Mirselbstgehörungsromantik

Oft ist es in meinem Leben so, dass ich Tage, geplante Ereignisse, Aufgaben aneinanderreihen wie Perlen an einer Kette. Vieles davon ist schön und selbstgewählt. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass darin kein Platz bleibt für Wahl oder Gefühle. Schon alleine die Lohnarbeit nimmt so viele Stunden ein. Sport. Band. Freund*innen treffen. Politgruppe. Veranstaltungen besuchen. WG-Orgadinge. Und was sonst noch so anfällt. Wie gesagt, viel davon ist eigene Entscheidung, aber das meiste ist geplant.

In all dem bewege ich mich nun ohne zu rauchen. Eine Frage die mir noch übriggeblieben ist aus der Zeit MIT Rauchen ist die Frage nach dem widerständigen Potenzial von Selbstzerstörungsromantik. Ich habe es immer noch nicht aufgespürt, obwohl ich immer wieder mal in mich reingefragt habe.
Gleichzeitig und stattdessen habe ich etwas entdeckt, von dem ich alternativ wollte, dass es mir wichtig wird: Mirselbstgehörungsromantik. Als Start habe ich angefangen, bestimmte Nichtrauchtage zu feiern. Nämlich die, die Primzahlen haben. Weil Primzahlen sind durch keine andere Zahl teilbar. Das heißt, in meiner assoziativen Symbolik: Sie gehören sich selbst.

Ich hab versucht das „feiern“ immer mit etwas zu verbin den, für das ich mich situativ entscheide, um unmittelbar das Gefühl zu haben, eine Wahl zu treffen. Das hat mir auch ziemlich gut getan.

Aber ich habe dadurch auch nochmal gemerkt, wie schwierig es ist, dieses Gefühl im Alltag mit Lohnarbeit und ziemlich viel Planung am Leben zu halten. Das fand ich ziemlich entsetzlich.

Don‘t get me wrong. Ich mag meine Arbeit in dem Sinne, dass ich sinnvoll finde was ich tue und den groben Rahmen mag in dem das passiert. Trotzdem ist das, was ich dort tue nichts was ich spontan gerne tue. Früher mal bin ich jeden Tag morgens mit dem Fahrrad einen Berg hochgefahren. Im Zustand des noch aufwachens kam es mir oft so vor, als wäre ich in eine Maschine eingespannt. Meine Muskeln, Knochen und Bänder existierten nicht für sich. Sie wurden zum erweiterten Teil dieser Maschine. Das Gefühl ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben. Es lässt sich sehr gut auf das übertragen, was von allem ich an Lohnarbeit am belastendsten finde.

Gefühlt gehört so viel mehr Zeit der Arbeit als dem, was ich wirklich gerne mache. Ich weiß jedoch nicht, was passieren würde, wenn eines der Dinge die ich außer der Arbeit gerne mache (schreiben oder zeichnen zum Beuispiel) meine Arbeit werden würde. Vielleicht würde ich dann zu dieser Tätigkeit ein ähnliches Verhältnis entwickeln. Hoffentlich werde ich irgendwann nochmal Gelegenheit haben, das rauszufinden.

Statt nur an jedem Primzahltag versuche ich nun, jeden Tag kleine Entscheidungen einzubauen, die mir unmittelbar das Gefühl geben, dass das hier mein Leben ist. Manchmal kommt es mir aber eher vor wie ein Spiel, im Sinne von so-tun-als-ob. Dann frage ich mich, ob sich meine hübsche kleine Idee gegen mich gewendet hat. Ich wollte Mirselbstgehörungsromantik, stattdessen bekam ich ein bisschen Wut auf kapitalistischen Verwertungszwang und ein Bewußtsein für das, was jeden Tag schon entschieden iat.

Ich gebe aber nicht auf.


2 Antworten auf „Mirselbstgehörungsromantik“


  1. 1 Hörn 22. Oktober 2015 um 16:28 Uhr

    Ich habe festgestellt, dass ich Zeit für mich (=allein) brauche. Und ganz besonders toll ist die, wenn sie wirklich frei ist und ich mit ihr /machen kann, was ich will/. Deine Mirselbstgehörungsromantik erinnert mich daran. Könnte das auch ein Weg sein für dich das zu feiern?
    Ich nenne es auch freie Zeit. Ich habe so ein selfcare-Bingo an meiner Wand hängen und da steht in der mitte „free space – you deserve it“ und das tut mir so gut das zu lesen. (Dieses hier http://selfcarezine.tumblr.com/post/88796342528/femmeanddangerous-self-care-bingo)
    Naja, daran musste ich bei deinem Text denken.
    Und das mit dem kapitalistischen Verwertungszwang das kenn ich auch so gut. Da ärgere ich mich auch immer mal wieder drüber. Das die schöne freie Zeit auch dazu führt, dass ich am nächsten Tag wieder funktioniere. Grrr. Und ich es ein bischen auch so machen /muss/ um wieder zu funktionieren.. Aber sie führt auch dazu, dass ich mich (mit mir) gut fühle und mit mir verbunden fühle. Und das ist schön.

    So, ich hoffe das war nicht an deinem Thema vorbei und du kannst damit vll sogar was anfangen!
    Grüße,
    Hörn

  2. 2 bluespunk 23. Oktober 2015 um 11:13 Uhr

    Sehr kann ich etwas damit anfangen, ehrlich gesagt gingen meine Gedanken nach dem Schreiben in eine ähnliche Richtung. Und ich bin auch immer wieder in dem Zweispalt, den du da beschreibst. Danke für deinen lieben Kommentar!

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