr

    Danke für eure Kommentare! Für allem über eure, Anni und eternallyn00by hab ich mich sehr gefreut. Es bedeutet mir grade sehr viel mit Menschen in Kontakt zu sein, die sich mit ähnlichen Fragen rumschlagen wie ich.

  5. 5 Kim Reiter 01. Januar 2015 um 14:43 Uhr

    eternallyn00by: „Dass ich mich in einem Text als Frau/Mann angesprochen fühle heißt nicht, dass du mich so kategorisieren darfst. Dass ich mich selbst in die Frauen-Kategorie stecke, wenn ich über ein vor allem Frauen betreffendes Thema spreche, bedeutet nicht, dass ich dir gerade heimlich verraten habe eigentlich eh eine Frau zu sein.“
    1000x das! Da läuft bei mir ständig so ein Film ab, dass ich mich bei manchen Themen gar nicht traue, etwas dazu zu sagen.
    Ansonsten kann ich noch zufügen:
    Nur weil ich mich innerlich oft zerrissen fühle, heißt das nicht, dass meine Meinungen, Wünsche und Ansichten keinen Wert haben oder nur temporär sind.
    Bitte nehmt nicht meine psychischen Probleme zum Anlass, um mir meinen nicht-binären Status abzusprechen, weil das „nur ein Symptom der psychischen Krankheit“ ist.

  6. 6 lo visdh 01. Januar 2015 um 18:56 Uhr

    ich merke, dass ich extrem selten die möglichkeit habe, mit netten menschen direkt darüber zu sprechen, wie wir* uns grad positionieren/(nicht-)identifizieren/whatever. beim reden merke ich manchmal auch, dass mir worte fehlen. z.b. begriffe, die ausdrücken, dass etwas in bewegung/veränderung ist.
    ich lese und denke nach und schreibe manchmal was.

    ich finds nämlich total nervig, dass ich immer einen rechtfertigungszwang zugeschoben kriege, wenn ich mit leuten rede, die sich nicht so viel mit identität und (hetero)normativität auseinandergesetzt haben. anstatt einfach mal zuzuhören und das so zu lassen, wird mir immer klargemacht, dass ich da aber schon ne komische haltung habe und was ich denn jez von der person will/bzw. dass ich zuviel von der person verlange.
    dabei verlange ich nichts, ausser mich einfach so zu lassen. und mir vielleicht zuzuhören. aber das ist doch eine grundvoraussetzung für ein gespräch.
    ausserdem wirds immer sehr schnell extrem emotional, so in dem stil: waass, du willst meine ganze welt kaputtmachen und mir sagen, dass mein_e x_y_z falsch ist?! wie kannst du so arrogant sein, wer bist du überhaupt, ich muss dir überhaupt nicht zuhören, geh weg!
    ich habe schon viel übung, umschreibungen für „geschlecht“, „gender“, „diskriminierung“, „sexismus“, „definitionsmacht“ zu finden, um dasselbe zu sagen ohne diese abwehr-gefechte auszulösen.
    ist doch krass, oder?
    und die menschen, von denen ich jetzt rede, sind die, mit denen ich eigentlich gerne was zusammen machen würde, die sich links, feministisch und/oder queer positionieren.

    ich find’s jedenfalls schön, eure* gedanken zu lesen.
    ich würd mich jedenfalls freuen, wenn sich menschen, die* sich selbst nicht als non-binary, genderqueer, trans*, … positionieren, sich angesprochen und mitgemeint fühlen, sich damit auseinanderzusetzen.
    und ich wünsch euch* nen schönen start ins neue jahr! lo

  7. 7 Frl. Urban 03. Januar 2015 um 1:41 Uhr

    Danke! Danke! Dankedankedanke!! Auch wenn ich nicht glaube, dass irgendwer außer vielleicht meinen besten Femmefreundinnen es jemals jemand verstehen wird. :(

  8. 8 bluespunk 03. Januar 2015 um 14:01 Uhr

    Danke euch sehr für eure Kommentare! Ja das mit dem nicht pathologisieren/ nicht Identität auf Gewalterfahrung zurückführen finde ich auch wichtig.

