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Diagnosefoo und Alltagssprache und warum ich will, dass die beiden nicht so viele Wege zusammen gehen

Erstmal

Dieser Text liegt schon eine Weile in der Schublade. Ein Teil davon ist Angst. Ein Teil davon ist „aber vielleicht bin ich nicht betroffen genug / falsch betroffen, um darüber zu schreiben“. Beides sind keine guten Gründe, etwas nicht zu sagen. Neulich erinnerte ich mich in einem Gespräch daran, dass ich das hier mal geschrieben habe. Und jetzt steht es hier. Wenn Du Dich davon angegriffen fühlst, kannst Du gerne mit mir darüber diskutieren. Ich weiß, dass ich hier ein Fass aufmache, das gerne mal explosiv ist. Es geht mir hier nicht darum, zu verletzen oder zu verurteilen, sondern über meinen eigenen Umgang nachzudenken und dies transparent zu machen. Nicht zuletzt weil ich Ansprüche, die ich hier formuliere, auch selbst wahrscheinlich nicht hundertprozentig umsetzen kann. Darum geht es mir auch gar nicht. Sondern eher um die Richtung, in die ich gerne denken möchte. Trotzdem können, sobald ich Werturteile äußere, Verletzungen passieren. Grade wenn menschen sowieso schon aufgrund ihrer Erfahrungen oder positionierung verletzlich sind. Dafür will ich offen sein.
Und vielleicht ist es ja auch für einige Menschen einfach interessant was andere dazu denken. Vielleicht ist es auch einfach nicht so viel neues.

Vom Wortefinden zum Worteverlust

Für mich ist es enorm wichtig mit Sprache umzugehen für mein tägliches Leben. Worte für etwas zu finden oder nicht macht oft einen großen Unterschied dafür, wie ich mit etwas umgehen kann. Auch dafür, wie viel Macht etwas bekommt. Wann ich Machtverhältnisse sehen, reflektieren und vielleicht auch unterwandern kann.

Ich finde es persönlich schwierig, Worte aus dem medizinischen Fachjargon in mein Alltagsvokabular zu übernehmen. Trauma, Trigger, Flashback, Dysphorie – das alles sind solche Worte die sich irgendwie einschleichen und die im ersten Moment viel erklären. Es sind aber auch Worte, die mich auf diese Erklärungen reduzieren und die suggerieren, dass es objektive Bewertungsmaßstäbe dafür gibt. Dadurch geschieht ein seltsamer Widerspruch. Einerseits verschwindet das subjektive Erleben dahinter. Also mein Erleben als einzigartiger Einzelmensch hinter dem psychiatrischen Vokabular. Und das nimmt mir gefühlt die Macht, als Einzelmensch mit meinem Erleben so umzugehen wie ich das für gut und richtig halte. Das Gefühl schleicht sich vor allem dann ein, wenn diese Worte exponenziell verwendet werden – sei es nun in meinem Kopf, in meiner Sprache oder im Szenecode.

Am Beispiel „Trigger“

Andererseits wird mein Einzelerleben der gesellschaftlichen Dimension beraubt und reduziert auf meine (kranke) Wahnehmung. Es ist gut, dem Einzelerleben einen Zusammenhang zu geben. Dafür würde ich aber lieber politisches Vokabular verwenden als medizinisches / psychologisches. In diesen Zusammenhang würde ich meine Gewalterlebnisse stellen wollen und auch meinen Umgang damit. Dass ich dabei Gegenstand professioneller psychologischer Praxis werde ist für mich eher so ein Nebeneffekt des Lebens in der Gesellschaft wie sie sich grade dastellt – keine identitätsstiftende Angelegenheit. Auch wenn es mir eine Zeitlang geholfen hat, mich mit den psychologischen Begriffen auseinander zu setzen, um zu verstehen, warum ich z.B. in manchen Situationen so oder so reagiere und warum es so viele weiße Flecken in meinem Gedächtnis gibt.

Inzwischen finde ich eher, dass ich mir etwas nehme, wenn ich alles was mich krass emotional angeht und innerlich aus dem Lot schlägt als Trigger klassifiziere und es dabei bewenden lasse. Ich finde es für meinen Umgang damit total wichtig, zu hinterfragen warum mich das so angeht und was ich daraus für Schlussfolgerungen ziehen will. Und auch welchen Zusammenhang das mit meiner gelebten politischen Praxis hat.

