Archiv für April 2015

Über erlebte Gewalt und Vertrauen oder so

Grade denke ich viel über die früher erlebte Gewalt nach, die ich lange nicht als Gewalt benennen konnte. Abstrakt schon, erlebt / gefühlt nicht. Erst weil ich nichts erinnerte (außer in Gefühls/Reaktionsspuren), dann weil ich das erinnerte nicht glauben wollte, dann weil die erinnerten Szenen selbst nicht gewaltvoll zu sein schienen. Trotzdem hat es mich umgehauen als ich sie erinnert habe und ich habe lange nicht verstanden warum. Das war auf einer bestimmten Ebene kein Zweifeln daran dass das erlebte schlimm war (das gab es auch, aber das fand an einer anderen Schnittstelle statt) sondern ein grundsätzliches Nichtverstehen dessen was damals passiert ist. Seitdem habe ich viel nachgedacht nachgespürt und endlich auch geredet mich ausgetauscht mit anderen. Und weiter gelebt.

Grade verstehe ich ein bisschen mehr, glaube ich. Ich schreibe hier sicher nichts neues, aber für mich selbst ist es neu den Zusammenhang anzuschaun der sich plötzlich in deinem Denken und Fühlen auftut. Und alles nur weil ich es plötzlich zulassen kann zu spüren dass ich Menschen lieb hab, über Monate und Jahre immer ein Stückchen mehr. Ein Gefühlskonglomerat dass manchmal so flauschig weich ist wie Pfirsichblüten bei Nacht und dann wieder imstande mich niederzuknüppeln wie der Ast an dem sie hängen.

Ich glaube ich konnte überhaupt den ganzen Scheiß nur so erinnern, dass es ins Bewußtsein und in Worte kam, weil ich mir vorher ein Gerüst gebaut habe auf dem ich stehen kann, nennen wir es Feminismus. Auf dem ich stehen kann und das mir ein Kompass ist in den ganzen Wirrwarren in meinem Kopf und in der Welt und so. In der Therapie & in Hilfezurselbsthilfetexten sagen sie 1 immer, 1 soll auf das Gefühl hören, aber das ist gar nicht so einfach, weil das Gefühl einfach sauverheddert ist. Und manchmal ein schlechter Ratgeber. Das Gefühl sagt mir auch, dass ich an allem was grade doof ist schuld bin, dass ich verantwortlich bin dafür dass Menschen die ich gern hab leiden und dass ich alles wieder gut machen muss, dass ich keinen Raum einnehmen darf, dass ich keinen eigenen Willen haben darf, dass ich keine Forderungen stellen darf, und so einen Quatsch halt.

Was ich grade krass finde ist wie sehr mich geprägt hat was der Typ der mir weh getan hat mir beigebracht hat. Er war mir gegenüber in einer Machtposition und konnte mir quasi die Welt erklären, von Grund auf und das hat er gemacht. Und hat mir Sachen beigebracht, über das Menschen liebhaben und über das Vertrauen und so. Und über das was es bedeutet und was ich daraus zu Schlussfolgern habe. Wie ich mich zu verhalten habe damit. Und das hab ich mir alles gemerkt, und in einer Ecke ganz nah beim Herzen aufbewahrt, obwohl ich es nicht erinnern konnte. Das finde ich grade fast noch schlimmer als die Tatsache dass er mich rücksichtslos benutzt hat. Es ist ziemlich krasser Verrat, was er gemacht hat. Und es geht weit darüber hinaus dass er mich angefasst hat oder so. Er hat mich total abgezogen, auf so ’ner emotionalen Ebene. Und dabei ist es mir erst mal egal ob er den Mist den er erzählt hat selber geglaubt und nur an mich weitergegeben hat. Er hätte auch die Chance gehabt, das zu hinterfragen.

Und ich finde es krass zu sehen wie sehr sich das durchzieht, wie sehr wenig das nur allein sein persönlicher Verrat an mir ist. Wie sehr sich das was der mir beigebracht hat in den Erzählungen anderer Menschen wiederfindet, die ebenfalls Gewalt erlebt haben, aber auch in der Popkultur, in der Literatur, in Beziehungsratgebern, in den Pamphleten besorgter Eltern etc. Wie sehr diese Erzählungen Gewalt begünstigen und wie wenig verwunderlich es ist, dass so viele Menschen grade in engsten Beziehungen Gewalt erleben und trotzdem nicht weggehen. Wie ich auch ewig lange gebraucht hab um den Kontakt abzubrechen und es auch nur geschafft hab, weil der Typ mir nochmal nen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben hat was für menschenverachtende Überzeugungen er hat.

