Archiv für Oktober 2016

Warten. Atmen. Grenzen.

Die Blätter leuchten unterm grauen Himmel an den Bäumen. Kälte kriecht bis in die Häuser und unter Jacken, aber die Luft ist klar und riecht fast so gut, dass ich sie trinken will. Dunkelheit nimmt sich Raum, und das will ich auch. Raum für Stille, Raum für Gedanken die für oder gegen niemanden sind. Raum für Trauer um Grenzen, die ich nicht haben durfte, um durchzukämpfen, dass ich medizinische Behandlung bekomme und mein richtiger Name auf Ausweisdokumenten stehen darf. Ich habe es geschafft, fast geschafft. Jetzt muss ich nur noch warten.

Vor ein paar Monaten habe ich mich gefragt, was ich mit der ganzen Energie mache, die in diesen Prozess fließt, wenn er vorbei ist. Ich hab mich drauf gefreut, sie für Anderes zur Verfügung zu haben. Für Dinge die sich selbstgewählter anfühlen. Jetzt frage ich mich: Welche Energie?

Auch darum will ich dieses Warten grade mit Ruhe und Stille füllen. Und mit Schweigen. Ich mag schweigen bis ich merke, dass ich reden will. Still sitzen und atmen und wahrnehmen, dass Raum um mich ist, bis ich mich wieder bewegen mag. Dass ich Kontakt haben und aus meinem Innen teilen will. Aber die Welt dreht sich weiter und knirscht und Menschen wollen Worte und Entscheidungen von mir. Zu der Trauer über die Grenzen, die ich nicht haben durfte kommt die Trauer um die, die ich jetzt nicht haben darf. Es reicht nicht, zu sagen: Ich will heute Abend nicht sprechen. Irgend etwas ist immer wichtiger. Ich habe auch ein Bedürfnis nach Nähe und Gemeinsamkeit, ein sehr großes sogar. Aber ich würde mir wünschen, dass ich selbst bestimmen kann, wann ich bloß koexistieren will und wann konkret ich mich ver-antworte. Grade deswegen. Ich fühle mich plötzlich noch hautloser, weil der Druck von außen weg ist und ich deswegen ein wenig meine Form verliere. Weich werde. Ich muss nicht mehr kämpfen. Ich würde mir wünschen, dass ich hautlos und weich wie ich bin auch in Gemeinsamkeit da sein darf, bis mein Fell nachgewachsen ist. Ich würde mir wünschen dass es klappt, gemeinsam Zeit mit Menschen die ich mag zu verbringen, auch wenn ich das alles grade schwierig finde. Ich würde es mir gerne ein wenig gut gehen lassen nach dieser schwierigen Zeit, auch wenn ich das nicht gelernt habe und nicht so richtig weiß, wie das geht.

Es ist erstaunlich schwer. Auch ich selbst finde es schwer, meine Grenzen zu respektieren und anzuerkennen. Und nicht nur unter ihnen zu leiden, während ich anderes mache. Ich will so viel machen, ich will so viel da sein. Ich will mich ver-antwortlich verhalten. Ich will nicht verletzen durch Zurückweisung. Begrenzt sein ist scheiße. Und ich weiß dass man schnell sehr alleine ist, wenn man nicht machen und abrufbar sein will. Und ich weiß dass es sehr schwer ist zu vermitteln, dass man nicht abrufbar sein will, wenn man nicht wirklich nicht kann. Dass so etwas wie ein Gespräch überhaupt schon anstrengend sein kann. Dass ich ein ärztliches Attest brauche, um ein Gespräch nicht führen zu müssen, kommt mir plötzlich gar nicht so absurd vor. Ich will das so nicht, das muss auch anders gehen. Mirselbstgehörungsromantik, ja. Mehr Fell, ja.

Zeit und Raum schaffen für Nichts, für nur das Wahrnehmen von Zeit und Raum? Gar nicht so leicht! Aber vielleicht lernbar. Und vielleicht auch vereinbar mit: Dinge gemeinsam organisieren, gemeinsame Prozesse haben, nicht allein sein. Ich hoffe es.