Wie ich einmal, nein Moment zweimal, äh siebenundzwanzig mal mit dem Rauchen aufhörte. Oder: Selbstzerstörungsromantik die Zweite

Ich höre grade mit dem Rauchen auf. Eine unschöne Situation, die viel mit Mangel verbunden ist. Dieses Jahr bereits zum vielleicht tatsächlich siebenundzwanzigsten Mal. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Am Anfang habe ich nur so zum Scherz eine Strichliste geführt und war schnell im zweistelligen Bereich. Dann wurde es mir zu deprimierend. Immerhin habe ich dieses Jahr schon mehr Tage nicht geraucht als geraucht. Aber warum fällt es mir so verdammt schwer?

Letztes Jahr habe ich mal einen Text über Selbstzerstörungsromantik und das Buch „Die Möwe Jonathan“ geschrieben, in dem vermutlich schon viel darüber steht. Ich vermisse gar nicht die Aufwachzigarette am meisten, die Frühstückszigarette, die Zigarette zum Kaffee oder die zum Feierabend. Wenn ich grade eine Zeit hinter mir habe, in der ich viel geraucht habe, dann schon. Aber das hört nach ein paar Tagen auf. Dann vermisse ich vor allem die Zigarette zum Zu Viel. Wenn ich abends nach einem langen Tag irgendwo mit vielen Menschen bin, wenn ich ein schwieriges Gespräch führe oder irgend etwas anderes in dieser Liga passiert, ist es mir schnell egal dass ich nicht rauchen will.

Aber vielleicht will ich auch ein bisschen deswegen nicht rauchen: Weil es diese Momente sind, in denen ich mich innerlich rausnehme und versuche ins Auge des Sturms (der vielen Eindrücke, der Gefühle, der widersprüchlichen Gedanken) zu gelangen. Ich distanziere mich über den starken Reiz, um weiter in der Situation bleiben zu können in einer bestimmten Art und Weise.

Vielleicht ist das gar nicht gut.

Rauchen hat für mich viel mit Selbstzerstörungsromantik zu tun, damit dem Leben zu zeigen dass ich es gar nicht so dringend brauche wie es das vielleicht gerne hätte. Vor ein paar Monaten habe ich mich bewußt zum Leben entschieden, mit mir selbst feierlich versprechen und allem PiPaPo. Nicht mehr zu rauche ist für mich emotional ein Teil davon. Es hat gar nicht sooo viel mit Gesundheitskram zu tun für mich, obwohl ich schon auch schnell merke ob ich ein paar Tage geraucht oder nicht geraucht habe. Aber diese Symbolik ist etwas, was für Menschen ja total unterschiedlich sein kann, und für andere Menschen steht Rauchen vielleicht eher für so-Leben-wie-sie-sich-das-wünschen und so.

Nein für mich ist der Punkt: Ich mache mich in diesen Momenten so, dass das Leben mich nicht so doll berühren kann. Oder versuche es zumindest, manchmal scheitere ich auch darin. Aber ich versuche das sehr. Ich mache mich so, dass ich den Moment aushalte. Das ist okay, es geht auch nicht immer anders. Aber ich möchte gucken inwieweit ich das verändern kann. Inwieweit ich den Moment / mein Leben so einrichten kann dass ich die Zu Viels anders puffern kann als durch den starken Reiz und eine chemische Substanz. Dass ich vielleicht auch Dinge in mein Leben einbauen kann, die ich bisher als Zu Viels gemieden oder ignoriert habe.

Alle in irgendwelchen Nichtrauch- und Psychoforen aufgeführten Tricks sind dabei leider nicht so hilfreich. Was manchmal hilft und dann eben auch einfach so passiert ist: Heulen. Das ist nicht so mega angesehen und 1 tut das lieber nicht in der Öffentlichkeit. Es ist tendenziell anticool. Es ist das Gegenteil von: Ich schmeiße mir meine Verletzlichkeit wie eine Federboa über die Schulter und stehe damit im Auge des Sturms. Es ist eher so: Meine Verletzlichkeit fällt aus der Weltraumkälte auf den Boden und wenn’s gut läuft taut sie ein bisschen an. Das glitzert nicht so, oder es glitzert eben falsch, und ich muss drauf achten wasserfestes Makeup zu tragen falls ich mich mal schminke. Angeblich ist heulen voll gesund und neben der Tatsache dass 1 Gefühle damit ausdrückt (was ja erstmal nicht das falscheste ist) werden auch noch Stresshormone damit ausgeschwemmt. Heulen passt eigentlich voll ins Gesundheitsdispositiv, nur weiß das Gesundheitsdispositiv das noch nicht. Weil, das hat auch viel mit Leistung zu tun und damit dass 1 jederzeit ein Aushängeschild der eigenen Souveränität und Funktionsfähigkeit zu sein hat. Im Zweifel, bis 1 krank ist. Und nein, in meinen Augen widerspricht sich das nicht.

