Strukturkategorie Void: Warum ich es wichtig finde auch in Texten über das Patriarchat nicht nur von Männern und Frauen zu sprechen

Neulich fand ich auf Twitter den tollen Blog „Ansichtssache“, auf dem es um Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in der Kindheit aus Betroffenenperspektive geht. Ich empfehle unbedingt, die dortigen Texte zu lesen, weil sie sich kritisch mit den Gewalt reproduzierenden Strukturen befassen. Aber auch, grade, vor allem mit den Möglichkeiten sich selbst als betroffene Person politisch zu verorten.

Dort begegnete mir aber etwas, was mir schon oft begegnet ist und mir Unbehagen und Ratlosigkeit verursacht.
Und zwar der Hinweis darauf, dass im Kontext von Täter_innenschaft nur „Täter und Täterinnen“ benannt werden, nicht aber diejenigen die sich „zwischen den Geschlechtern“ wiederfinden. „An dieser Stelle geht es uns aber nicht um Identitätskategorien, sondern um Strukturkategorien. Das soll bedeuten, dass es uns an dieser Stelle nicht darum geht die Identität und Persönlichkeit eines Menschen anzuerkennen, sondern darum zu erkennen, dass es Menschen gibt, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Positionen heraus (hier also der gesellschaftlichen Position als (erwachsener) Mann oder als (erwachsene) Frau) Gewalt ausüben. In anderen Zusammenhängen, in denen es mehr um Identitäten und Identitätskategorien geht, finden wir es wichtig, die Vielfalt von Geschlechtern zu benennen.“

Ich finde es sehr schwierig, mit dieser Ausage umzugehen, die ich auch nicht nur alleine dort vorfinde sondern häufig wenn es um das Thema (sexualisierte) Gewalt geht. Manchmal nicht nur im Hinblick auf Täter_innenschaft sondern auch im Hinblick auf die Möglichkeit, von Gewalt betroffen zu sein. Ich habe dieses Blog nur deswegen als Beispiel ausgewählt, weil ich das grade dort wiedergefunden habe und woanders grade nicht drauf zeigen könnte. Mir ist es auch wichtig zu sagen, dass ich die Arbeit die dort geleistet wird voll wichtig ist und durch diese Sache nicht weniger wichtig / toll / großartig wird.

Ich bin in den aktuellen akademischen feministischen Diskursen nicht so drin, und vielleicht passieren mir auch Denkfehler in meiner Kritik. Ich freu mich voll über Ergänzungen / Hinweise / Denkanstöße in den Kommentaren, ich würd mich aber freuen, wenn die respektvoll passieren und berücksichtigen, dass ich halt nicht an der Uni arbeite und vor allem aus meiner Lebenswirklichkeit heraus spreche.

Für mich ist dieses Aussparen von non-binary Menschen eine schwierige Geschichte, auch mit dem Hinweis dass es um Strukturkategorien geht und nicht um Identitäten. Für mich ist es Alltag, dass es für mich eben keine Strukturkategorie gibt. Täglich werde ich dazu aufgefordert, mich als Mann oder Frau zu positionieren. Mehrmals täglich, in allen möglichen Kontexten. All the fucking time.

Und obwohl es mich, wenn das Patriarchat gefragt wird, nicht gibt, bewege ich mich nunmal in dieser so strukturierten Welt. Und diese Strukturen machen was mit mir. Darüber hinaus handele ich aber auch darin. Und genauso wie ich Betroffene_r von sexualisierter Gewalt bin, kann ich auch Täter_in werden. Marginalisierung schützt davor nicht. Ich hoffe natürlich nicht, dass das passiert. Aber wenn es so wäre, dann würde es für die betroffene Person vielleicht einen Unterschied machen, wie ich positioniert bin. Wie es für mich auch einen Unterschied macht, dass ich selbst als Betroffene_r keine Frau bin, auch wenn das dem Täter scheißegal war. Ich bin in diesem ganzen Gewaltkontext positioniert / positionierbar, und das so (bewusst) auszusparen erscheint mir falsch & macht mich ratlos.

