Archiv für Oktober 2015

Mirselbstgehörungsromantik

Oft ist es in meinem Leben so, dass ich Tage, geplante Ereignisse, Aufgaben aneinanderreihen wie Perlen an einer Kette. Vieles davon ist schön und selbstgewählt. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass darin kein Platz bleibt für Wahl oder Gefühle. Schon alleine die Lohnarbeit nimmt so viele Stunden ein. Sport. Band. Freund*innen treffen. Politgruppe. Veranstaltungen besuchen. WG-Orgadinge. Und was sonst noch so anfällt. Wie gesagt, viel davon ist eigene Entscheidung, aber das meiste ist geplant.

In all dem bewege ich mich nun ohne zu rauchen. Eine Frage die mir noch übriggeblieben ist aus der Zeit MIT Rauchen ist die Frage nach dem widerständigen Potenzial von Selbstzerstörungsromantik. Ich habe es immer noch nicht aufgespürt, obwohl ich immer wieder mal in mich reingefragt habe.
Gleichzeitig und stattdessen habe ich etwas entdeckt, von dem ich alternativ wollte, dass es mir wichtig wird: Mirselbstgehörungsromantik. Als Start habe ich angefangen, bestimmte Nichtrauchtage zu feiern. Nämlich die, die Primzahlen haben. Weil Primzahlen sind durch keine andere Zahl teilbar. Das heißt, in meiner assoziativen Symbolik: Sie gehören sich selbst.

Ich hab versucht das „feiern“ immer mit etwas zu verbin den, für das ich mich situativ entscheide, um unmittelbar das Gefühl zu haben, eine Wahl zu treffen. Das hat mir auch ziemlich gut getan.

Aber ich habe dadurch auch nochmal gemerkt, wie schwierig es ist, dieses Gefühl im Alltag mit Lohnarbeit und ziemlich viel Planung am Leben zu halten. Das fand ich ziemlich entsetzlich.

Don‘t get me wrong. Ich mag meine Arbeit in dem Sinne, dass ich sinnvoll finde was ich tue und den groben Rahmen mag in dem das passiert. Trotzdem ist das, was ich dort tue nichts was ich spontan gerne tue. Früher mal bin ich jeden Tag morgens mit dem Fahrrad einen Berg hochgefahren. Im Zustand des noch aufwachens kam es mir oft so vor, als wäre ich in eine Maschine eingespannt. Meine Muskeln, Knochen und Bänder existierten nicht für sich. Sie wurden zum erweiterten Teil dieser Maschine. Das Gefühl ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben. Es lässt sich sehr gut auf das übertragen, was von allem ich an Lohnarbeit am belastendsten finde.

Gefühlt gehört so viel mehr Zeit der Arbeit als dem, was ich wirklich gerne mache. Ich weiß jedoch nicht, was passieren würde, wenn eines der Dinge die ich außer der Arbeit gerne mache (schreiben oder zeichnen zum Beuispiel) meine Arbeit werden würde. Vielleicht würde ich dann zu dieser Tätigkeit ein ähnliches Verhältnis entwickeln. Hoffentlich werde ich irgendwann nochmal Gelegenheit haben, das rauszufinden.

Statt nur an jedem Primzahltag versuche ich nun, jeden Tag kleine Entscheidungen einzubauen, die mir unmittelbar das Gefühl geben, dass das hier mein Leben ist. Manchmal kommt es mir aber eher vor wie ein Spiel, im Sinne von so-tun-als-ob. Dann frage ich mich, ob sich meine hübsche kleine Idee gegen mich gewendet hat. Ich wollte Mirselbstgehörungsromantik, stattdessen bekam ich ein bisschen Wut auf kapitalistischen Verwertungszwang und ein Bewußtsein für das, was jeden Tag schon entschieden iat.

Ich gebe aber nicht auf.

Diagnosefoo und Alltagssprache und warum ich will, dass die beiden nicht so viele Wege zusammen gehen