Manchmal wenn ich heulen muss werde ich wütend auf mich selbst und denke, dass ich meine Grenzen viel früher hätte spüren müssen, damit DASS nicht passiert. Das ist vielleicht sogar manchmal korrekt. Andererseits sehe ich es auch nicht wirklich ein mich so dermaßen einzukasteln, dass ich immer in der Rolle bleiben kann. Wenn ich nur daran denke werde ich schon unzufrieden. Dann kann ich auch gleich weiter rauchen. Manche Dinge/Momente/Situationen sind eben zu viel. Was nicht immer heißt unangenehm oder schlimm. Zu Viels aushalten kann ja auch Teil von Lernen und Erweiterung sein. Das was zu viel ist überhaupt erst mal spüren und nicht wegschalten. Wenn es selbstgewählt ist und nicht, z.B., weil irgend ein Anderes das von mir grade fordert. Natürlich kann ich mich auch prima auf Lohnarbeit, Sport und Entspannungsübungen begrenzen, aber dann mag ich nicht mehr. Außerdem ist Sport auch Zu Viel. Für manche, z.B. für mich.
Zu Viels überhaupt erst mal spüren kann wichtig sein um zu schauen wo 1 sein Leben langbauen will. Weil es eben nicht egal ist. Und last but not least gibt es auch einfach die Kackscheiße, mit der 1 sich rumschlagen muss. Wo es natürlich eleganter ist sagen zu können: Du juckst mich überhaupt nicht. Aber wenn das wirklich so wäre, wäre es eben auch keine Kackscheiße. Ehrlich. Ich habe in letzter Zeit viel gehört dass 1 sich seiner selbst so sicher sein sollte dass einen Mist von außen gar nicht tangiert. Aber grade will/kann ich mir Menschen, Leben, Welt nicht so egal sein lassen. Und manchmal heißt das auch: Situationen die mich ängstigen bewußt aufsuchen um sie auszuhalten. Vielleicht im Verlaufe dessen auch mal heulen. Aber aushalten. Wenn ich fertig geheult habe, kann es dann auch wieder lustig weiter gehen manchmal. Das heißt dann wohl: Trost oder so.

Vielleicht lerne ich auch noch andere Tricks. Das wäre schön. Ich übe und suche grade. Und habe gestern wieder aufgehört. Eventuell zum achtundzwanzigsten Mal. Ich scheiter weiter vor mich hin und vielleicht bald hoffentlich an was anderem.


1 Antwort auf „Wie ich einmal, nein Moment zweimal, äh siebenundzwanzig mal mit dem Rauchen aufhörte. Oder: Selbstzerstörungsromantik die Zweite“


  1. 1 distelfliege 31. Mai 2015 um 20:45 Uhr

    Huhu!
    Ich habe vor 6 Jahren aufgehört zu rauchen, und ich finde das SO treffend, wie du schreibst, „Ich mache mich in diesen Momenten so, dass das Leben mich nicht so doll berühren kann.“

    Ich war immer ein Sensibelchen, sehr nah am Wasser gebaut, und ich weiß nicht wieviel Harrassment ich als Kind und Teenager dafür aushalten musste. Ich bin rauchend cooler geworden. Ich bin rauchend gelassener und ruhiger geworden.

    Als ich aufgehört habe, fühlte ich mich wie eine frisch gehäutete Schlange, deren zarte Schuppen erst noch trocknen müssen, erst noch ein wenig härten müssen.
    Zuerst war das alles ja spannend und logisch. Ich fand es auch erst mal gut, sensibler zu sein. Leider bin ich dann mit meiner neuen Verletzlichkeit auch verletzt worden, auch sehr, aber ich hatte da schon ein paar Monate nichtrauchen hinter mir.

    Irgendwie passte es aber dann doch alles: Ich habe nicht nur mit dem Rauchen aufgehört, sondern musste mich auch von einer Lebensphase in eine andere begeben, also quasi nochmal „erwachsen werden“, nur diesmal ohne Kippen. Vielleicht wäre es auch so gekommen, hätte ich weitergeraucht. Aber so kann ich sagen: Es war eh Arbeit zu tun, es wäre eh schmerzlich und angstbesetzt gewesen, und so hat es dann mit der Verletzlichket und dem neuen Umgehen lernen (müssen) damit irgendwie gepasst.

    Ich heule bis heute immer noch schnell, auch öffentlich, und unterschreibe alles, was da steht. Ich kann es nicht sooo steuern, auch weiß ich nicht, was genau die Funktion dieses Weinens ist. Ich weiß nur, dass es schneller geht, wenn ich gestresst bin, wenn ich weniger Kraft habe oder weniger stabil bin. Ich kann es grade ganz gut akzeptieren und schätze es auch als „Barometer“, wie es gerade um meine Reserven bestellt ist.

    Ich weiß nicht, ob es eine Alternative zum rauchen gibt, um sich die Sachen nicht so an die Substanz gehen zu lassen. Wie du auf twitter sagtest: Es gibt wahrscheinlich nicht diesen Trick. Ich weiß aber, dass irgendwann der Punkt kommt, wo du nicht mehr mit Rauchen Abstand zum Scheiß herstellst, sondern gar nicht mehr ans Rauchen denkst und mit dem Scheiß irgendwie umgehst. Und dich halt ärgerst, traurig bist, wütend bist, und dann weiter gehst.

    Ich fand es so gut, von diesen Scheiß Kippen loszukommen, würde dich gern anfeuern, andererseits möchte ich dabei nicht über das drübertrampeln, was du grade wichtiger brauchst, und du kannst das natürlich am allerbesten beurteilen.

    Also einfach viel Glück, Erfolg, Gelassenheit, Entspannung, und auch mal die gute alte Weltflucht vor der Kackscheiße.
    Nieder mit den Kippen!
    Am Ende schaffst du es auch ohne die.

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