Archiv für März 2016

Wohlfühlen will gelernt sein

Heute schrieb mich über einen Mailverteiler ein Lehrer meines alten Gymnasiums an und fragte nach Erinnerungen für das nächste Jahrbuch. Ich schrieb ein paar Sätze, wohl wissend, dass meine Erinnerungen womöglich nicht jahrbuchtauglich sind. Ich hab in der Schule vor allem Ausgrenzung, Mobbing (an dem die Lehrer_innen teilweise beteiligt waren), victim blaming erlebt. „Die Klassengemeinschaft“, an die ich mich anpassen soll, damit andere keinen Grund mehr haben, gemein zu mir zu sein, war der bedrückende running gag meiner Kindheit und Jugend.

Dass solche™ Erinnerungen von solchen™ Leuten nicht abgedruckt werden, hab ich schon in der Grundschule gelernt. Damals sollten wir Aufsätze über eine Klassenfahrt schreiben, die dann in einem Heft an alle Schüler_innen der Klasse und ihre Eltern verteilt wurde. In meiner kam leider vor, dass meine Mitschüler_innen ziemlich gemein zu mir waren und dass ich sie dementsprechend nicht ausstehen konnte. Der Aufsatz wurde kommentarlos einkassiert, stattdessen durfte einer der Mobber, der zufälligerweise auch Lehrerins Liebchen war, für die leere Seite noch ein Bildchen malen. So wurde ich sehr früh mit der Notwendigkeit konfrontiert, medienkritisch zu sein und Autoritäten nicht vorbehaltlos zu vertrauen.

Auf dem Gymnasium ging es dann so weiter. Erst in der Oberstufe wurde es erträglicher, wahrscheinlich weil die Klassenzwangsgemeinschaft aufgelöst wurde. Ich bin sehr froh, dass ich die Schulzeit überlebt, weiter gelebt habe. Dass ich irgendwoher die Hoffnung genommen habe zu glauben dass es irgendwann, irgendwo besser wird. Dass ich mir ein Leben aufgebaut habe, in dem ich Freund_innen habe und manchmal sogar etwas wie vertrauen kann.

Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass mir das als Kind passiert ist, das zufälligerweise auch trans war, auch wenn ich damals noch keine Worte dafür hatte. Sehr ungeschickt und ohne Rückhalt habe ich damals versucht, mich auszudrücken und zu existieren. Auch deswegen ist Worte finden jetzt so heilsam.

Was jedoch geblieben ist ist tiefes Misstrauen gegenüber Menschen, vor allem in Gruppen. Durch die Schule, zur Bushaltestelle, durch den Heimatort zu gehen und dabei Ziel von verbalen und körperlichen Angriffen zu werden, war normal. Das macht es mir nicht leicht, an Veranstaltungen wie z.B. Festivals teilzunehmen. Ich finde Menschenansammlungen bedrohlich, weil ich dort nie alle im Blick haben kann und nicht weiß, woher eventuell der nächste Angriff kommen kann. Die Wachsamkeit ist immer noch tief in mir verankert. Und das ist anstrengend, kräftezehrend und manchmal sehr traurig und einsam machend.

Dass es auf feministischen Veranstaltungen menschenfreundliche Regeln gibt, die vor (diskriminierenden) Angriffe schützen sollen, macht es mir zuweilen etwas leichter. Andererseits gibt es auch hier immer wieder Momente in denen ich merke, dass ich auch hier außerhalb der Norm bin. Zum Beispiel steht oft auf Plakaten bei solchen Veranstaltungen: Wenn du dich nicht wohlfühlst, wende dich an das Awareness-Team. Geht das, sich in einer Menschenmenge wohl fühlen? Im Publikum vor der Bühne zu stehen und einfach nur die Musik genießen, ohne den Drang die Umgebung genauestens im Auge zu behalten? Ich finde diese Schilder irritierend. Was meinen sie? Was wollen sie von mir? Wie muss ich denn sein, um hier sein zu dürfen? Ist es denn okay, sich nicht wohl zu fühlen? Muss ich in den Awareness-Raum, wenn ich unter Menschen nicht entspannen kann? Wenn mir irgendwann die Tränen kommen, weil ich die Anspannung nicht mehr aushalte? Was soll das Awarenessteam denn mit meinem sich-nicht-wohlfühlen anfangen?

Wohlfühlen will gelernt sein, ich hab es nicht gelernt.

