Stop gatekeeping the shit out of feminism!

Zuerst: Ich bin wahrlich nicht dier erste, dier zu diesem Thema was geschrieben hat. Die meisten großartigen Texte kommen von trans Weiblichkeiten. Lest Julia Serano, RadTransFem, Natanji und andere! Feiert die tollen Comics von Sophie Labelle! Und das sind noch nicht alle.
Mir ist es aber grade ein Anliegen, nochmal selbst zu sortieren, was mich grade so wütend und schmerzig macht und was ich mir wünschen würde, damit ich es verstehen kann. Da ich ein Textmensch bin, hilft mir Texteschreiben dabei. Und well, hier ist das Ergebnis, ein sehr emotionaler Text, auch wenn er sich vielleicht stellenweise nicht so liest.

Cis Feminismus gerade der älteren Generation kennt oft nur zwei Geschlechter: Mann und Frau. Diese stehen in einer hierarchischen Beziehung zueinander, was sehr weitreichende Folgen für viele hat. Lohnunterschiede sind die eine Sache, tägliche Gewalterfahrungen eine andere. Um diesem Ungleichgewicht zu begegnen, erscheint es logisch, Frauen zu stärken und Männer zu konfrontieren oder aus Räumen die der Stärkung und der solidarischen Diskussion dienen sollen ausschließen. Damit habe ich auch kein Problem.

Die Sichtbarkeit von trans Menschen bringt aber scheinbar diese Ordnung durcheinander. Wer ist nun eigentlich Mann und wer Frau, dürfen das alle für sich selber definieren? Und dann gibt es auch noch diese anderen Gechlechter, muss ich mich damit auseinander setzen oder kann ich das einfach ignorieren, weil es nicht gesellschaftliche Realität ist? Cis Feministinnen versuchen, diese Verschiebungen in ihr Weltbild zu integrieren
bleiben dabei jedoch oft bei dem Muster, das sie schon kennen. Und vergessen zu hinterfragen, inwiefern sie selbst einen Machtvorteil haben gegenüber denen über die sie urteilen. Oder inwiefern sie sich selbst an gewaltförmigen Strukturen und Prozessen beteiligen.

Beispiel hierfür ist das Argument von der Gesellschaftlichen Realität. Dieses verhöhnt alle, die seit Jahren jenseits der vorgegbenen Geschlechter Mann und Frau in dieser Gesellschaft zu überleben versuchen. Gesellschaftliche Realität ist, dass wir existieren, uns dies aber abgesprochen wird. Mit mannigfaltigen Folgen.

Trans Menschen – auch trans Männer und Frauen – müssen in dieser Gesellschaft viel neu erfinden und können oft nicht auf vorhandenen (feministischen) Strukturen aufbauen. Dabei erhalten sie von etablierten Feministinnen wenig Unterstützung, sondern werden im Gegenteil kritisch beäugt, ob sie nicht dem Feind™ Einlass gewähren. Beispielsweise in Frauen zugedachten Schutzräume. Aber auch in feministische Diskussionen, Definitionsmacht und Öffentlichkeit.

Gatekeeping ist nun kein Privileg von cis Feministinnen, sondern eine im cis Patriarchat sehr weit verbreitete und institutionalisierte Form der Gewalt. Ob ich meinen richtigen Namen auf dem Ausweis haben, medizinische Behandling erhalten oder mit der richtigen Anrede angesprochen werden will: cis Expert_innen entscheiden darüber, ob mein Anliegen gerechtfertigt ist. Ich habe hier wenig eigenes Mitspracherecht. Wenn ich Glück habe – und oft habe ich Glück – treffe ich dabei auf Menschen, die es gut mit mir meinen und die mein Anliegen unterstützen. Aber ich bin eben ständig dem Urteil anderer unterworfen, und dies auf einer sehr grundlegenden und institutionalisierten Ebene.

Deswegen macht es mich wütend, wenn cis Feministinnen dies nicht nur nicht hinterfragen, sondern auch noch aktiv mitbetreiben. Cis Feministinnen nutzen die Strukturen, die Glaubwürdigkeit und den Fame den sie sich – im Namen der Emanzipation und der Verringerung von Gewalt! – erarbeitet haben, um sich am (im Kern zutiefst patriarchalen) Gatekeeping zu beteiligen.

Trans Männer wollen sich Väter (oder überhauot irgendwie) nennen? schnell einen Artikel darüber in einer namhaften Zeitung schreiben und dies problematisieren. Schließlich ist man äh frau ja eine wichtige moralische Instanz, das muss genutzt werden. Trans Menschen wollen einen Selbstbehauptungsworkshop organisieren? Besser auf keinen Fall unterstützend reagieren, und vorhandene Ressourcen teilen, sondern sich über drei Ecken misstrauisch äußern. Schließlich könnte es passieren, dass Männer daran teilnehmen! (In diesem Falle könnte es fast schon als positiv hervorgehoben werden, dass sich das gatekeeping nicht gegen trans Frauen richtete – traurig, dass so etwas schon eine kurze Freude wert ist.)

Uns™ wird nicht zugetraut, dass wie feministisch handelnde, an Emanzipation interessierte gleichwertige Partner_innen in einem Feminismus sein können. Sondern (und das finde ich das besonders traurige) grade weil wir die vorgefertigten Muster der cis patriarchalen Binary sprengen, wird uns mit Misstrauen gegenüber getreten. Es scheint mir fast so, als würde der teilweise Zerfall patriarchaler Selbstverständlichkeiten nicht als Chance, sondern als Bedrohung wahrgenommen.

