Archiv für Mai 2015

Wie ich einmal, nein Moment zweimal, äh siebenundzwanzig mal mit dem Rauchen aufhörte. Oder: Selbstzerstörungsromantik die Zweite

Ich höre grade mit dem Rauchen auf. Eine unschöne Situation, die viel mit Mangel verbunden ist. Dieses Jahr bereits zum vielleicht tatsächlich siebenundzwanzigsten Mal. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Am Anfang habe ich nur so zum Scherz eine Strichliste geführt und war schnell im zweistelligen Bereich. Dann wurde es mir zu deprimierend. Immerhin habe ich dieses Jahr schon mehr Tage nicht geraucht als geraucht. Aber warum fällt es mir so verdammt schwer?

Letztes Jahr habe ich mal einen Text über Selbstzerstörungsromantik und das Buch „Die Möwe Jonathan“ geschrieben, in dem vermutlich schon viel darüber steht. Ich vermisse gar nicht die Aufwachzigarette am meisten, die Frühstückszigarette, die Zigarette zum Kaffee oder die zum Feierabend. Wenn ich grade eine Zeit hinter mir habe, in der ich viel geraucht habe, dann schon. Aber das hört nach ein paar Tagen auf. Dann vermisse ich vor allem die Zigarette zum Zu Viel. Wenn ich abends nach einem langen Tag irgendwo mit vielen Menschen bin, wenn ich ein schwieriges Gespräch führe oder irgend etwas anderes in dieser Liga passiert, ist es mir schnell egal dass ich nicht rauchen will.

Aber vielleicht will ich auch ein bisschen deswegen nicht rauchen: Weil es diese Momente sind, in denen ich mich innerlich rausnehme und versuche ins Auge des Sturms (der vielen Eindrücke, der Gefühle, der widersprüchlichen Gedanken) zu gelangen. Ich distanziere mich über den starken Reiz, um weiter in der Situation bleiben zu können in einer bestimmten Art und Weise.

Vielleicht ist das gar nicht gut.

Rauchen hat für mich viel mit Selbstzerstörungsromantik zu tun, damit dem Leben zu zeigen dass ich es gar nicht so dringend brauche wie es das vielleicht gerne hätte. Vor ein paar Monaten habe ich mich bewußt zum Leben entschieden, mit mir selbst feierlich versprechen und allem PiPaPo. Nicht mehr zu rauche ist für mich emotional ein Teil davon. Es hat gar nicht sooo viel mit Gesundheitskram zu tun für mich, obwohl ich schon auch schnell merke ob ich ein paar Tage geraucht oder nicht geraucht habe. Aber diese Symbolik ist etwas, was für Menschen ja total unterschiedlich sein kann, und für andere Menschen steht Rauchen vielleicht eher für so-Leben-wie-sie-sich-das-wünschen und so.

Nein für mich ist der Punkt: Ich mache mich in diesen Momenten so, dass das Leben mich nicht so doll berühren kann. Oder versuche es zumindest, manchmal scheitere ich auch darin. Aber ich versuche das sehr. Ich mache mich so, dass ich den Moment aushalte. Das ist okay, es geht auch nicht immer anders. Aber ich möchte gucken inwieweit ich das verändern kann. Inwieweit ich den Moment / mein Leben so einrichten kann dass ich die Zu Viels anders puffern kann als durch den starken Reiz und eine chemische Substanz. Dass ich vielleicht auch Dinge in mein Leben einbauen kann, die ich bisher als Zu Viels gemieden oder ignoriert habe.

Alle in irgendwelchen Nichtrauch- und Psychoforen aufgeführten Tricks sind dabei leider nicht so hilfreich. Was manchmal hilft und dann eben auch einfach so passiert ist: Heulen. Das ist nicht so mega angesehen und 1 tut das lieber nicht in der Öffentlichkeit. Es ist tendenziell anticool. Es ist das Gegenteil von: Ich schmeiße mir meine Verletzlichkeit wie eine Federboa über die Schulter und stehe damit im Auge des Sturms. Es ist eher so: Meine Verletzlichkeit fällt aus der Weltraumkälte auf den Boden und wenn’s gut läuft taut sie ein bisschen an. Das glitzert nicht so, oder es glitzert eben falsch, und ich muss drauf achten wasserfestes Makeup zu tragen falls ich mich mal schminke. Angeblich ist heulen voll gesund und neben der Tatsache dass 1 Gefühle damit ausdrückt (was ja erstmal nicht das falscheste ist) werden auch noch Stresshormone damit ausgeschwemmt. Heulen passt eigentlich voll ins Gesundheitsdispositiv, nur weiß das Gesundheitsdispositiv das noch nicht. Weil, das hat auch viel mit Leistung zu tun und damit dass 1 jederzeit ein Aushängeschild der eigenen Souveränität und Funktionsfähigkeit zu sein hat. Im Zweifel, bis 1 krank ist. Und nein, in meinen Augen widerspricht sich das nicht.