~ my pronouns are not about how you feel great respecting them ~

dieser text richtet sich vor allem an menschen, für die es neu ist, dass ihr gefühl für das geschlecht, für die pronomen anderer menschen nicht immer stimmen muss. selbst wenn sie sich sehr sehr sicher sind. es ist ein langer innerer monolog, der entstanden ist, weil ich in meinem alltag immer wieder damit konfrontiert bin. es ist jeweils eine lernsituation für die andere person. diese ist sich dessen nicht immer bewußt. und auch für mich. ich bin mir dessen auch nicht immer bewußt. der text kann gerne weitergegeben, kommentiert, verändert, ergänzt werden.

pronomen sind nichts, was von außen zu sehen ist

okay, nun ist es also neu für dich, dass eine person, die du einem bestimmten geschlecht zuordnest, dort gar nicht ist. du bist vielleicht verwirrt, wie das sein kann. pronomenverwirrungen kenn ich. wichtige selbsterfahrungsmomente für mich fanden auf veranstaltungen mit pronomenrunden statt. soweit ich mich erinnere, war ich mit „sie“ nie sonderlich glücklich, aber es fühlte sich halt angewachsen an. ich sah keinen ausweg, das abzuschütteln. plötzlich musste ich mich aktiv positionieren. also was tun? sich selbst das „sie“ anheften? fühlte sich scheiße an. andere pronomen wählen? durfte ich das denn einfach so? ich hatte ja lange haare und sogar einen rock an! ich sah keine wirkliche handlungsoption, stammelte irgendwie rum und war heimlich wütend auf die menschen, die mich mit diesem konflikt konfrontierten.

aber ich lernte auch: pronomen von anderen menschen sind nichts, was ich immer sehen kann. so kompliziert ist es aber trotzdem nicht. ich kann nachfragen. wenn ich einen fehler mache, kann ich mich entschuldigen und verbessern.

deswegen glaube ich, dass im grunde alle menschen das lernen können. wenn du dich dagegen sperrst, fänd ich’s ziemlich cool, wenn du schaust, was es mit dir zu tun hat. und das nicht an der person auslässt, von der du grade irritiert bist.

taking space / platz nehmen

jetzt weiß ich, dass ich mich sehr viel wohler fühle, wenn andere pronomen für mich benutzt werden als „sie“. und es ist verdammt kompliziert. denn leider glauben menschen von außen das „sie“ an mir zu erkennen. und viele glauben nicht, dass sie sich irren können. die „sie“s fliegen mir um die ohren, und manchmal gehe ich darin unter. darauf folgende sätze lassen mir nicht den platz, um zu reagieren. es geht ja grade um ein thema, und das für mich grade aufploppende thema ist für die andere person unsichtbar. kann ich das gespräch unterbrechen, um es auf den tisch zu stellen? es fühlt sich so schwer an. sollte ich wirklich?

ich fänd’s nett, wenn du platz dafür machst und versuchst zu bedenken, dass du mit deiner einordnung anderer menschen falsch liegen könntest. dass du fehler machst ist kein drama. das drama ist die halsstarrigkeit, mit der viele menschen auf ihren einordnungen beharren.

transfeindlichkeit von außen und innen

ich beobachte grade, wie das, was es für mich so schwer macht, viel transfeindlichkeit und cisnormativität ist. grade in pronomensituationen schimmert sie durch die oberfläche.

dass menschen glauben, pronomen von außen sehen zu können, und ihr gefühl dazu als tatsache hinstellen.
dass menschen irritiert sind und sehr kreativ versuchen, mich misszuverstehen, wenn ich sie verbessere.
dass menschen glauben, sie hätten mitzureden, wenn ich ihnen meine pronomen sage.
dass menschen sich unfreiwillig in eine lernsituation gestoßen fühlen dadurch, dass es nicht so läuft wie sie es kennen und den frust darüber an mir auslassen.
dass menschen glauben, dass die art wie sie durch die welt gehen so viel einfacher, normaler und vor allem natürlicher sei.

„soll ich mich jetzt schlecht fühlen, oder was?“
„ich werde dich nicht mit ‚er‘ bezeichnen.“
„mein pronomen ist offensichtlich ’sie‘, haha!“

das schlimme ist, dass dies alles nicht nur von außen kommt, sondern in mir drin ist. das macht es mir oft schwer, überhaupt zu reagieren, wenn ich misgendert oder falsch angeredet werde. ich schiebe den stein, der mir auf den fuß fällt unter den tisch, statt ihn aufzuheben und für alle sichtbar darauf zu deponieren. warum sollte ich einen stein auf den tisch legen? es ist ja nicht vorgesehen.

dagegen muss ich beim platz nehmen ankämpfen. es ist auch für mich eine lernsituation, immer wieder. immer wieder ignoriere ich den stein auf meinem fuß, bin sauer auf mich, weil ich den schmerz fühle, den er verursacht. immer wieder schlucke ich, wenn ich’s mal nicht ignoriere, eine entschuldigung runter, weil ich’s kompliziert mache.