Der Verweis auf die Strukturkategorien erscheint mir einerseits als eine Art Platzhalter für eine Arbeit die grade nicht geleistet werden kann und deswegen für nicht notwenig erklärt wird. Ist auch ok – ein_e kann schließlich nicht alle Themen bearbeiten nur weil es sie grade gibt. Und andererseits als Wiederholung dessen, was mir im tagtäglichen Leben an Entnennung passiert. Ich meine zu verstehen, was mit den Strukturkategorien gemeint ist – der Verweis auf eine bestehende Hierarchie zwischen „den“ „beiden“ als binär in Abhängigkeit zueinander gedachten Geschlechtern Mann und Frau im Patriarchat. Natürlich ist das wirkmächtig, das erfahre ich ja jeden Tag selbst am eigenen Leib. Anders als Frauen und Männer, aber auch. Aber das so zu verwenden, fühlt sich für mich an wie: Weil du im Patriarchat nicht vorkommst, brauchen wir dich ja auch nicht zu benennen.

Vielleicht habe ich es ja auch falsch verstanden und jemand mag mir erklären, was stattdessen damit gemeint ist.

Etwas irritiert es mich schon an mir selbst, dass ich mich grade in dieser Aussparung von non-binary Täter_innenschaft so verhake. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass mir vom Täter selbst eine Täter_innenposition zugewiesen wurde und ich sie wenigstens benennen können will, auch wenn das falsch ist. Vielleicht aber auch damit, dass Täter_in sein ja nicht immer nur negativ sein muss. Z.B. wenn ich jemandem der_die mir etwas tun will auf die Nase haue. Vielleicht auch ein bisschen der Auseinandersetzung mit der Tatsache geschuldet, dass ich mich in der Vergangenheit manchmal diskriminierend geäußert habe, um mich von Frau-sein abzugrenzen – und mich damit misogyner patriarchaler Strukturen bedient habe. Was nicht dasselbe ist wie konkret & aktiv Gewalt auszuüben, aber ich fühle mich in diesem Gefüge auch über falsche Vorstellungen zu Erlebtem hinaus nicht „unschuldig“. Es ist komplex.

Wie gesagt habe ich das mit „Strukturkategorie und deswegen nur Mann und Frau“ auch schon gehört, wenn es um Betroffenheit von Gewalt geht. Was besonders schmerzhaft ist an Orten, an denen ich mit erhoffe, dass ich dort Solidarisierung finde. Oder einfach Denkanstöße für schmerzhafte Themen. Außerdem stößt mich das zurück in die Wortlosigkeit, der ich ja grade zu entkommen versuche, indem ich anderer Menschen Texte / Workshops / Vorträge aufsuche. Es ist dann immer so ein Bergaufschwimmen im Versuch mich trotzdem zu äußern, das sehr anstrengend ist.

Feministische Wissensproduktion und Politarbeit wird meistens ehrenamtlich oder unter prekären Bedingungen geleistet und mir ist wichtig nochmal zu sagen, dass ich das anerkenne und dass ich dort nicht vertreten oder benannt werden muss damit es in meinen Augen wertvoll wird. Trotzdem mag ich diese Gedanken mal in den weiten Raum des Internets stellen, auch ein bisschen als Teil ebendieser. Ich kann ja nicht von anderen erwarten dass sie für mich sprechen sondern muss mich selbst äußern. Und für mich bedeutet das Patriarchat zu sprengen unter anderem auch diese Zwangseinordnung in eine gedachte binäre Struktur zu sprengen. Damit Geschlecht das wird was wir draus machen – und eben nicht mehr das was aus uns gemacht wird. Am besten natürlich für alle, egal ob sie nun Frauen, Männer oder „zwischen den Geschlechtern“ oder sonstwo in diesem Gefüge positioniert sind. Und das bedeutet auch eine Sprache /Raum zu schaffen, in der wir unser eigenes Handeln in Punkto sexualisierter Gewalt reflektieren können.