Dabei ist es für mich auch ein himmelweiter Unterschied, ob trans Weiblichkeiten trans männliche Privilegien benennen und kritisieren. Oder ob cis Feministinnen mir ihre Vorannahmen überstülpen und sich dabei der Machtstrukturen bedienen, die vollständig abzuschaffen sie vielleicht doch nicht ausgezogen sind. Die Position und der Kenntnisstand, aus dem heraus das geschieht, ist ein ganz anderer. Die Anliegen sind andere.

Wünschenswert wäre, wenn cis Feministinnen, die sich über das Thema „trans und Feminismus“ Gedanken machen, das Gespräch suchen würden. Wenn sie nicht versuchen würden, uns in ihr binäres Weltbild zu integrieren. Sondern uns uns selbst verorten lassen würden und dann schauen, inwiefern ihr Weltbild überhaupt noch passt. Wenn sie begreifen und beschließen würden, dass sie im Hinblick auf trans* Lernende sind und eben nicht (nur) Autorität und Instanz. Wenn sie uns im Zweifel erst mal Raum geben würden, statt sich an uns abzuarbeiten oder uns als Gegenstand moralischer Erörterungen hernehmen würden.

Das ist viel gefordert, ich weiß, aber es ist leider die Vorraussetzung dafür, auf Augenhöhe zusammen zu arbeiten. Wo mir die Existenz und die Möglichkeit für mich zu sprechen aberkannt wird, kann ich auch keine emanzipative Politik machen. Und scheiße behandeln lassen will ich mich auch nicht. Manchmal habe ich dadurch das Gefühl, aus Feminismus herauszufallen und hier keinen Platz zu haben. Aber eigentlich möchte ich nicht, dass das passiert.

Außerdem gibt es dafür auch viel zu viele awesome Feminist_innen, mit denen ich gerne gemeinsam streite! Ja, auch unter cis Feministinnen! Es gibt wirklich wirklich viele cis Menschen die sich wirklich Mühe geben, trans Menschen zu respektieren und einzubinden. Das will ich nicht unsichtbar machen durch diesen Text. Dass dies nicht immer wie gewünscht funktioniert und dass es dabei auch zu Reibereien und gegenseitigen Verletzungen kommt, ist wohl vorprogrammiert und lässt sich nicht verhindern. Widersprüche blühen überall da, wo Menschen mit ihren Verschiedenheiten aufeinander treffen. Und sie haben mitunter eine Menge Widerhaken. Es ist aber ein Unterschied ums Ganze, ob diese Unterschiede eingehegt werden sollen. Oder ob sie existieren dürfen und dann miteinander darüber geredet und gerungen wird, wie sich hierüber verständigt werden kann, wie Zusammenarbeit und gegenseitiges Empowerment funktionieren kann.


3 Antworten auf „Stop gatekeeping the shit out of feminism!“


  1. 1 chirlu 19. August 2016 um 19:13 Uhr

    Hallo Bluespunk,
    vielen Dank für den wunderbar sortierenden und klärenden Text und viele Grüße aus der Gedanken­salat­schleuder ;-)
    Was mich immer wieder fassungslos-sprachlos-wütend macht ist die Selbstverständlichkeit, mit der einige die für die eigene Perspektive passenden und ausreichenden Strukturanalysen und Denkmodelle generalisieren und zum Beurteilungs- und Analysemaßstab für alle™ machen. Die Ignoranz gegenüber und Reproduktion von (Gewalt)Strukturen, von denen eine™ selbst nicht negativ betroffen ist. Und auf dieser Ignoranz aufbauend das Aburteilen von bewusst diesen Strukturen entgegenwirkenden politischen Positionierungen als entpolitisierend (wie z.B. der Anerkennung geschlechtlicher Selbstdefinitionen in einem gewissen Text in einer namhaften Zeitung…).
    Meine Realität ist, dass ich insbesondere als Kind und Jugendliche* immer wieder sexualisierte Gewalt erlebt habe, weil ich nicht in die herrschende Zwei­geschlecht­lichkeits­normierung gepasst habe. Da wo die Strukturen, die diese Gewalt verursacht und ermöglicht haben, ignoriert, reproduziert und entgegengesetzte Positionierungen abgeurteilt werden, kann ich mich nicht verorten. Auch vor diesem Hintergrund kann und will ich mir ein Arbeiten in Zusammenhängen nicht mehr antun, in denen ich immer wieder das Gefühl habe, dagegen ankämpfen zu müssen, mit meiner Realität ausgelöscht, zum Störfaktor durch meine pure Existenz und|oder zum Gegenstand (Objekt) von überheblichen Erörterungen gemacht zu werden.

    Nochmal vielen Dank für Deinen Text und auch für die Links (RadTransFem und Sophie Labelle

  2. 2 chirlu 20. August 2016 um 7:50 Uhr

    … waren mir bisher glatt entgangen).
    Viele Grüße
    chirlu

    PS: Da hatte sich WordPress wohl an meinem Versuch verschluckt, ein Herz-Emoticon hinter Sophie Labelle hinzubekommen.

  3. 3 bluespunk 20. August 2016 um 13:55 Uhr

    Ja, diese BlogSoftware hat es nicht mit den Herz-Emoticons.
    Danke für deinen Kommentar! Ich finde, du hast es ziemlich auf den Punkt getroffen.

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