Erstmal

Dieser Text liegt schon eine Weile in der Schublade. Ein Teil davon ist Angst. Ein Teil davon ist „aber vielleicht bin ich nicht betroffen genug / falsch betroffen, um darüber zu schreiben“. Beides sind keine guten Gründe, etwas nicht zu sagen. Neulich erinnerte ich mich in einem Gespräch daran, dass ich das hier mal geschrieben habe. Und jetzt steht es hier. Wenn Du Dich davon angegriffen fühlst, kannst Du gerne mit mir darüber diskutieren. Ich weiß, dass ich hier ein Fass aufmache, das gerne mal explosiv ist. Es geht mir hier nicht darum, zu verletzen oder zu verurteilen, sondern über meinen eigenen Umgang nachzudenken und dies transparent zu machen. Nicht zuletzt weil ich Ansprüche, die ich hier formuliere, auch selbst wahrscheinlich nicht hundertprozentig umsetzen kann. Darum geht es mir auch gar nicht. Sondern eher um die Richtung, in die ich gerne denken möchte. Trotzdem können, sobald ich Werturteile äußere, Verletzungen passieren. Grade wenn menschen sowieso schon aufgrund ihrer Erfahrungen oder positionierung verletzlich sind. Dafür will ich offen sein.
Und vielleicht ist es ja auch für einige Menschen einfach interessant was andere dazu denken. Vielleicht ist es auch einfach nicht so viel neues.

Vom Wortefinden zum Worteverlust

Für mich ist es enorm wichtig mit Sprache umzugehen für mein tägliches Leben. Worte für etwas zu finden oder nicht macht oft einen großen Unterschied dafür, wie ich mit etwas umgehen kann. Auch dafür, wie viel Macht etwas bekommt. Wann ich Machtverhältnisse sehen, reflektieren und vielleicht auch unterwandern kann.

Ich finde es persönlich schwierig, Worte aus dem medizinischen Fachjargon in mein Alltagsvokabular zu übernehmen. Trauma, Trigger, Flashback, Dysphorie – das alles sind solche Worte die sich irgendwie einschleichen und die im ersten Moment viel erklären. Es sind aber auch Worte, die mich auf diese Erklärungen reduzieren und die suggerieren, dass es objektive Bewertungsmaßstäbe dafür gibt. Dadurch geschieht ein seltsamer Widerspruch. Einerseits verschwindet das subjektive Erleben dahinter. Also mein Erleben als einzigartiger Einzelmensch hinter dem psychiatrischen Vokabular. Und das nimmt mir gefühlt die Macht, als Einzelmensch mit meinem Erleben so umzugehen wie ich das für gut und richtig halte. Das Gefühl schleicht sich vor allem dann ein, wenn diese Worte exponenziell verwendet werden – sei es nun in meinem Kopf, in meiner Sprache oder im Szenecode.

Am Beispiel „Trigger“

Andererseits wird mein Einzelerleben der gesellschaftlichen Dimension beraubt und reduziert auf meine (kranke) Wahnehmung. Es ist gut, dem Einzelerleben einen Zusammenhang zu geben. Dafür würde ich aber lieber politisches Vokabular verwenden als medizinisches / psychologisches. In diesen Zusammenhang würde ich meine Gewalterlebnisse stellen wollen und auch meinen Umgang damit. Dass ich dabei Gegenstand professioneller psychologischer Praxis werde ist für mich eher so ein Nebeneffekt des Lebens in der Gesellschaft wie sie sich grade dastellt – keine identitätsstiftende Angelegenheit. Auch wenn es mir eine Zeitlang geholfen hat, mich mit den psychologischen Begriffen auseinander zu setzen, um zu verstehen, warum ich z.B. in manchen Situationen so oder so reagiere und warum es so viele weiße Flecken in meinem Gedächtnis gibt.

Inzwischen finde ich eher, dass ich mir etwas nehme, wenn ich alles was mich krass emotional angeht und innerlich aus dem Lot schlägt als Trigger klassifiziere und es dabei bewenden lasse. Ich finde es für meinen Umgang damit total wichtig, zu hinterfragen warum mich das so angeht und was ich daraus für Schlussfolgerungen ziehen will. Und auch welchen Zusammenhang das mit meiner gelebten politischen Praxis hat.

Zu dieser politischen Verortung gehört auch, dass ich eine Vorstellung davon habe wie die Gesellschaft anders organisiert sein sollte als sie es jetzt grade ist. Ich finde dass es ein Unding ist, dass sich so oft die die Opfer von Gewalt geworden sind derer schämen – und nicht die Täter. Und dass oft das Erlebte nicht beschrieben, gesagt werden kann. Ich habe in meinem Kopf so eine Utopie, dass irgendwann die die Gewalt erlebt haben nicht mehr die Klappe halten, sondern auspacken. Und zwar alle. Als Unmissverständliche Botschaft auch an die Täter_innen: Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass die Person die ich grade misshandle darüber schweigen wird. Das was ich grade tue wird herauskommen, spätestens wenn die Machtverhältnisse die ich grade ausnutze nicht mehr gegeben sind. Und dann werde ich mit Konsequenzen zu rechnen haben. Was mich selbst an dieser Utopie stört ist die Tatsache, dass sie zu viel Verantwortung für das Beenden von Gewaltverhältnisse an deren Opfer gibt. Das setzt mich manchmal selbst ein bisschen unter Druck, aber andererseits ist das auch teilweise ein guter Druck: Mich mit der Verteilung von Scham wie sie grade ist nicht abzufinden und ihnen etwas entgegen zu setzen. Außerdem ist es eine schöne Vorstellung, dass nicht alles so bleiben muss wie es ist. Und es ist ja nicht schlecht individuell Verantwortung zu übernehmen für gesellschaftlich relevantes Handeln. Außerdem habe ich eindrucksvoll erlebt was es heißt, von erlebter Gewalt schweigen zu sollen, weil es für andere zu krass ist. I don‘t wanna play that game.