Die Binary ist Schrott – machen wir sie kapott!
Die Körper denen die drin wohnen!

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Vor nicht allzulanger Zeit gab es zu diesem Thema bei der Mädchenmannschaft auch schon mal einen Brief an feministische Frauen(Lesben)-(Polit)gruppen: Über Frauen(Lesben)-Räume, (Queer-)Feminismus und nicht-binäre Genderverortung_identifikation. In dem wurden ganz ähnliche Probleme schon mal angesprochen, wenn auch in einer etwas anderen Stoßrichtung.


7 Antworten auf „Strukturkategorie Void: Warum ich es wichtig finde auch in Texten über das Patriarchat nicht nur von Männern und Frauen zu sprechen“


  1. 1 Esther 13. Juli 2015 um 21:00 Uhr

    Hallo,

    ich kann Dir auch nicht sagen, was jeweils genau mit „Strukturkategorie“ gemeint ist, weil Wörter ihren Sinn nur in ihrem Kontext ergeben und wir leider niemals vollständig verstehen können, was andere genau meinen. Kommunikation kann immer nur eine Annäherung sein, Mißverständnisse gehören immer zu Kommunikation dazu und wir können nie völlige Sicherheit über das Verständnis erlangen. Ich finde diese Erkenntnisse der Kommunikatioswissenschaft für mich persönlich ziemlich erleichternd, weil sie den Druck rausnehmen und ich mache mir immer wieder bewusst, dass Kommunikation eben ein Prozess der Annäherung an Verständnis ist, mal kommt mensch sich näher und mal bleibt mensch sich ferner. Das vorne weg.

    Ich habe eine Weile an der Uni zu Geschlechterforschung unterrichtet und diese Unterscheidung zwischen Struktur und Identität war dabei immer ein ganz schwer zu vermittelnder Aspekt. Ich denke, das liegt daran, dass dieser Unterschied eben rein akademisch ist. Er ist ein gedankliches Konstrukt, eine bestimmte Perspektive diese Welt zu betrachten, die uns helfen kann einige Phänomene besser zu verstehen. (Manchmal und manchen hilft sie auch nicht und dann gilt es eben andere Perspektiven zu finden.)
    Ich habe es vereinfacht so erklärt und diese Erklärung ist natürlich auch lückenhaft und nicht allumfassend oder für alle nützlich:
    Es gibt einerseits die Menschen, die nach (oder heute tw. sogar schon vor) der Geburt einer Geschlechtsklasse zugeordnet werden (die Geschlechtsklasse ist nicht ein irgendwie geartetes biologisches Geschlecht, sondern eben die Klassen von Menschen, die durch diese binäre Zuordnung entstehen). Diese Zuordnung verbindet dann die Personen mit dem Zweiten, nämlich den Konzepten von Männlichkeit und Weiblichkeit. Dabei sind die Konzepte Männlichkeit und Weiblichkeit eher die Strukturkategorie und die Personen eher der Identität zugehörig. Die Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht nur binär, also als gegensätzlich konzipiert, sondern zueinander hierarchisch organisiert. Männlich ist das Starke, Rationale, Wichtige, Nornale, etc. Weiblich ist das Schwache, Emotionale, Nebensächliche, Abweichende, etc. Deshalb soll das Männliche das Weibliche dominieren und so weiter *füge hier jede beliebige Erzählung des Patriachats ein*.

    Diese Konzepte bilden den Rahmen, innerhalb dessen die einzelnen Menschen in den ihnen zugewiesenen Geschlechtsklassen ihre Identität entwickeln. Das ist nicht gleichzusetzen mit dem vollständigen Aufnehmen der Geschlechtsklasse in die Identität!
    Wenn Sozialwissenschaftler*innen also von Struktur sprechen, dann meinen sie oft einerseits eine Hierarchie und andererseits die Erzählungen und sozialen Praktiken der Kultur diese Hierarchie zu stützen. Es geht dann nicht wirklich um konkrete Menschen, sondern um Grundideen von Gesellschaften, die das Zusammenleben dominieren. Natürlich können einzelne Menschen diese Strukturen sehr gut nutzen, um bspw. ihre eigenen Vorteile zu maximieren. Und nur wenn ein großer Teil der Menschen einer Gesellschaft an diesen Grundideen festhält und sie aktiv immer wieder nacherzählt, verteidigt, ausbaut etc. bleiben sie überhaupt bestehen.