Zu dieser politischen Verortung gehört auch, dass ich eine Vorstellung davon habe wie die Gesellschaft anders organisiert sein sollte als sie es jetzt grade ist. Ich finde dass es ein Unding ist, dass sich so oft die die Opfer von Gewalt geworden sind derer schämen – und nicht die Täter. Und dass oft das Erlebte nicht beschrieben, gesagt werden kann. Ich habe in meinem Kopf so eine Utopie, dass irgendwann die die Gewalt erlebt haben nicht mehr die Klappe halten, sondern auspacken. Und zwar alle. Als Unmissverständliche Botschaft auch an die Täter_innen: Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass die Person die ich grade misshandle darüber schweigen wird. Das was ich grade tue wird herauskommen, spätestens wenn die Machtverhältnisse die ich grade ausnutze nicht mehr gegeben sind. Und dann werde ich mit Konsequenzen zu rechnen haben. Was mich selbst an dieser Utopie stört ist die Tatsache, dass sie zu viel Verantwortung für das Beenden von Gewaltverhältnisse an deren Opfer gibt. Das setzt mich manchmal selbst ein bisschen unter Druck, aber andererseits ist das auch teilweise ein guter Druck: Mich mit der Verteilung von Scham wie sie grade ist nicht abzufinden und ihnen etwas entgegen zu setzen. Außerdem ist es eine schöne Vorstellung, dass nicht alles so bleiben muss wie es ist. Und es ist ja nicht schlecht individuell Verantwortung zu übernehmen für gesellschaftlich relevantes Handeln. Außerdem habe ich eindrucksvoll erlebt was es heißt, von erlebter Gewalt schweigen zu sollen, weil es für andere zu krass ist. I don‘t wanna play that game.

Das spielt auf jeden Fall krass rein in die Beurteurteilung dessen was mich evtl. antickt und der normativen Bewertung, die ich damit vornehmen will. Wenn es um Gewaltinhalte geht und nicht um irgendwelche random Trigger wie bestimmte Gerüche, Elektrogeräte, Alltagsfloskeln, whatever. Diese Trigger gibt es ja auch noch und so ein bisschen führen sie meiner Meinung nach die Forderung alles potenziell triggernde zu verschlagworten und davor zu warnen ad absurdum.
Wenn ich jemandem eine reinhauen will, weil er_sie mir grade einen schönen Sonntag gewünscht hat, ist das verdammt noch mal mein Problem und ich muss mich selber darum kümmern. Wenn ich die Person gut kenne, kann ich sie bitten, diese Formulierung in Zukunft zu lassen. Und vielleicht auch sauer sein, wenn er_sie es nach x mal bitten immer noch nicht verstanden hat und mir wieder einen schönen Sonntag wünscht. Aber letzten Endes muss ich irgendwie damit klarkommen, dass diese Formulierung ein Fallstrick für mich ist. Das würden wahrscheilnlich auch viele Triggerwarnungsbefürworter_innen so sehen. Aber Leute die sich von Schweigegeboten emanzipieren wollen für die ausgelöste Reaktion verantwortlich machen? So ungerecht!

Selbstverständlich gibt es Momente, in denen mich wütend macht dass sexualisierte Gewalt thematisiert wird! Oder besser: Wie!
Redet z.B. grade ein_e Betroffene_r um Gewaltverhältnisse sichtbar zu machen? Oder hat sich mal wieder irgend ein weinig findiger Krimidrehbuchschreiber einen unlustigen plot twist ausgedacht, um seine dröge Geschichte ein wenig aufzupeppen oder eine Figur authentischer scheinen zu lassen? Geht es um Erkenntnis? Oder geht es um Instrumentalisierung von Betroffenen für autoritäre Zwecke? Geschieht hier Empowerment oder wird Angst geschürt? Wird der patriarchale Blick auf Gewalt reproduziert oder gebrochen? Bin ich grade wütend weil ich getriggert wurde und Abstand brauche, oder weil kacke mit mir umgegangen wird und ich mir das nicht bieten lassen will?

Und wenn einer der anderen Fälle vorliegt, finde ich es total wichtig, genau das zu kritisieren. Nicht: Dass ich getriggert wurde. Sondern z.B., dass ein Typ in einer polemischen Mail Gewaltschilderungen benutzt um einen bestimmten Effekt zu erreichen. Oder dass sexistische, diskriminierende Kackscheiße (re)produziert wurde. Etc.

