Über erlebte Gewalt und Vertrauen oder so

Grade denke ich viel über die früher erlebte Gewalt nach, die ich lange nicht als Gewalt benennen konnte. Abstrakt schon, erlebt / gefühlt nicht. Erst weil ich nichts erinnerte (außer in Gefühls/Reaktionsspuren), dann weil ich das erinnerte nicht glauben wollte, dann weil die erinnerten Szenen selbst nicht gewaltvoll zu sein schienen. Trotzdem hat es mich umgehauen als ich sie erinnert habe und ich habe lange nicht verstanden warum. Das war auf einer bestimmten Ebene kein Zweifeln daran dass das erlebte schlimm war (das gab es auch, aber das fand an einer anderen Schnittstelle statt) sondern ein grundsätzliches Nichtverstehen dessen was damals passiert ist. Seitdem habe ich viel nachgedacht nachgespürt und endlich auch geredet mich ausgetauscht mit anderen. Und weiter gelebt.

Grade verstehe ich ein bisschen mehr, glaube ich. Ich schreibe hier sicher nichts neues, aber für mich selbst ist es neu den Zusammenhang anzuschaun der sich plötzlich in deinem Denken und Fühlen auftut. Und alles nur weil ich es plötzlich zulassen kann zu spüren dass ich Menschen lieb hab, über Monate und Jahre immer ein Stückchen mehr. Ein Gefühlskonglomerat dass manchmal so flauschig weich ist wie Pfirsichblüten bei Nacht und dann wieder imstande mich niederzuknüppeln wie der Ast an dem sie hängen.

Ich glaube ich konnte überhaupt den ganzen Scheiß nur so erinnern, dass es ins Bewußtsein und in Worte kam, weil ich mir vorher ein Gerüst gebaut habe auf dem ich stehen kann, nennen wir es Feminismus. Auf dem ich stehen kann und das mir ein Kompass ist in den ganzen Wirrwarren in meinem Kopf und in der Welt und so. In der Therapie & in Hilfezurselbsthilfetexten sagen sie 1 immer, 1 soll auf das Gefühl hören, aber das ist gar nicht so einfach, weil das Gefühl einfach sauverheddert ist. Und manchmal ein schlechter Ratgeber. Das Gefühl sagt mir auch, dass ich an allem was grade doof ist schuld bin, dass ich verantwortlich bin dafür dass Menschen die ich gern hab leiden und dass ich alles wieder gut machen muss, dass ich keinen Raum einnehmen darf, dass ich keinen eigenen Willen haben darf, dass ich keine Forderungen stellen darf, und so einen Quatsch halt.

Was ich grade krass finde ist wie sehr mich geprägt hat was der Typ der mir weh getan hat mir beigebracht hat. Er war mir gegenüber in einer Machtposition und konnte mir quasi die Welt erklären, von Grund auf und das hat er gemacht. Und hat mir Sachen beigebracht, über das Menschen liebhaben und über das Vertrauen und so. Und über das was es bedeutet und was ich daraus zu Schlussfolgern habe. Wie ich mich zu verhalten habe damit. Und das hab ich mir alles gemerkt, und in einer Ecke ganz nah beim Herzen aufbewahrt, obwohl ich es nicht erinnern konnte. Das finde ich grade fast noch schlimmer als die Tatsache dass er mich rücksichtslos benutzt hat. Es ist ziemlich krasser Verrat, was er gemacht hat. Und es geht weit darüber hinaus dass er mich angefasst hat oder so. Er hat mich total abgezogen, auf so ’ner emotionalen Ebene. Und dabei ist es mir erst mal egal ob er den Mist den er erzählt hat selber geglaubt und nur an mich weitergegeben hat. Er hätte auch die Chance gehabt, das zu hinterfragen.

Und ich finde es krass zu sehen wie sehr sich das durchzieht, wie sehr wenig das nur allein sein persönlicher Verrat an mir ist. Wie sehr sich das was der mir beigebracht hat in den Erzählungen anderer Menschen wiederfindet, die ebenfalls Gewalt erlebt haben, aber auch in der Popkultur, in der Literatur, in Beziehungsratgebern, in den Pamphleten besorgter Eltern etc. Wie sehr diese Erzählungen Gewalt begünstigen und wie wenig verwunderlich es ist, dass so viele Menschen grade in engsten Beziehungen Gewalt erleben und trotzdem nicht weggehen. Wie ich auch ewig lange gebraucht hab um den Kontakt abzubrechen und es auch nur geschafft hab, weil der Typ mir nochmal nen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben hat was für menschenverachtende Überzeugungen er hat.

Das ist alles nicht neu, auch für mich im Kopf ist das nicht neu, ich habe schon ultraviele gute Texte darüber gelesen und genickt und mich gefreut dass jemand Worte gefunden hat. Analysen seitenweise, supercoole Bücher und so. Aber für mich im Gefühl ist das neu, und ich sehe mir dabei zu wie ich es schwierig finde damit umzugehen. Wie ich mich grade ständig darin verheddere und Schritte auf Menschen zu oder von ihnen weg mit mir diskutiere oder wie das was ich gelernt habe in Gesprächen aus mir heraussickert. Wie ich danach werte fast ohne es zu merken. Wie ich jeden Abend ein bisschen Kindertraurigkeit wegweinen muss. Wie schwer es mir fällt mit Menschen zu reden, obwohl ich grade lerne wie viel es helfen kann, und ich mir lieber noch ein bisschen den Mund verbiete bis es wieder besser wird. Wie es manchmal trotzdem gelingt. Wie es manchmal weh tut zu merken dass ich anderen Leuten wichtig bin, weil es nichts ist was ich wegreden oder irgendwie wegmachen kann. Wie sich irgendwas verdreht innerlich und ich wieder denke ich bin falsch und muss es gut machen, aber ich weiß nicht wie.

Und ein bisschen wünschte ich ich könnte schreiben, dass die Vorstellungen die er mir vermittelt hat falsche Vorstellungen sind, aber ich fürchte dass gesellschaftliche Realität eben so aussieht. Genauso wie ich gerne sagen könnte: ich bin verdreht worden innerlich. Als gäbe es ein unverdrehtes ursprüngliches Ich. Und nicht nur einfach mich in dieser Welt, in der es Fakt ist, dass „Liebe“ etwas ist, das manchen Menschen hilft andere zu benutzen.


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