Das ist alles nicht neu, auch für mich im Kopf ist das nicht neu, ich habe schon ultraviele gute Texte darüber gelesen und genickt und mich gefreut dass jemand Worte gefunden hat. Analysen seitenweise, supercoole Bücher und so. Aber für mich im Gefühl ist das neu, und ich sehe mir dabei zu wie ich es schwierig finde damit umzugehen. Wie ich mich grade ständig darin verheddere und Schritte auf Menschen zu oder von ihnen weg mit mir diskutiere oder wie das was ich gelernt habe in Gesprächen aus mir heraussickert. Wie ich danach werte fast ohne es zu merken. Wie ich jeden Abend ein bisschen Kindertraurigkeit wegweinen muss. Wie schwer es mir fällt mit Menschen zu reden, obwohl ich grade lerne wie viel es helfen kann, und ich mir lieber noch ein bisschen den Mund verbiete bis es wieder besser wird. Wie es manchmal trotzdem gelingt. Wie es manchmal weh tut zu merken dass ich anderen Leuten wichtig bin, weil es nichts ist was ich wegreden oder irgendwie wegmachen kann. Wie sich irgendwas verdreht innerlich und ich wieder denke ich bin falsch und muss es gut machen, aber ich weiß nicht wie.

Und ein bisschen wünschte ich ich könnte schreiben, dass die Vorstellungen die er mir vermittelt hat falsche Vorstellungen sind, aber ich fürchte dass gesellschaftliche Realität eben so aussieht. Genauso wie ich gerne sagen könnte: ich bin verdreht worden innerlich. Als gäbe es ein unverdrehtes ursprüngliches Ich. Und nicht nur einfach mich in dieser Welt, in der es Fakt ist, dass „Liebe“ etwas ist, das manchen Menschen hilft andere zu benutzen.

Sichtbarkeit

Am 31. März war Trans Day Of Visibility und es gab eine ganz Flut wundertoller Bilder von Transmenschen auf Twitter. Könnt ihr unter dem Hashtag #Transdayofvisibility nachlesen/nachschauen (leider gibt es unter diesem Hashtag aber auch eine ganze Menge transfeindliche Kackscheiße, zum Glück in der Unterzahl). Ich mag gerne Bilder von Transmenschen sehen und ich mag auch Transmenschen in echt treffen, weil mir das vermittelt dass Transmenschen leben und dass damit auch mein Leben lebbar ist.

Ich mag mit Menschen sprechen, merke wie mich das weiter bringt und wie es manchmal das Chaos in meinem Kopf strukturiert. Wie daraus manchmal dann eine entschlossene Form auftaucht die ich vorher gar nicht gesehen habe. Ich mag auch sehen/hören/lesen wie andere Menschen ihr Leben leben und wie sich darin etwas bewegt oder wie sie sich freuen, aber auch Ängste und Traurigkeiten mitbekommen.

Trotzdem eier ich grade um den Sichtbarkeitspunkt ganz schön rum. Verhake mich daran und kann mich für den Moment nich losreißen.
Sichtbarkeit bedeutet auch angreifbar sein. Und zwar für etwas das man wirklich und gerne ist.
Irgendwann habe ich damit abgeschlossen, genauso wie mit dem Menschendings, und jetzt ist es schwer das wieder zu ändern und sich nicht in die Vergangenheit saugen zu lassen sondern zu schauen wie es jetzt ist und was ich damit machen will. Ich fühle mich grad manchmal wie jemand dem ein heulendes, motzendes Kind am Arm hängt und böse Erfahrungen aus einem vorherigen Leben rezitiert. Und es ist schwer so vorwärts zu kommen. Es ist schwer dem zuzuhören und nicht gemein zu sein und trotzdem seinen Kram auf die Reihe zu kriegen. Ich habe nicht das einsame Leben auf einer Vogelinsel gewählt und das finde ich gut so.

Grade probiere ich so ein bisschen rum mit diesem Sichtbarkeitsdings. Traue mich auch mal mit Bart und geschminkt in Räume, die keine explizit feministischen / queeren Räume sind. Stelle fest, dass ich mich ganz normal mit irgendwelchen wildfremden Leuten unterhalten kann, ohne blöd angequatscht zu werden. Ohne mich rechtfertigen zu müssen oder sonstwas. Und dass Zurückstarren echt etwas bringt, wenn Menschen (meistens Typen) doof gucken. Wahrscheinlich hatte ich bis jetzt auch einfach Glück. Das macht mich aber auch ein bisschen glücklich. Auch wenn danach meistens ein Rückschwinger in die Angst, ins Erstarren und Unsichtbar sein wollen kommt. Unsichtbarkeit ist auch eine Art Kokon und gesehen werden ungewohnt, anstrengend, beängstigend. Aber gut.