    Es gehört quasi zu den Schlüsselfragen der Soziologie, wie diese abstrakte Gesellschaft und ihre Strukturen mit den Individuen in Wechselwirkung stehen. Deshalb wird ihr auch oft vorgeworfen, dass sie die Bedeutung und auch die Möglichkeiten des Individuums unterschätzt. Es ist quasi der umgekehrte Vorwurf, der der Psychologie gemacht wird, die eben die Möglichkeiten des Individuums überschätzt.

    Ich fand den von Dir verlinkten Artikel auch sehr interessant. Es gibt schon seit längerem in der Soziologie Psychologie-kritische Stimmen, die teilweise viel härtere Urteile fällen. Die Psychologie und Psychiatrie wird dort als gesellschaftliche Institution gesehen, die Vorstellungen von Normalität bildet und auch durchsetzt.

    Ich verstehe auch Deine Kritik. Auch sie findet zumindest teilweise ihre Entsprechungen in soziologischen Theorien. Beispielsweise bei Foucault, der sagen würde, dass es extrem schwer ist etwas zu thematisieren, was sich außerhalb des gesellschaftlichen Diskurses bewegt. Denn der Diskurs bestimmt, was sagbar ist und was nicht. Und grade sexuelle Identität und Gender Identität werden im Diskurs stark reguliert und mit vielen Tabus belegt.

    Ich könnte jetzt noch ewig so weiter schreiben. Aber ich weiß gar nicht, ob das überhaupt in eine Richtung geht, die Dir hilft und ob ich nicht viel zu verschwurbelt schreibe, etc. Es waren nur die Sachen, die mir spontan zu Deinem Text eingefallen sind und die ich daher hier aufgeschrieben habe. Ich hoffe meine Ausdrucksweise war nicht respektlos. Die Idee, die Du verfolgst, finde ich sehr wichtig, aber es ist schwierig für mich die richtigen Worte zu finden, um sich offen genug und doch verständlich auszudrücken.

    Viele liebe Grüße und alles Gute
    Esther

  2. 2 chirlu 14. Juli 2015 um 18:19 Uhr

    Hallo Bluespunk,
    über den Hinweis bei Ansichtssache und die Frage, was das eigentlich bedeutet, als Strukturkategorie nicht zu existieren bzw. für nicht existent erklärt zu werden, habe ich mir schon viel den Kopf zerbrochen. Kriege aber meinen Gedankensalat dazu gerade nicht so richtig sortiert. Daher schicke ich jetzt erstmal nur vielen Dank dafür, dass Du Deine Gedanken formuliert und in den weiten Raum des Internets gestellt hast. Mit solidarischen Grüßen von chirlu

  3. 3 bluespunk 14. Juli 2015 um 19:16 Uhr

    Vielen vielen Dank für eure Kommentare!

    @Esther: Lieben Dank für all die Mühe die du dir gemacht hast, ich glaube mir hat selten jemand so nett die Welt erklärt. :) Und es geht schon etwas in die Richtung in die ich nachgedacht habe, ich habe auch direkt eine Frage dazu. Und zwar wenn du schreibst dass die Identität das ist was Menschen innerhalb der Strukturkategorien für sich basteln, wie passt es dann da rein dass es non-binary Identitäten gibt?
    In meiner handlungsfähigkeit bin ich viel auf diese Kategorien zurückgeworfen, grade deswegen finde ich es wichtig ihnen die Macht zu nehmen!
    Es gibt ziemlich viele coole Blogs die sich mit Psychiatriekritik beschäftigen, wenn es dich interessiert schreibe ich dir ein paar Links auf.