Das spielt auf jeden Fall krass rein in die Beurteurteilung dessen was mich evtl. antickt und der normativen Bewertung, die ich damit vornehmen will. Wenn es um Gewaltinhalte geht und nicht um irgendwelche random Trigger wie bestimmte Gerüche, Elektrogeräte, Alltagsfloskeln, whatever. Diese Trigger gibt es ja auch noch und so ein bisschen führen sie meiner Meinung nach die Forderung alles potenziell triggernde zu verschlagworten und davor zu warnen ad absurdum.
Wenn ich jemandem eine reinhauen will, weil er_sie mir grade einen schönen Sonntag gewünscht hat, ist das verdammt noch mal mein Problem und ich muss mich selber darum kümmern. Wenn ich die Person gut kenne, kann ich sie bitten, diese Formulierung in Zukunft zu lassen. Und vielleicht auch sauer sein, wenn er_sie es nach x mal bitten immer noch nicht verstanden hat und mir wieder einen schönen Sonntag wünscht. Aber letzten Endes muss ich irgendwie damit klarkommen, dass diese Formulierung ein Fallstrick für mich ist. Das würden wahrscheilnlich auch viele Triggerwarnungsbefürworter_innen so sehen. Aber Leute die sich von Schweigegeboten emanzipieren wollen für die ausgelöste Reaktion verantwortlich machen? So ungerecht!

Selbstverständlich gibt es Momente, in denen mich wütend macht dass sexualisierte Gewalt thematisiert wird! Oder besser: Wie!
Redet z.B. grade ein_e Betroffene_r um Gewaltverhältnisse sichtbar zu machen? Oder hat sich mal wieder irgend ein weinig findiger Krimidrehbuchschreiber einen unlustigen plot twist ausgedacht, um seine dröge Geschichte ein wenig aufzupeppen oder eine Figur authentischer scheinen zu lassen? Geht es um Erkenntnis? Oder geht es um Instrumentalisierung von Betroffenen für autoritäre Zwecke? Geschieht hier Empowerment oder wird Angst geschürt? Wird der patriarchale Blick auf Gewalt reproduziert oder gebrochen? Bin ich grade wütend weil ich getriggert wurde und Abstand brauche, oder weil kacke mit mir umgegangen wird und ich mir das nicht bieten lassen will?

Und wenn einer der anderen Fälle vorliegt, finde ich es total wichtig, genau das zu kritisieren. Nicht: Dass ich getriggert wurde. Sondern z.B., dass ein Typ in einer polemischen Mail Gewaltschilderungen benutzt um einen bestimmten Effekt zu erreichen. Oder dass sexistische, diskriminierende Kackscheiße (re)produziert wurde. Etc.

Ab davon ist es für mich individuell total wichtig, für mich zu sorgen und damit umzugehen, wenn ich überfordert bin. Egal ob es sich um ein Lied handelt das grade gespielt wird oder um jemanden der_die mir grade etwas erzählt, das ich nicht hören will. Ich darf Grenzen setzen und auch das will ich üben. Ich bin nicht verpflichtet, mir irgendetwas anzuhören und auch nicht immer dazu in der Lage. Ich muss auch nicht alles toll finden, nur weil es irgendwie feministisch ist und Gewalt thematisiert. Das ist dann meine Verantwortung, das zu kommunizieren. Ich finde es auch gut, wenn Filme, Vorträge und Texte aussagekräftig angekündigt werden, so dass ich überlegen kann, ob ich heute hingehen will. Aber darüber würde ich normativ nicht so stark werten wollen wie z.B. Instrumentalisierung von Gewalt für dies oder das. Das ist für mich ein Unterschied und ich finde es für mich wichtig, den herauszuarbeiten, bevor ich das anderen Menschen kommuniziere. Das klappt natürlich nicht immer und geht auch manchmal ganz schön daneben. Wie gesagt es ist ein Anspruch den ich an mich selbst habe und an dem ich übe und nichts, was ich perfekt kann oder von dem ich von mir oder anderen verlange dass es immer so klappt. Aber es kann auch ein Teil vom Klarkommen mit diesen Trigger Dings sein, sich diese Fragen zu stellen. Nicht zuletzt deswegen, weil vielleicht ein Teil der Wut die gefühlt wird nicht Resultat einer verschobenen Wahrnehmung aufgrund erlebter Gewalt ist, sondern im vielzitierten hier und jetzt ganz berechtigt.