Also weiter.

Und dabei im Kopf behalten, dass dieses Sichtbarsein in einer Welt stattfindet, in der Sichtbarkeit von Geschlecht stark stereotypisiert und hierarchisiert ist. Und ich teilweise auch in male privilege hinein transitioniere.

Es macht mich wütend.

Okay, das hier ist ein Blogbeitrag in dem es um Worte geht. Und zwar um die Worte „verrückt“ und „wahnsinnig“. Das was ich schreibe ist bestimmt nicht neu, wenn euch einfällt welche das schon mal geschrieben hat dann wäre ich sehr interessiert an Literaturhinweisen in den Kommentaren!

Ich habe vor einiger Zeit festgestellt dass ich sehr oft „verrückt“ sage und beschlossen, dass ich das in den Kontexten eigentlich nicht mehr sagen will, weil es unzutreffend und falsch ist. Weil das diskriminierend ist. Weil das Wort ohnehin stigmatisierend benutzt wird und ich es eigentlich nicht so benutzen will. Aber wie immer wenn ich mir ein Wort verbiete, ohne ihm eigentlich auf den Grund gegangen zu sein, purzelt es mir nur um so häufiger aus dem Mund und mir (oder anderen) auf die Füße, wo es dann unpassend herumliegt und stinkt.

Also bin ich dazu übergegangen nicht mehr zu versuchen es nicht zu verwenden sondern zu beobachten wie ich es eigentlich verwende und was ich damit sagen möchte.
Und mir ist aufgefallen: Das hat viel mit Wut zu tun. Mit ohnmächtiger Wut vor allem.

Wenn ich sage „das macht mich wahnsinnig“ meine ich meistens: Das macht mich unglaublich wütend und ich kann das in der Situation nicht so sagen und auch nichts gegen diese Situation konkret unternehmen. Ich finde es falsch und das passiert trotzdem. Das trifft ja noch den Sinn am direktesten und am empathischsten glaube ich, denn solche Situationen sind es wahrscheinlich häufig die Menschen dann wiederum in Situationen bringen in denen sie als „wahnsinnig“ stigmatisiert werden. Wie es mir auch schon passiert ist.

Am falschesten ist die Verwendung wahrscheinlich, wenn ich z.B. unempathische Bürokratie, menschenverachtende Verteilung von Ressourcen, privilegienhortende Macker und sonstige Auswüchse des Kapitalismus/Patriarchats als „verrückt“ bezeichne und damit „irrational“ meine. Denn diese sind alles andere als irrational. Meistens ist das was dahinter steht in sich sehr logisch und auf Machterhalt ausgelegt. Erfolgreich. Dass dabei Menschen verletzt werden oder sogar sterben ist egal, denn das wird in dieser Logik einfach nicht besonders hoch priorisiert. Ich bezeichne also in der Konsequenz Vorgänge und Menschen als verrückt, die selbst mit der Macht ausgegstattet sind, andere so zu stigmatisieren. Damit sie weiter über neins hinweggehen und verletzen können, weil es grade so besser den Interessen dient. Mit oder ohne den vorgeblichen Anspruch, zu helfen. Mit allen damit einhergehenden Konsequenzen. Das ist falsch. Und es macht mich wütend. Wobei gleichzeitig meistens die Situation so ist, dass ich sie nicht malebenso durch einen simplen Einspruch ändern kann. Sondern eher so, dass ich mich abfinden oder sogar anpassen muss.

Es ist nicht angenehm ohnmächtige Wut auszuhalten, vor allem wenn das sehr oft passiert. Und vor allem wenn die Konsequenz Menschen die mir am Herzen liegen oder den eigenen Körper trifft. Deswegen ist es wahrscheinlich leichter zu versuchen, die die mich wütend machen in dem sie menschenverachtend handeln herabzuwürdigen. Nur blöd, dabei auf Stereotype zurück zu greifen, die viel eher gegen mich (und andere noch verletzbarere Menschen) gerichtet werden können als gegen die personifizierte und institutionalisierte Rationalität. Und sie damit in der Welt zu halten. Das Bild in der Welt zu halten, dass „die Verrückten“ den Schaden anrichten und nicht die gemeinen, die die andere Menschen zu ihrem eigenen Vorteil verletzten und benutzen. Die, die den Willen von Menschen, ein gutes Leben zu haben und über ihren Körper zu verfügen (mehr oder weniger wohlmeinend) für nichtig erklären. Der Kapitalismus und das Patriarchat.

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Gründliche feministische Pathologisierungskritik findet ihr z.B. auf Identitätskritik.de