Archiv für Juli 2015

Strukturkategorie Void: Warum ich es wichtig finde auch in Texten über das Patriarchat nicht nur von Männern und Frauen zu sprechen

Neulich fand ich auf Twitter den tollen Blog „Ansichtssache“, auf dem es um Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in der Kindheit aus Betroffenenperspektive geht. Ich empfehle unbedingt, die dortigen Texte zu lesen, weil sie sich kritisch mit den Gewalt reproduzierenden Strukturen befassen. Aber auch, grade, vor allem mit den Möglichkeiten sich selbst als betroffene Person politisch zu verorten.

Dort begegnete mir aber etwas, was mir schon oft begegnet ist und mir Unbehagen und Ratlosigkeit verursacht.
Und zwar der Hinweis darauf, dass im Kontext von Täter_innenschaft nur „Täter und Täterinnen“ benannt werden, nicht aber diejenigen die sich „zwischen den Geschlechtern“ wiederfinden. „An dieser Stelle geht es uns aber nicht um Identitätskategorien, sondern um Strukturkategorien. Das soll bedeuten, dass es uns an dieser Stelle nicht darum geht die Identität und Persönlichkeit eines Menschen anzuerkennen, sondern darum zu erkennen, dass es Menschen gibt, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Positionen heraus (hier also der gesellschaftlichen Position als (erwachsener) Mann oder als (erwachsene) Frau) Gewalt ausüben. In anderen Zusammenhängen, in denen es mehr um Identitäten und Identitätskategorien geht, finden wir es wichtig, die Vielfalt von Geschlechtern zu benennen.“

Ich finde es sehr schwierig, mit dieser Ausage umzugehen, die ich auch nicht nur alleine dort vorfinde sondern häufig wenn es um das Thema (sexualisierte) Gewalt geht. Manchmal nicht nur im Hinblick auf Täter_innenschaft sondern auch im Hinblick auf die Möglichkeit, von Gewalt betroffen zu sein. Ich habe dieses Blog nur deswegen als Beispiel ausgewählt, weil ich das grade dort wiedergefunden habe und woanders grade nicht drauf zeigen könnte. Mir ist es auch wichtig zu sagen, dass ich die Arbeit die dort geleistet wird voll wichtig ist und durch diese Sache nicht weniger wichtig / toll / großartig wird.

Ich bin in den aktuellen akademischen feministischen Diskursen nicht so drin, und vielleicht passieren mir auch Denkfehler in meiner Kritik. Ich freu mich voll über Ergänzungen / Hinweise / Denkanstöße in den Kommentaren, ich würd mich aber freuen, wenn die respektvoll passieren und berücksichtigen, dass ich halt nicht an der Uni arbeite und vor allem aus meiner Lebenswirklichkeit heraus spreche.

Für mich ist dieses Aussparen von non-binary Menschen eine schwierige Geschichte, auch mit dem Hinweis dass es um Strukturkategorien geht und nicht um Identitäten. Für mich ist es Alltag, dass es für mich eben keine Strukturkategorie gibt. Täglich werde ich dazu aufgefordert, mich als Mann oder Frau zu positionieren. Mehrmals täglich, in allen möglichen Kontexten. All the fucking time.

Und obwohl es mich, wenn das Patriarchat gefragt wird, nicht gibt, bewege ich mich nunmal in dieser so strukturierten Welt. Und diese Strukturen machen was mit mir. Darüber hinaus handele ich aber auch darin. Und genauso wie ich Betroffene_r von sexualisierter Gewalt bin, kann ich auch Täter_in werden. Marginalisierung schützt davor nicht. Ich hoffe natürlich nicht, dass das passiert. Aber wenn es so wäre, dann würde es für die betroffene Person vielleicht einen Unterschied machen, wie ich positioniert bin. Wie es für mich auch einen Unterschied macht, dass ich selbst als Betroffene_r keine Frau bin, auch wenn das dem Täter scheißegal war. Ich bin in diesem ganzen Gewaltkontext positioniert / positionierbar, und das so (bewusst) auszusparen erscheint mir falsch & macht mich ratlos.