Und das finde ich dann nämlich ganz schön wichtig zu wissen.

Am Beispiel „Dysphorie“

Wie ich meinen Körper wahrnehme und wie ich mich darin wohlfühle(n würde) und wie der ist stimmt nicht überein. Als ich zum erstenmal davon gelesen habe, dass es auch anderen so geht, wurde das Wort Dysphorie benutzt und mir ist eine Welt aufgegangen. Eine Welt in der das auch irgendwie „normal“ ist dass es mir so geht, und in der ich danach streben kann dass der Körper modifiziert wird, so dass ich besser mit dem leben kann. Trotzdem gehört auch dieses Wort zu den Worten, die ich nicht in meinen aktiven Sprachschatz übernehmen will. Und zwar hier noch viel deutlicher deswegen, weil es nicht ohne Zusammenhang daherkommt, sondern einen für mich direkt erfahrbaren Machtapparat mitbringt.

Ob ich körperlich transitionieren darf oder nicht, bestimmt (zu meinem eigenen besten natürlich) nicht ich, sondern Psycholog_innen. Die sprechen mit mit, am besten über längere Zeit, um festzustellen dass ich auch wirklich und wahrhaftig die richtige Krankheit (ach neee ist ja keine krankheit mehr, aber irgendwie doch, ich weiß ja auch nicht!) auf die richtige Art und Weise habe, um diese Behandlung zu bekommen. Mein eigenes Erleben, jahrelange Versuche mich mit dem Körper so wie er ist anzufreunden oder mich mit einer Identität als Frau abzufinden, plus meine Willenserlärung zählen nichts ohne einen Zettel, der es bestätigt. Nun ist es aber so, dass ich der Person die mir diesen Zettel schreibt wahrscheinlich noch nicht einmal mein wirkliches Erleben darlegen kann, sondern auf Stereotype ausweichen muss. Non-binary Transmenschen wie mich gibt es nämlich in (deren) Wirklichkeit gar nicht, sondern nur Männer und Frauen. Also muss ich möglichst effektiv so tun, als wäre ich ein Mann – oder relativ bald genug Geld verdienen, um mich irgendwo im Ausland operieren zu lassen. Letzteres ist leider utopisch. Ihr versteht vielleicht den Druck, den das erzeugt.

Wie reagieren Psychotherapeut_innen auf diesen Druck?
Eine der Personen, Sophinette Becker, die die „Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen“ mitgeschrieben hat, erklärt in einem Text, der auf der Internetseite http://www.hivandmore.de/ zu finden ist:

„Bei PatientInnen mit transsexuellem Wunsch kommt es oft schon in den ersten Gesprächen zu erheblichen Konflikten und Verständigungsproblemen. Deshalb ist es wichtiger, zunächst einen tragfähigen Kontakt zu ihnen herzustellen, als möglichst rasch sämtliche für eine „richtige“ Diagnose relevanten Daten zu erheben. Viele PatientInnen stellen zunächst retrospektiv stark korrigierte, „konfliktfreie“ Biographien dar, um als transsexuell eingestuft bzw. im Wunschgeschlecht anerkannt zu werden. Eine (reaktive) detektivische Haltung des/r UntersucherIn erhöht nur den Druck, unter dem die PatientInnen stehen, und versperrt den Zugang zu ihnen.

Die weiterführende Diagnostik ist i.d.R. nicht in einigen wenigen diagnostischen Gesprächen, sondern nur in einer längeren Verlaufsdiagnostik möglich.“

Ohne scheiß, ich finde: Körper gehören denen, die drin wohnen! Und jeder der zitierten Sätze redet vom Gegenteil. Nicht Machtverhältnisse werden als das Problem gesehen über das dringend geschrieben werden muss, sondern die Art und Weise, wie Transmenschen damit umgehen. Das macht mich so wütend.