    Und den Austausch hier finde ich grade voll ermutigend. Bevor ich die Wunschliste geschrieben habe war ich mir voll unsicher, ob ich überhaupt in der Position bin so was zu schreiben. Als Feminist_in wüsste ich voll was ich will und was ich nicht will, aber als non-binary Person … da fehlte mir voll was. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass es Situationen gibt, die mir über die unmittelbare Situation hinaus nachhängen, auch wenn ich mich in der Situation vielleicht ganz gut erklären konnte. Und eure Kommentare, euer sich darin wiederfinden und das weiterdenken ist grade voll die wichtige Bestätigung in einer Welt, in der man scheinbar kaum existiert. Und in der es scheinbar schnell als ausschließend / angriffig erfahren wird wenn ich eigene Positionen finde (wobei ich anfange das als Gemeinsamkeit zu sehen, also als möglichen gemeinsamen Wunsch von anderen scheinbar binär verorteten Menschen und mir, die Binary im Gesamten zu überwinden).

    Ja mehr direkt sprechen wäre/ist total wichtig. Auch um direkt und unmittelbar zu erfahren nicht alleine zu sein.

    Daran anknüpfend würde ich die Liste auch noch ergänzen wollen, nämlich um:

    Bitte denke dran wenn du einen Text schreibst oder dich anders an Menschen wendest, dass es nicht nur Männer und Frauen gibt. Versuche Formulierungen zu finden, die sichtbar machen, dass Menschen existieren die sich in keiner dieser beiden Kategorien wieder finden. Hab keine Angst dabei etwas falsch zu machen, auf der Suche nach neuen Wegen passieren zwangsläufig Fehler. Aber diese Suche nicht zu führen ist auch ein Fehler und (re)produziert Leid.

    PS: „notwendig“, lass es einfach. Ich werde hier keine Kommentare freischalten, in denen meine Verortung oder die von anderen mit Füßen getreten wird. Und du glaubst doch nicht im Ernst, dass du hier auf diese Weise etwas bewirken kannst. Das einzige was mit deinen Kommentaren hier passiert, ist, dass ich sie archiviere, um gegebenenfalls irgendwann einen Rant oder eine Glosse über witzige TERF-Logik zu schreiben. Insofern danke dass du mir Material lieferst. Aber eigentlich: NEIN danke.

  9. 9 Black cat on Trip 19. Januar 2015 um 8:55 Uhr

    nur ein kleiner Kommentar bzgl. Kinderbüchern, hab kurz nachgedacht und mir fiel „irgendwie anders“ (Cave/riddel) ein. bin allerdings nicht mehr in Besitz des Buches, also garantiere ich für nichts. aber es ist die Geschichte eines kleinen Wesens, welches überall herumläuft und nirgendwo hineinpasst, bis es irgendwann traurig irgendwo klingelt und ein anderes Wesen findet was es so nimmt, wie es ist. weiß, dass ich es als Kind sehr schön fand und im Nachhinein ohne nochmal hineinschauen zu können das hauptcharakterwesen als nicht binär kategorisieren würde. liebe Grüße

  10. 10 Black cat ob Trip 19. Januar 2015 um 9:07 Uhr

    außerdem wollte ich an dieser Stelle auch mal danke sagen. du/ihr sprecht mir aus dem Herz bzw kopf. schön zu lesen. wäre schön, eine Vernetzung aufzubauen bzw zu erhalten. ich denke, das könnte und allen Mut und Kraft geben ( auch wenn jetzt irgendwie pathetisch klingt). in diesem Sinne bis bald in diesem oder anderen Projekten ;)

  11. 11 Natanji 22. Januar 2015 um 15:40 Uhr

    Für mich wäre noch ein wichtiger Punkt: hör auf damit, in „cis“ und „trans“ eine Binärität zu sehen. Nichtbinärität *kann* sich auch auf diese beiden Konzepte beziehen. Nur weil ich nichtbinär bin, heißt das nicht automatisch, dass ich mich als trans* definiere. Ob ich dies tue, kann sogar kontextabhängig sein – gerade bei genderfluiden Personen, wo das empfundene Geschlecht von der Tagesform abhängen kann. Nonbinary ist keine Unterkategorie von trans*!

    Denke das mit. Erkläre nicht deinen FLTI*-Raum damit, wie das ein Raum für nicht-Cis-Leute sein soll, und mache mich damit in meiner nichtbinären weder-trans-noch-cis-Identität unsichtbar. Sicherlich gibt es Nichtbinäre, die sich eindeutig und immer als trans* sehen, aber schließe davon nicht auf andere! Erwähne Nichtbinäre bitte bei sowas *immer* explizit mit, sonst betreibst du gewaltvolle erasure.

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