Der Verweis auf die Strukturkategorien erscheint mir einerseits als eine Art Platzhalter für eine Arbeit die grade nicht geleistet werden kann und deswegen für nicht notwenig erklärt wird. Ist auch ok – ein_e kann schließlich nicht alle Themen bearbeiten nur weil es sie grade gibt. Und andererseits als Wiederholung dessen, was mir im tagtäglichen Leben an Entnennung passiert. Ich meine zu verstehen, was mit den Strukturkategorien gemeint ist – der Verweis auf eine bestehende Hierarchie zwischen „den“ „beiden“ als binär in Abhängigkeit zueinander gedachten Geschlechtern Mann und Frau im Patriarchat. Natürlich ist das wirkmächtig, das erfahre ich ja jeden Tag selbst am eigenen Leib. Anders als Frauen und Männer, aber auch. Aber das so zu verwenden, fühlt sich für mich an wie: Weil du im Patriarchat nicht vorkommst, brauchen wir dich ja auch nicht zu benennen.

Vielleicht habe ich es ja auch falsch verstanden und jemand mag mir erklären, was stattdessen damit gemeint ist.

Etwas irritiert es mich schon an mir selbst, dass ich mich grade in dieser Aussparung von non-binary Täter_innenschaft so verhake. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass mir vom Täter selbst eine Täter_innenposition zugewiesen wurde und ich sie wenigstens benennen können will, auch wenn das falsch ist. Vielleicht aber auch damit, dass Täter_in sein ja nicht immer nur negativ sein muss. Z.B. wenn ich jemandem der_die mir etwas tun will auf die Nase haue. Vielleicht auch ein bisschen der Auseinandersetzung mit der Tatsache geschuldet, dass ich mich in der Vergangenheit manchmal diskriminierend geäußert habe, um mich von Frau-sein abzugrenzen – und mich damit misogyner patriarchaler Strukturen bedient habe. Was nicht dasselbe ist wie konkret & aktiv Gewalt auszuüben, aber ich fühle mich in diesem Gefüge auch über falsche Vorstellungen zu Erlebtem hinaus nicht „unschuldig“. Es ist komplex.

Wie gesagt habe ich das mit „Strukturkategorie und deswegen nur Mann und Frau“ auch schon gehört, wenn es um Betroffenheit von Gewalt geht. Was besonders schmerzhaft ist an Orten, an denen ich mit erhoffe, dass ich dort Solidarisierung finde. Oder einfach Denkanstöße für schmerzhafte Themen. Außerdem stößt mich das zurück in die Wortlosigkeit, der ich ja grade zu entkommen versuche, indem ich anderer Menschen Texte / Workshops / Vorträge aufsuche. Es ist dann immer so ein Bergaufschwimmen im Versuch mich trotzdem zu äußern, das sehr anstrengend ist.

Feministische Wissensproduktion und Politarbeit wird meistens ehrenamtlich oder unter prekären Bedingungen geleistet und mir ist wichtig nochmal zu sagen, dass ich das anerkenne und dass ich dort nicht vertreten oder benannt werden muss damit es in meinen Augen wertvoll wird. Trotzdem mag ich diese Gedanken mal in den weiten Raum des Internets stellen, auch ein bisschen als Teil ebendieser. Ich kann ja nicht von anderen erwarten dass sie für mich sprechen sondern muss mich selbst äußern. Und für mich bedeutet das Patriarchat zu sprengen unter anderem auch diese Zwangseinordnung in eine gedachte binäre Struktur zu sprengen. Damit Geschlecht das wird was wir draus machen – und eben nicht mehr das was aus uns gemacht wird. Am besten natürlich für alle, egal ob sie nun Frauen, Männer oder „zwischen den Geschlechtern“ oder sonstwo in diesem Gefüge positioniert sind. Und das bedeutet auch eine Sprache /Raum zu schaffen, in der wir unser eigenes Handeln in Punkto sexualisierter Gewalt reflektieren können.

Die Binary ist Schrott – machen wir sie kapott!
Die Körper denen die drin wohnen!

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Vor nicht allzulanger Zeit gab es zu diesem Thema bei der Mädchenmannschaft auch schon mal einen Brief an feministische Frauen(Lesben)-(Polit)gruppen: Über Frauen(Lesben)-Räume, (Queer-)Feminismus und nicht-binäre Genderverortung_identifikation. In dem wurden ganz ähnliche Probleme schon mal angesprochen, wenn auch in einer etwas anderen Stoßrichtung.