The Power of Rejection

Manchmal kommt es mir so vor, als wäre es so eine Art Superkraft, Nein sagen zu können zu allem möglichen.
Eine Kraft, die ich leider nicht im Superformat zur Verfügung habe und die sich daher im alltäglichen leben sehr schnell abnutzt.
An Essen das ich nicht essen darf (wegen Unverträglichkeiten), an Lohnarbeitsdisziplinierungsbedarf (weil morgens fit sein und tagsüber dann geordnet produktiv), an Situationen in denen mit mir scheiße umgegangen wird oder in denen ich ignorant behandelt werde.

Und Zuschreibungen.

Die Gesellschaft in der ich lebe ist so organisiert, dass ständig von Männern und Frauen die Rede ist. Ich werde jeden Tag mit „Frau Sowieso“ angesprochen, gehe zur Frauenärztin, in die Frauenumkleide, werde mit femininen Pronomen gegendert undsoweiter. Wenn ich aus dieser Kategorie ausbrechen will gibt es – ganz legal – nur den sogenannten Gegenpol. Die Kategorie „Mann“. Ich habe gehört, da soll es etwas bequemer sein. Man wird ernster genommen wenn man etwas sagt. Man hat auf Anhieb mehr Experten-Credibility. Und es versuchen (zumindest wenn man cis ist) weniger Menschen, in deine Körperpolitiken hereinzureden. Aber da leben, nein danke. Kein Bedarf, nicht mein Ort.

Und da verheddere ich mich grade total oft, denn wie andere eine_n sehen ist etwas das doch sehr prägt. Ich habe früher immer gedacht, ich könnte es irgendwann mal schaffen, mir egal sein zu lassen, was andere von mir denken. Aber es ist alles so verflochten. Es ist diese Sprache und diese Normalität, in der ich einfach nicht vorkomme.

Bis da hin, dass, wenn ich körperlich transitionieren will, diversen Menschen vorspielen muss, ich wolle ein Mann sein. Ernsthaft, ich bewundere alle Non-binaries die diesen Schritt unternehmen und dieses bekloppte Cistem konfrontieren und bin saudankbar für Austausch darüber, wie das machbar ist. Ich versuche grade den Mut dafür zusammenzukratzen und fühle eine Menge Widerwillen vor dieser Notwendigkeit, wieder etwas vorspielen zu müssen. Ganz abgesehen von der Angst vor und Widerwillen gegen Ärzt_innen- /Psycholog_innen-/ Krankenhaussituationen und täglichen Anfeindungen hinterher. Vielleicht brauche ich einfach noch etwas Zeit dafür, diesen Mut zusammen zu kratzen, das überhaupt ernsthaft anzugehen. Vielleicht schaffe ich es auch nicht. Das macht mich grade oft hoffnungslos und traurig, aber auch wütend.

(Und da fängt auch die Angst schon an – ist es klug, diesen Absatz zu schreiben? Riskieren oder lieber weiter verstecken? Ich entscheide mich fürs riskieren und hülle mich in Wut.)

Früher hat man mir oft vorgeworfen, ich sei zu negativ. Aber wenn ich daran denke, was ich schon alles zurückweisen musste, wird mir heute noch ganz anders.
Ernsthaft, ich frage mich manchmal, wie ich überhaupt ich selbst bleiben konnte. Wenn ich zum Beispiel an das Kind denke, das ich mal war. An die sexualisierte Gewalt, an die täglichen Anfeindungen die überall im öffentlichen und privaten Raum passieren konnten, an die vielen „du-bist-falsch-und-deswegen-dürfen-wir-auch-kacke-zu-dir -sein“-Botschaften. Und dann denke ich manchmal, dass ich das nur konnte (ich bleiben, weiter leben), weil ich vieles zurückgewiesen habe, weil ich schon früh die kraft der Zurückweisung trainiert habe. Ach, ich habe einiges auch angenommen, ich hätte noch viel „negativer“ sein müssen, um wirklich unbeschadet zu bleiben. Ich hätte ein kleines tragbares schwarzes Loch gebraucht.