Manchmal wenn ich heulen muss werde ich wütend auf mich selbst und denke, dass ich meine Grenzen viel früher hätte spüren müssen, damit DASS nicht passiert. Das ist vielleicht sogar manchmal korrekt. Andererseits sehe ich es auch nicht wirklich ein mich so dermaßen einzukasteln, dass ich immer in der Rolle bleiben kann. Wenn ich nur daran denke werde ich schon unzufrieden. Dann kann ich auch gleich weiter rauchen. Manche Dinge/Momente/Situationen sind eben zu viel. Was nicht immer heißt unangenehm oder schlimm. Zu Viels aushalten kann ja auch Teil von Lernen und Erweiterung sein. Das was zu viel ist überhaupt erst mal spüren und nicht wegschalten. Wenn es selbstgewählt ist und nicht, z.B., weil irgend ein Anderes das von mir grade fordert. Natürlich kann ich mich auch prima auf Lohnarbeit, Sport und Entspannungsübungen begrenzen, aber dann mag ich nicht mehr. Außerdem ist Sport auch Zu Viel. Für manche, z.B. für mich.
Zu Viels überhaupt erst mal spüren kann wichtig sein um zu schauen wo 1 sein Leben langbauen will. Weil es eben nicht egal ist. Und last but not least gibt es auch einfach die Kackscheiße, mit der 1 sich rumschlagen muss. Wo es natürlich eleganter ist sagen zu können: Du juckst mich überhaupt nicht. Aber wenn das wirklich so wäre, wäre es eben auch keine Kackscheiße. Ehrlich. Ich habe in letzter Zeit viel gehört dass 1 sich seiner selbst so sicher sein sollte dass einen Mist von außen gar nicht tangiert. Aber grade will/kann ich mir Menschen, Leben, Welt nicht so egal sein lassen. Und manchmal heißt das auch: Situationen die mich ängstigen bewußt aufsuchen um sie auszuhalten. Vielleicht im Verlaufe dessen auch mal heulen. Aber aushalten. Wenn ich fertig geheult habe, kann es dann auch wieder lustig weiter gehen manchmal. Das heißt dann wohl: Trost oder so.

Vielleicht lerne ich auch noch andere Tricks. Das wäre schön. Ich übe und suche grade. Und habe gestern wieder aufgehört. Eventuell zum achtundzwanzigsten Mal. Ich scheiter weiter vor mich hin und vielleicht bald hoffentlich an was anderem.

Widersprüche! Widersprüche!

Wie kann es sein, fragt mein Innen, dass man immer so viele Dinge tun muss die weh tun?

Ich bin grade vor ein paar Tagen von einer Tagung wieder gekommen und dort ist für mich sauviel passiert. Super viel Input, mega herzliches Willkommensein, einige Menschen getroffen die ich in der kurzen Zeit sehr ins Herz geschlossen habe. Und jetzt bin ich wieder zu Hause und warte, bis der innere Backlash über mich hinweggeschwappt ist.

Wie kann es sein, frage ich, dass ich nichts Gutes erleben kann, ohne dass mein Innen mir vorhält, dass die Welt auch ganz schön Scheiße ist?

Es war so gut zu sehen, dass ich irgendwo sein kann wo viele sind die ähnliche Themen haben wie ich. Dass es einen selbstverständlichen Austausch darüber geben kann, und selbstverständliche Solidarität. Nicht nur! Und nicht ohne Spannungen und Widersprüche, nicht ohne Brüche die auch manchmal getrennt haben und in denen etwas verloren ging. Aber auch. Ach, das war so gut. Es ist schwer in Worte zu fassen wie sehr.

Es war gut in den Workshops zu sitzen und mit anderen Menschen zu denken, zuzuhören und selber mal was zu sagen, es war so gut Bezug nehmen zu können.

Wieder heimgekehrt merke ich wie mir das wieder viel schwerer fällt, z.B. in einer WG in der alle Cis und Hetero zu sein scheinen. Mein Erleben zu teilen geschieht irgendwie bergauf. Bestimmte Situationen sind Teil von Selbstverständlichkeit, und andere eher von Umständlichkeit.

Es war so gut auch zu merken dass 1 auch unter noch nicht so lange bekannten Leuten nicht immer auf alles klar kommen muss, dass nachts nach der Party die einfach ein „zu viel“ war verheult im Bus sitzen für die andere anwesende Person kein Grund zur Abstandnahme war. Sondern dass ich mich kurz anlehnen konnte, dass das Teil von kurz geteilter Normalität sein konnte oder so etwas.

Kurz davor fing mein Innen an zu plappern und erzählt von der Grundschule, in der es so ein Spiel war dass niemand mich berühren darf, weil ich bin „verseucht“. Voll das Ding, wenn ich mal das Mäppchen von jemandem angefasst habe oder so, weil das war dann auch „verseucht“. Ich stand auf der Tanzfläche und war plötzlich wieder ein Alien, besser weg, besser egal.

Ach diese Widersprüche, diese Freude Menschen zu sehen die leben und zu denken dass ich selbst auch leben kann, und der Schmerz darüber dass das heißt, dass eine_m das Egal genommen wird.

Ich weiß dass ich will dass die Wippe auf die eine Seite kippt und nicht auf die andere, und dass das etwas aus macht, auch wenn es mir nicht in jedem Moment meines Lebens grade deutlich sein kann. Ich merke, dass ich ein Stückchen gewachsen bin, auch wenn ich grade ein bisschen dynamisch einknicken muss, damit die Backlashwelle nichts kaputt macht. Ich weiß vielleicht ein bisschen mehr was ich will. Und das ist gut.
Und nicht egal.