    @chirlu: Danke sehr für deine Grüße! Und wenn du irgendwann magst bring deinen Gedankensalat gerne noch vorbei, auch wenn’s in n paar Monaten ist oder so.

  4. 4 Annalina 08. August 2015 um 1:59 Uhr

    Es ist schon erstaunlich mit welcher Hartnäckigkeit, Rethorik und immer neuen Tricks Leute versuchen es immer wieder darauf hinauslaufen zu lassen, Leuten ihr Geschlecht abzuerkennen. Identität, jaja, aber blablabla. Ich geh schlafen…

  5. 5 Judith 04. September 2015 um 10:28 Uhr

    Hallo Bluespunk,

    ich bin Judith vom Blog Ansichtssache. Vielen Dank für deinen Artikel. Das hat mich noch mal sehr nachdenklich gemacht. Mir ging es bei dieser Wortwahl sehr darum, die strukturelle Ebene, der sich Täter_innen bedienen zu betonen. Mir ist das nach wie vor sehr wichtig, aber scheinbar transportiert diese Wortwahl nicht das was es soll. Und das ist scheiße. Deshalb möchte ich noch mal eine andere Wortkonstruktion vorschlagen und zwar ‚T_äter.‘ Diese Wortkonstruktion soll ALLE Geschlechter meinen. Und gleichzeitig möchte ich mit dieser Wortwahl darauf verweisen, dass sexualisierte Gewalt immer innerhalb von Machtstrukturen stattfindet. Oder noch klarer formuliert: Dass sich Täter_innen/T_äter immer dieser Machtstrukturen bedienen, sie also (bewusst?) nutzen, um Macht – also an dieser Stelle sexualisierte Gewalt – ausüben.

    In vielen Gesprächen, die ich in der letzten Zeit mit Menschen hatte, fand ich, dass dieser Punkt, dass die Strukturebene einen riesen Einfluss auf Individuen hat, immer wieder weggewischt, vom Tisch gefegt wurde. Das wollte ich sprachlich hervorheben, bin dabei aber anscheinend übers Ziel hinausgeschossen. Und das tut mir leid.

    Ich denke, dass es eine große Rolle bei der Beurteilung von sexualisierter Gewalt spielt, wie und als wer jemand innerhalb einer binären Denkweise GELESEN wird. (Das meinte ich teilweise an dieser Stelle mit Strukturebene – aber Esther hat es in dem Kommentar oben auch noch mal viel besser und ausführlicher erklärt). Und meiner Einschätzung nach, bedienen sich alle die (sexualisierte) Gewalt ausüben und die, die die Gewalt beurteilen diesen Strukturen. Ein Beispiel: Menschen, die als Frauen/Mädchen gelesen werden – unabhängig davon, was die Geschlechtsidentität ist – wird eher nicht zugetraut andere sexuell zu missbrauchen. Und dieses Beurteilen passiert auch in queeren und sonst machtkritischen Umfeldern. Aber auch Richter_innen, Polizist_innen das nahe und fernere Umfeld greift bei der Beurteilung (sexualisierter) Gewalt immer wieder auf eine zweigeschlechtliche Logik zurück. (Sexualisierte ) Gewalt findet ja nicht losgelöst von Machtstrukturen statt.

    Für mich war es in erster Linie wichtig weder in die Argumentationsrichtung zu gehen „wir benutzen hier nur den Begriff ‚Täter‘, weil solche Übergriffe mehrheitlich von Männern verübt werden…“, wie es in vielen Texten und Flyern in der Linken zu sexualisierter Gewalt gerade gemacht wird, aber ich möchte auch nicht in die Richtung gehen zu sagen „ausschließlich die eigene Geschlechtsidentität ist relevant.“ Denn wie wir alle wissen, ist dieses zweigeschlechtliche Zwangssystem sehr wirkmächtig und das wollte ich sprachlich – IN EINER DISKUSSION UM SEXUALISIERTE GEWALT – sichtbar machen. Ich bin absolut Fan vom Unterstrich und finde es super wichtig Zweigeschlechtlichkeit immer wieder zu irritieren und zu bekämpfen. Aber ich glaube, gerade dafür ist es wichtig – in bestimmten Situation und Kontexten, aber nicht immer und überall – dieses Gewaltsystem auch zu benennen und sprachlich sichtbar zu machen.