So wie es aussieht bemühe ich mich um eine Transition und bin dafür darauf angewiesen, dass ich den Stempel „Wirklich Trans“ von eine_m Psycholog_in bekomme. Aber ich mag mich abseits davon nicht mit einem System identifizieren, das so mit mir (und vielen vielen anderen) umgeht. Ich mag in meiner Alltagssprache versuchen, andere Worte für meine Gefühle zu finden. Auch wenn ich dafür vielleicht manchmal einen Umweg gehen muss. Dass diese Normen mich beeinflussen – z.B. wenn ich bis ins kleinste Detail darüber nachdenke, was ich zu einem Gespräch mit dem Psychotherapeuten anziehe – passiert sowieso, ich kann mich dem nicht entziehen und muss mich da auch teilweise anpassen, wenn ich bekommen will was ich brauche. Aber ich muss das auch nicht fördern. Ich glaube auch nicht, dass ich die Autorität der Gatekeeper_innen untergrabe, indem ich ihre Worte auf mich anwende. Vielleicht auch, um bewußt oder unbewußt zu sagen: Ja ich bin wirklich trans, ich erfülle die Kriterien! Zur Hölle mit objektiven Kriterien dafür! Was ist mit Menschen, die keine Dysphorie haben, aber trotzdem trans sind? Die haben genauso ein Selbstbestimmungsrecht über ihre Identität und ihren Körper zu haben wie ich!

Und wenn ich davon reden will, wie schwierig das Sein unter diesen Umständen für mich ist – glaube ich, dass mir andere Worte viel besser helfen. Grade wenn es um meinen Körper geht möchte ich mir Worte aneignen, die nicht aus dem Wörterbuch sind, das von solchen Autoritäten geschrieben wurde. Ich will ja auch eigentlich, dass die Menschen mit denen ich rede sich für meine Lebenswirklichkeit interessieren und nicht für die der Therapeut_innen. Oder für diese v.a. kritisch.

Ich habe jetzt geschrieben: Therapeut_innen reagieren so. Ich hoffe selbstverständlich, dass nicht alle so reagieren. Ausnahmen, Menschen die anderen Menschen Entscheidungen über ihren Körper selbst zugestehen, gibt es auch da draußen und sie sind so wichtig. Ich hebe grade das andere Extrem hervor, weil das im wahrsten Sinne des Wortes die Regel ist.

Schluss

Ich könnte jetzt nocht mehr Beispiele Anfügen… Depression, Soziophobie (habe ich eine zeitlang exponetiell genutzt), solche Worte schleichen sich ständig in meinen Wortschatz und leben sich ganz gut ein. Bevor ich zum Ende komme, mag ich aber noch ein kurzes Plädoyer gegen Authentizität halten. Diese könnte ich ja jetzt als Fahne hochhalten um zu erklären, warum ich möchte, dass diese Worte nicht verwendet werden. Aber darum geht es mir nicht. Authentizität ist etwas an das ich nicht glaube. Authentizität ist andererseits herum auch etwas, was ich mir leisten können muss. Während ich vor einem Psychologen sitze, der mir bestätigen soll, dass meine Wahrnehmung von mir stimmt und ich es verdiene, behandelt zu werden, kann ich paradoxerweise nicht unbedingt meine Wahrnehmung schildern, weil das Förmchen dann nicht durchs Kästchen passt. Da muss ich selbst Konzessionen machen, es sei denn ich will auf die im Rahmen des Möglichen mögliche Hilfe verzichten.

Außerdem mag ich noch sagen, dass es mir hier nicht darum geht, andere, die die Worte für sich benutzen, moralisch zu verurteilen. Ich denke für mich darüber nach, wie ich mein Sprachhandeln gestalten will. Was leider auch nicht heißt, dass ich mich freimachen kann davon, mit diesem Machtsystem zu kooperieren – z.B. transitionieren zu können, was sich für mich relativ dringend notwendig anfühlt. Für viele Menschen ist es so, dass die besprochenen Wörter überhaupt erstmal die Möglichkeit geben, Erlebtes auszudrücken, weil Psychologie nunmal in unserer Gesellschaft der Raum ist, in dem abweichendes Bew_ortet wird. Das will ich nicht nehmen oder verurteilen. Da unterscheide ich ganz klar zwischen dem System, das einigen Macht verleiht über andere, und Betroffenen, die in_mit diesem System irgendwie klarkommen müssen_wollen. Möchte ich ja auch. Ich mag mich mit Menschen solidarisieren, die Gewalt, die in diesem System passiert, thematisieren, auch wenn das zuweilen unbequem ist. Das ist mir wichtig.