Ich würde nicht sagen, dass ich so anders war, weil ich kein Mädchen war. Ich würde auch nicht sagen, dass mir die Orientierung gefehlt hat, weil es keine ähnlich starren Rollenbilder für Non-binaries gibt wie für Mädchen und Jungs. Das Standardbild von „Androgynität“ kann sicherlich ähnlich einzwängend sein wie das für „Weiblichkeit“. Solche stumpfen Rollenbilder braucht doch kein Mensch. Aber vielleicht wäre es nett gewesen, zu wissen, dass ich existiere.
Später immer vor Fragebögen sitzen und eine halbe Stunde überlegen: Mann? Frau? Mann? Frau? Irgendwann was ankreuzen und gleich darauf wieder vergessen, warum es so anstrengend war, dieses dumme Ding jetzt auszufüllen.
Es ist gut zu wissen warum, aber es tut auch wieder weh, denn gleichzeitig wird mir bewusst, dass die Position, auf der ich stehe, in dieser Gesellschaft vor allem als Schimpfort vorhanden ist. „Weder Mann noch Frau sein“, „es“, … wird alles eher abwertend benutzt. Grausamerweise wird diese Abwertung vom Patriarchat noch gegen andere gender-nichtkonforme (z.B. Frauen die sich weigern der Norm zu entsprechen) und Trans*menschen gerichtet, um ihnen ihre Identität zu nehmen. Teile und herrsche.

Ich dachte immer, wenn ich erwachsen bin, dann kann ich die Zuschreibungen der anderen einfach liegen lassen und ich selber sein. Aber dieses ich-selber ist ja auch kein heiler Ort, an dem ich ohne gesellschaftliches Drumherum existieren kann. Ich bin genauso gesellschaftlich konstruiert wie jede Frau und jeder Mann, und kann mich nicht unabhängig davon denken. Das was passiert ist passiert, und das was mich umgibt damit muss ich umgehen. Der Unterschied zu früher ist nur, dass ich mehr Wahlmöglichkeiten habe, wo diese mir nicht von der binären patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft genommen werden.

Außerdem möchte ich das auch gar nicht mehr – unbedingt unabhängig von allen anderen sein. Das war eine Kindheitsphantasie, die vor allem deswegen so wichtig für mich war, weil es undenkbar war, dass ich mit anderen gut koexistieren kann. Es ist mir nicht egal, was andere von mir denken, und das wäre auch total problematisch. Zum Beispiel will ich niemanden der_die mir wichtig ist, absichtlich verletzen. Ich freue mich so sehr liebe Menschen um mich zu haben, mit denen ich reden kann. Ich freue mich so sehr darüber an ihrem Leben ein Stück weit teilhaben zu dürfen und meins ein Stück weit mit ihnen zu teilen.
Ich kann streiten und damit auch teilweise Zuschreibungen mitverhandeln. Ich kann politisch aktiv sein und mit dafür streiten, dass es für Menschen wie mich einfacher wird. Und das Patriarchat abzuschaffen und so. Auch wenn ich bisher noch nicht den Weg gefunden habe, mich da optimal einzubringen (außer dieses Blog zu schreiben).

Trotzdem trauere ich manchmal um diese kindliche Naivität, mit der ich annahm dass erwachsen werden auch unbesiegbar werden heißt. In Form unbegrenzter Fähigkeit zur Zurückweisung von Zuschreibungen. Auch vielleicht ein bisschen um das nicht-verstehen der Norm, das mir heute nur ausnahmsweise und tagesformabhängig zur Verfügung steht. Ich habe lange nicht verstanden, warum nur meinem Bruder erklärt wurde, wie das Fahhrad repariert werden kann. Er aber dafür keine Zopfgummis tragen durfte, wenn andere Menschen es mitbekommen konnten. Ich habe nicht verstanden, warum die meisten Mädchen Barbie-Sticker toll fanden und Sticker von Molchen blöd, obwohl die total niedlich waren. Manchmal stehe ich in der Drogerie und wundere mich ausgiebig über Produkte „für den Mann“ oder darüber was alles gepinkt wird, um es als „für die Frau“ zu markieren (pink ist toll, aber versuch mal eine Haarklammer in einer anderen satten Farbe zu finden … rot und schwarz zählen nicht!).