    Deshalb möchte ich – aber erstmal nur um Kontext von sexualisierter Gewalt und nur bezogen auf die Gewaltausübenden – die Wortkonstruktion ‚T_äter‘ zur Diskussion stellen.

    Dieses Wort würde zum einen ausdrücken, dass mehr „Männer*“ sexualisierte Gewalt ausüben (zumindest wird das gerade so verhandelt, ob das wirklich so ist, kann niemand sagen), und es geht damit auch weg von diesem suggerierten ‚Gleichgewicht‘ an Täter_innenschaft zwischen den Geschlechtern. Das finde ich persönlich ganz gut. Aber durch den Unterstrich stört es auch diese Vereinfachte Sichtweise und macht auf das Konstrukt Zweigeschlechtlichkeit aufmerksam und irritiert es. Ich finde, mit dieser Schreibweise könnten alle Geschlechter gemeint sein und es zeigt gleichzeitig auf, dass es was mit Patriarchat zu tun hat. Und als Selbstbezeichnung wird es aufgrund des Kontextes wohl sowieso nie funktionieren.

    Was denkst du? Was denkt ihr? Könnte diese Wortkonstruktion die Diskussion vorwärts bringen?

    Viele Grüße und vielen Dank, dass du auf diese wunderbare Art noch mal die Diskussion geöffnet hast.

  6. 6 bluespunk 11. September 2015 um 9:19 Uhr

    hallo judith,

    wow, danke für deine antwort hier und deine gedanken!

    ich finde den vorschlag gut. ja du hast recht, es ist sehr wichtig deutlich zu machen, wie macht verteilt ist. damit, dass sich das manchmal mit der sichtbarmachung von mehr geschlechtern beißt, bin ich auch oft nicht zufrieden.

    aber so, glaube ich, wird es ganz gut sichtbar – beides.

    ich finde es schade, das dieser effekt den ich oben meinte oft zum gegeneinander von feministichen menschen führt, und bin total froh, dass das hier nicht passiert ist!

    das macht mich grade ein bisschen glücklich.

    lieben gruß
    bluespunk

  7. 7 chirlu 16. September 2015 um 23:43 Uhr

    Hallo Bluespunk, hallo Judith,
    mir gefällt die Wortkonstruktion ‚T_äter‘ auch gut – gerade auch als Möglichkeit, (Macht)Strukturen weder zu verwischen noch zu zementieren. Da einen guten Weg zu finden erscheint mir immer wieder verdammt schwierig.
    Nach dem Lesen des Hinweises bei Ansichtssache hatte ich erstmal den Eindruck, dass da gar kein Raum mehr dafür bleibt, dass es auch noch andere sexualisierte Gewalt begünstigende (Macht)Strukturen geben kann, die daraus resultieren, dass Menschen in der herrschenden Logik von Zweigeschlechtlichkeit gelesen, aber gleichzeitig als von dieser Norm abweichend angesehen werden. Das hat mich erstmal sprachlos gemacht. An dem Gedankenknoten, wie ich das zum Ausdruck bringen könnte ohne dass das als die im Hinweis benannten Strukturen in Frage stellen ankommt, habe ich mir dann ausgiebig den Kopf aufgeraucht (und bin mit meinen Versuchen, hier nochmal etwas dazu zu schreiben, immer wieder gescheitert). Mit der Wortkonstruktion ‚T_äter‘ und nachdem ich mehr über die dahinter stehenden Gedanken und Intentionen gehört und gelesen habe, löst sich dieser Knoten langsam auf. Das finde ich sehr erleichternd.
    Viele Grüße und vielen Dank an euch beide fürs vorwärts bringen der Diskussion.

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