Es macht mich wütend.

Okay, das hier ist ein Blogbeitrag in dem es um Worte geht. Und zwar um die Worte „verrückt“ und „wahnsinnig“. Das was ich schreibe ist bestimmt nicht neu, wenn euch einfällt welche das schon mal geschrieben hat dann wäre ich sehr interessiert an Literaturhinweisen in den Kommentaren!

Ich habe vor einiger Zeit festgestellt dass ich sehr oft „verrückt“ sage und beschlossen, dass ich das in den Kontexten eigentlich nicht mehr sagen will, weil es unzutreffend und falsch ist. Weil das diskriminierend ist. Weil das Wort ohnehin stigmatisierend benutzt wird und ich es eigentlich nicht so benutzen will. Aber wie immer wenn ich mir ein Wort verbiete, ohne ihm eigentlich auf den Grund gegangen zu sein, purzelt es mir nur um so häufiger aus dem Mund und mir (oder anderen) auf die Füße, wo es dann unpassend herumliegt und stinkt.

Also bin ich dazu übergegangen nicht mehr zu versuchen es nicht zu verwenden sondern zu beobachten wie ich es eigentlich verwende und was ich damit sagen möchte.
Und mir ist aufgefallen: Das hat viel mit Wut zu tun. Mit ohnmächtiger Wut vor allem.

Wenn ich sage „das macht mich wahnsinnig“ meine ich meistens: Das macht mich unglaublich wütend und ich kann das in der Situation nicht so sagen und auch nichts gegen diese Situation konkret unternehmen. Ich finde es falsch und das passiert trotzdem. Das trifft ja noch den Sinn am direktesten und am empathischsten glaube ich, denn solche Situationen sind es wahrscheinlich häufig die Menschen dann wiederum in Situationen bringen in denen sie als „wahnsinnig“ stigmatisiert werden. Wie es mir auch schon passiert ist.

Am falschesten ist die Verwendung wahrscheinlich, wenn ich z.B. unempathische Bürokratie, menschenverachtende Verteilung von Ressourcen, privilegienhortende Macker und sonstige Auswüchse des Kapitalismus/Patriarchats als „verrückt“ bezeichne und damit „irrational“ meine. Denn diese sind alles andere als irrational. Meistens ist das was dahinter steht in sich sehr logisch und auf Machterhalt ausgelegt. Erfolgreich. Dass dabei Menschen verletzt werden oder sogar sterben ist egal, denn das wird in dieser Logik einfach nicht besonders hoch priorisiert. Ich bezeichne also in der Konsequenz Vorgänge und Menschen als verrückt, die selbst mit der Macht ausgegstattet sind, andere so zu stigmatisieren. Damit sie weiter über neins hinweggehen und verletzen können, weil es grade so besser den Interessen dient. Mit oder ohne den vorgeblichen Anspruch, zu helfen. Mit allen damit einhergehenden Konsequenzen. Das ist falsch. Und es macht mich wütend. Wobei gleichzeitig meistens die Situation so ist, dass ich sie nicht malebenso durch einen simplen Einspruch ändern kann. Sondern eher so, dass ich mich abfinden oder sogar anpassen muss.

Es ist nicht angenehm ohnmächtige Wut auszuhalten, vor allem wenn das sehr oft passiert. Und vor allem wenn die Konsequenz Menschen die mir am Herzen liegen oder den eigenen Körper trifft. Deswegen ist es wahrscheinlich leichter zu versuchen, die die mich wütend machen in dem sie menschenverachtend handeln herabzuwürdigen. Nur blöd, dabei auf Stereotype zurück zu greifen, die viel eher gegen mich (und andere noch verletzbarere Menschen) gerichtet werden können als gegen die personifizierte und institutionalisierte Rationalität. Und sie damit in der Welt zu halten. Das Bild in der Welt zu halten, dass „die Verrückten“ den Schaden anrichten und nicht die gemeinen, die die andere Menschen zu ihrem eigenen Vorteil verletzten und benutzen. Die, die den Willen von Menschen, ein gutes Leben zu haben und über ihren Körper zu verfügen (mehr oder weniger wohlmeinend) für nichtig erklären. Der Kapitalismus und das Patriarchat.

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Gründliche feministische Pathologisierungskritik findet ihr z.B. auf Identitätskritik.de


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