Grade verheddere ich mich auch vor allem in Pronomen. Es gibt kein Pronomen mit dem ich mich wohl fühle in der deutschen Sprache. Es gibt „sie“ und „er“ für Menschen, die jeweils Männer* und Frauen* bezeichnen. Ich kann sie umdeutend aneignen um mich zu bezeichnen, wie es auch andere Non-binaries teilweise tun. Für mich ist das grade vor allem ein Notbehelf. Ich bin daran gewöhnt, als Frau* gelesen zu werden, auch wenn das nicht meiner Selbstverortung entspricht. Ich bin daran gewöhnt, dass über mich als Frau* gesprochen wird und dass ich als Frau* mitgemeint bin.
Es ist für mich schwierig, von anderen Menschen zu fordern, das anders zu handhaben, zumal ich ihnen für das Problem „Wie denn?“ auch nur Notlösungen anbieten kann. „Er“ und „sie“ im Wechsel zu verwenden macht eine Art Raum auf für mich, andererseits bezeichnen mich halt beide Pronomen nicht wirklich. Die Vorschläge von Lann Hornscheidt und Anna Heger mag ich für ihr Vorhandensein, finde sie aber nicht wirklich praktikabel. Oder vielleicht fehlt mir auch grade einfach nur die Kraft und das Selbstbewußtsein, mich für solche Vorschläge stark zu machen?

Leider hake ich jetzt noch mehr an einer Stelle, an der ich vorher dachte, einigermaßen klar zu kommen.
Will ich in einem Raum sein, in dem nur das generische Femininum genutzt wird? Mein Kopf sagt: Ja, kein Problem, ich werde ja soweiso ständig als Frau* gelesen. Und deshalb identifiziere ich mich auch politisch mit vielen Anliegen von Frauen*. Grade wenn die Entscheidung zum generischen Femininum eine politische ist, finde ich das total nachvollziehbar und okay.
Fühlen tu ich: NEIN! AUF KEINEN FALL!!
Der Kopf fragt: Aber wieso denn nicht, hey was ist der Unterschied? Außer dass die einen „sie“ sagen, weil sie es nicht besser wissen. Die anderen deine Existenz sogar anerkennen und akzeptieren, aber an dieser für sie wichtigen symbolischen Sprachhandlung festhalten wollen?
Das Gefühl schweigt sich aus, aber es sträubt sich mit Händen und Füßen gegen diesen Raum. Ich finde es schwierig, das ernst zu nehmen und mit dieser neuen Empfindlichkeit umzugehen. Bin noch so ein bisschen ratlos damit.

So geneigte_r Leser_in, jetzt hast du diesen Text hinter dich gebracht und denkst vielleicht: Wie nervig, diese Non-binaries und anderen Transmenschen immer mit ihren Empfindlichkeiten! Dann denk auch bitte daran, dass es einfach Menschen gibt, die diese Empfindlichkeit nicht so oft spüren, weil sie einfach fast immer für sie stimmig angesprochen werden – es sei denn sie sind wirklich nicht gemeint. Aber die trotzdem diese Empfindlichkeiten sehr entschieden haben. Ja, ich rede von Typen. Das ist mir neulich noch einmal bewußt geworden, als ein Kollege gedacht hat, ich hätte ihn mit einer weiblichen Wortendung angesprochen. Seine Reaktion kam prompt und heftig: „MOMENT MAL! -IN?!? Und ICH?“
Für einen kurzen Moment hatte ich eine Ahnung für diese Selbstverständlichkeit, mit der einer für sich in Anspruch nehmen kann, immer und überall korrekt gegendert zu werden.
Nehmen will ich ihm das nicht, aber auch gerne beanspruchen können für mich und andere FLTIQ*, die noch viel zu oft ignoriert werden.

