Wohlfühlen will gelernt sein

Heute schrieb mich über einen Mailverteiler ein Lehrer meines alten Gymnasiums an und fragte nach Erinnerungen für das nächste Jahrbuch. Ich schrieb ein paar Sätze, wohl wissend, dass meine Erinnerungen womöglich nicht jahrbuchtauglich sind. Ich hab in der Schule vor allem Ausgrenzung, Mobbing (an dem die Lehrer_innen teilweise beteiligt waren), victim blaming erlebt. „Die Klassengemeinschaft“, an die ich mich anpassen soll, damit andere keinen Grund mehr haben, gemein zu mir zu sein, war der bedrückende running gag meiner Kindheit und Jugend.

Dass solche™ Erinnerungen von solchen™ Leuten nicht abgedruckt werden, hab ich schon in der Grundschule gelernt. Damals sollten wir Aufsätze über eine Klassenfahrt schreiben, die dann in einem Heft an alle Schüler_innen der Klasse und ihre Eltern verteilt wurde. In meiner kam leider vor, dass meine Mitschüler_innen ziemlich gemein zu mir waren und dass ich sie dementsprechend nicht ausstehen konnte. Der Aufsatz wurde kommentarlos einkassiert, stattdessen durfte einer der Mobber, der zufälligerweise auch Lehrerins Liebchen war, für die leere Seite noch ein Bildchen malen. So wurde ich sehr früh mit der Notwendigkeit konfrontiert, medienkritisch zu sein und Autoritäten nicht vorbehaltlos zu vertrauen.

Auf dem Gymnasium ging es dann so weiter. Erst in der Oberstufe wurde es erträglicher, wahrscheinlich weil die Klassenzwangsgemeinschaft aufgelöst wurde. Ich bin sehr froh, dass ich die Schulzeit überlebt, weiter gelebt habe. Dass ich irgendwoher die Hoffnung genommen habe zu glauben dass es irgendwann, irgendwo besser wird. Dass ich mir ein Leben aufgebaut habe, in dem ich Freund_innen habe und manchmal sogar etwas wie vertrauen kann.

Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass mir das als Kind passiert ist, das zufälligerweise auch trans war, auch wenn ich damals noch keine Worte dafür hatte. Sehr ungeschickt und ohne Rückhalt habe ich damals versucht, mich auszudrücken und zu existieren. Auch deswegen ist Worte finden jetzt so heilsam.

Was jedoch geblieben ist ist tiefes Misstrauen gegenüber Menschen, vor allem in Gruppen. Durch die Schule, zur Bushaltestelle, durch den Heimatort zu gehen und dabei Ziel von verbalen und körperlichen Angriffen zu werden, war normal. Das macht es mir nicht leicht, an Veranstaltungen wie z.B. Festivals teilzunehmen. Ich finde Menschenansammlungen bedrohlich, weil ich dort nie alle im Blick haben kann und nicht weiß, woher eventuell der nächste Angriff kommen kann. Die Wachsamkeit ist immer noch tief in mir verankert. Und das ist anstrengend, kräftezehrend und manchmal sehr traurig und einsam machend.

Dass es auf feministischen Veranstaltungen menschenfreundliche Regeln gibt, die vor (diskriminierenden) Angriffe schützen sollen, macht es mir zuweilen etwas leichter. Andererseits gibt es auch hier immer wieder Momente in denen ich merke, dass ich auch hier außerhalb der Norm bin. Zum Beispiel steht oft auf Plakaten bei solchen Veranstaltungen: Wenn du dich nicht wohlfühlst, wende dich an das Awareness-Team. Geht das, sich in einer Menschenmenge wohl fühlen? Im Publikum vor der Bühne zu stehen und einfach nur die Musik genießen, ohne den Drang die Umgebung genauestens im Auge zu behalten? Ich finde diese Schilder irritierend. Was meinen sie? Was wollen sie von mir? Wie muss ich denn sein, um hier sein zu dürfen? Ist es denn okay, sich nicht wohl zu fühlen? Muss ich in den Awareness-Raum, wenn ich unter Menschen nicht entspannen kann? Wenn mir irgendwann die Tränen kommen, weil ich die Anspannung nicht mehr aushalte? Was soll das Awarenessteam denn mit meinem sich-nicht-wohlfühlen anfangen?

Wohlfühlen will gelernt sein, ich hab es nicht gelernt.


2 Antworten auf „Wohlfühlen will gelernt sein“


  1. 1 Franziska 23. August 2016 um 0:04 Uhr

    Dein Beitrag spricht mir gerade so aus der Seele… ich hab zwar keine so schlimmen Erlebnisse komme aber trotzdem oft nur schlecht mit Menschenmassen und Gruppen zurecht. Danke, dass ich mich gerade etwas weniger allein fühlen darf

  2. 2 herbesahne 09. September 2016 um 14:42 Uhr

    danke, sehr guter Text, hat mich berührt und an vieles selbsterlebtes erinnert

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