absurderweise fällt es mir ein winzig kleines bisschen leichter, seit ich angefangen habe, körperlich zu transitonieren. obwohl noch nichts zu sehen ist, fühle ich mich berechtigter in meinem anliegen, nicht misgendert zu werden. auch das ist internalisierte transfeindlichkeit, glaube ich. denn unbewusst scheine ich davon auszugehen, dass ich meiner umgebung irgendeinen beweis für meine echtheit schuldig bin, um respektvoll behandelt zu werden. jetzt wo ich diesen beweis erbringe, erwarte ich diesen respekt dann aber auch von ihr. ich muss aufpassen, dass ich mir vom ärger darüber, was ich so alles verinnerlicht habe, die neue leichtigkeit nicht zerfressen lasse. weil ich nicht mag, was aus dieser annahme so alles folgt.

ich weine. wie unmännlich. darf ich mich überhaupt mit „er“ anreden lassen?
und was ist, wenn ich mal wieder einen rock trage oder mir die fingernägel lackiere?
oder wenn auch nur das halstuch die falsche farbe hat?

all diese zweifel sind immer wieder in meinem alltag, und dass ich mich noch aktiv mit professionellem gatekeeping auseinander setzen muss, macht es nicht besser. ich zweifele, dann bin ich wütend auf mich selbst, dann bin ich wütend auf die situation in der ich bin. es ist anstrengend. aber grade deswegen sind diese lernsituationen für mich auch ganz schön gut und ich habe beschlossen sie zu feiern, auch wenn’s schwer fällt.

ich fänd’s nett, wenn du auch versuchen würdest, dass ein bisschen mit zu feiern. und nicht patzig reagierst, wenn ich dich auf einen fehler aufmerksam mache. auch wenn ich vielleicht patzig bin, weil es schon das dritte mal an dem tag ist, dass ich jemanden korrigieren muss. ich fänd’s cool, wenn du bedenken könntest, dass es mut und stärke erfordert, das misgendern anzusprechen. ich fänd’s schön, wenn du dich nicht rausredest und mir aufdrückst, warum du jetzt grade denkst, dass du mit dem falschen pronomen aber richtig lagst.

my own private pronoun awareness week

um mich bewußt damit zu beschäftigen, habe ich diese woche für mich zu einer privaten pronoun awareness week erklärt. in meinem kalender steht in großbuchstaben:

~ if you misgender me, i‘ll kindly remind you that it’s not yours to choose who i am. ~

ich mag diesen satz sehr. vielleicht sticke ich ihn auf ein stück stoff und hänge ihn über meine zimmertür. leider kann ich nicht sticken, weil ich das bislang zu feminin konnotiert fand, um es zu lernen. aber lernsituationen sind ja gut, nech? und fahrräder reparieren habe ich schließlich auch gelernt. na ja, zumindest ein bisschen.

und sorry, not sorry: wenn menschen sich unwohl fühlen, weil sie durch mich daran erinnert werden, dass pronomen eben nicht angewachsen sind, dann ist das eben so. irritation ist manchmal ganz schön gut. wie gesagt, mach was daraus. vielleicht hilft es dir auch weiter, mehr über dich und dein verhältnis zu geschlecht, spache und lernen zu erfahren.

my body is not the enemy

es hat sich was verändert, fast ohne dass ich es merkte. mein körper ist nicht mehr so sehr mein feind.
auch wenn er nicht funktioniert. auch wenn etwas weh tut. auch in momenten, in denen ich fast nicht aus dem haus gehen mag, weil ich nicht mit brüsten herumlaufen will. auch nicht beim sport, wenn ich mal wieder mein bein nach rechts schwenke und alle anderen ihrs nach links.

ich fühle mich plötzlich irgendwie angekommen, obwohl ich mit der körperlichen transition grade erst begonnen habe und die erwünschten änderungen noch nicht mal ansatzweise eingetreten sind. es bewegt sich mein leben und solange ist mein körper halt sperrig und hat wölbungen an den falschen stellen keinen bart und meine stimme verrät mich, wannimmer ich den mund aufmache. es kann niemand etwas dafür, am wenigsten mein körper selbst, der einfach tut, was körper eben so tun. existieren.

angekommen und neugierig warte ich auf veränderungen, die mir fast so natürlich vorkommen, wie dass es grade frühling wird: bartwuchs, stimmbruch, diesdas. es geht vielleicht langsam, aber ich hab zeit. die grünen blätter an den bäumen wachsen auch nicht über nacht.

und feiere diesen bemerkenswert wenigen hass, wenn ich in den spiegel gucke und mal wieder denke, dass da was falsch ist.
und mache ein bisschen frieden mit den sperrigkeiten, die bleiben oder vielleicht noch dazu kommen werden.