So zum Schluss noch ein kleines Comic über das tragbare schwarze Loch, für alle die mich mit meinen vielen Fragen und meinem Ärger über erlebtes nicht alleine lassen. Weil das ist noch besser.
Comic über ein Kind, das mit einem Schwarzen Loch an der Leine spazieren geht. Das Schwarze Loch frisst die Zuschreibung, mit der eine andere Person an das Kind heran tritt.


4 Antworten auf „The Power of Rejection“


  1. 1 distelfliege 27. Januar 2015 um 17:58 Uhr

    Hey there, ich lass einfach mal ganz viele Herzen für diesen Text da.
    Was ich super fand, dass du schriebst, es wäre gar nicht wünschenswert dass einem alles am arsch vorbei geht, was andere leute denken. und dass es bei aller kraft der zurückweisung von bullshit auch eine kindheitsfantasie bleibt. ich finde das immer sooo ein spannungsfeld zwischen eigenmacht und abhängigkeit von gemeinschaften und der gesellschaft.
    du hast einfach wunderbar darüber geschrieben.
    und für deinen weg wünsche ich dir das allerbeste und viel mut und kraft.

  2. 2 bluespunk 27. Januar 2015 um 21:08 Uhr

    danke. <3

  3. 3 keo 05. Februar 2015 um 19:22 Uhr

    Hey,
    ich finde es voll gut, wie du von der Superkraft der Zurückweisung hin zu einem kritischen hinterfragen von diesem absoluten-Unabhängigkeitszwang-und-alleine-sein kommst.
    Wie oft habe ich schon gehört „dann lass dir doch ein dickeres Fell wachsen“ oder „denk nicht so viel nach“, was dem Rat entspricht einfach mein Ding zu machen, und mir egal sein zu lassen was alle anderen davon denken. Dass ist zwar ein netter Gedanken – wie du geschrieben hast „Kindheitsphantasie“ – aber wirklich will ich so nicht leben. Ich möchte das menschen achtsam sind und mir nicht die ganze Zeit weh tun!
    Außerdem möchte ich nicht hören, dass mich jemensch empfindlich nennt, als wäre es etwas negatives! Empfindsamkeit ist super und sehr wertvoll! Daraus lassen sich einige sinnvolle Forderungen an eine Gesellschaft ableiten, denke ich.
    Dein Text spricht mir auf jeden Fall aus dem Herzen und es war echt ein schönes Erlebnis zu lesen, dass es nicht mir so geht

  4. 4 bluespunk 06. Februar 2015 um 10:22 Uhr

    Danke für deinen Kommentar, Keo.

    Ja, dass ich nich so empfindlich sein soll, habe ich auch schon oft gehört und ich glaube es war auch eine der größten „Hilfen“ (hahaha) meiner Eltern gegen beständiges Mobbing in der Schulzeit. Hinfort damit! Solange ich lebe, bin ich empfindlich, und es ist gut, dass ich lebe. Ich finde es gut, wahrnehmen zu können, was ich nicht will. Ich finde es gut, benennen zu können, wenn etwas nicht gut für mich ist und merke, wie aus dieser Wahrnehmungsfähigkeit auch die Fähigkeit zu vertrauen wächst.

    Ja, und: Sinnvolle Forderungen!!!!! Voll wichtig. Überhaupt Forderungen, Wünsche haben zu können. Das ist ja auch so eine Heuchelei, erst zu sagen, man sei zu negativ, aber wenn man dann etwas für sich möchte, ist man „fordernd“ und „anspruchsvoll“.

    Ts.

    Einen schönen Tag dir!

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