Ab davon ist es für mich individuell total wichtig, für mich zu sorgen und damit umzugehen, wenn ich überfordert bin. Egal ob es sich um ein Lied handelt das grade gespielt wird oder um jemanden der_die mir grade etwas erzählt, das ich nicht hören will. Ich darf Grenzen setzen und auch das will ich üben. Ich bin nicht verpflichtet, mir irgendetwas anzuhören und auch nicht immer dazu in der Lage. Ich muss auch nicht alles toll finden, nur weil es irgendwie feministisch ist und Gewalt thematisiert. Das ist dann meine Verantwortung, das zu kommunizieren. Ich finde es auch gut, wenn Filme, Vorträge und Texte aussagekräftig angekündigt werden, so dass ich überlegen kann, ob ich heute hingehen will. Aber darüber würde ich normativ nicht so stark werten wollen wie z.B. Instrumentalisierung von Gewalt für dies oder das. Das ist für mich ein Unterschied und ich finde es für mich wichtig, den herauszuarbeiten, bevor ich das anderen Menschen kommuniziere. Das klappt natürlich nicht immer und geht auch manchmal ganz schön daneben. Wie gesagt es ist ein Anspruch den ich an mich selbst habe und an dem ich übe und nichts, was ich perfekt kann oder von dem ich von mir oder anderen verlange dass es immer so klappt. Aber es kann auch ein Teil vom Klarkommen mit diesen Trigger Dings sein, sich diese Fragen zu stellen. Nicht zuletzt deswegen, weil vielleicht ein Teil der Wut die gefühlt wird nicht Resultat einer verschobenen Wahrnehmung aufgrund erlebter Gewalt ist, sondern im vielzitierten hier und jetzt ganz berechtigt.

Und das finde ich dann nämlich ganz schön wichtig zu wissen.

Am Beispiel „Dysphorie“

Wie ich meinen Körper wahrnehme und wie ich mich darin wohlfühle(n würde) und wie der ist stimmt nicht überein. Als ich zum erstenmal davon gelesen habe, dass es auch anderen so geht, wurde das Wort Dysphorie benutzt und mir ist eine Welt aufgegangen. Eine Welt in der das auch irgendwie „normal“ ist dass es mir so geht, und in der ich danach streben kann dass der Körper modifiziert wird, so dass ich besser mit dem leben kann. Trotzdem gehört auch dieses Wort zu den Worten, die ich nicht in meinen aktiven Sprachschatz übernehmen will. Und zwar hier noch viel deutlicher deswegen, weil es nicht ohne Zusammenhang daherkommt, sondern einen für mich direkt erfahrbaren Machtapparat mitbringt.

Ob ich körperlich transitionieren darf oder nicht, bestimmt (zu meinem eigenen besten natürlich) nicht ich, sondern Psycholog_innen. Die sprechen mit mit, am besten über längere Zeit, um festzustellen dass ich auch wirklich und wahrhaftig die richtige Krankheit (ach neee ist ja keine krankheit mehr, aber irgendwie doch, ich weiß ja auch nicht!) auf die richtige Art und Weise habe, um diese Behandlung zu bekommen. Mein eigenes Erleben, jahrelange Versuche mich mit dem Körper so wie er ist anzufreunden oder mich mit einer Identität als Frau abzufinden, plus meine Willenserlärung zählen nichts ohne einen Zettel, der es bestätigt. Nun ist es aber so, dass ich der Person die mir diesen Zettel schreibt wahrscheinlich noch nicht einmal mein wirkliches Erleben darlegen kann, sondern auf Stereotype ausweichen muss. Non-binary Transmenschen wie mich gibt es nämlich in (deren) Wirklichkeit gar nicht, sondern nur Männer und Frauen. Also muss ich möglichst effektiv so tun, als wäre ich ein Mann – oder relativ bald genug Geld verdienen, um mich irgendwo im Ausland operieren zu lassen. Letzteres ist leider utopisch. Ihr versteht vielleicht den Druck, den das erzeugt.

Wie reagieren Psychotherapeut_innen auf diesen Druck?
Eine der Personen, Sophinette Becker, die die „Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen“ mitgeschrieben hat, erklärt in einem Text, der auf der Internetseite http://www.hivandmore.de/ zu finden ist:

„Bei PatientInnen mit transsexuellem Wunsch kommt es oft schon in den ersten Gesprächen zu erheblichen Konflikten und Verständigungsproblemen. Deshalb ist es wichtiger, zunächst einen tragfähigen Kontakt zu ihnen herzustellen, als möglichst rasch sämtliche für eine „richtige“ Diagnose relevanten Daten zu erheben. Viele PatientInnen stellen zunächst retrospektiv stark korrigierte, „konfliktfreie“ Biographien dar, um als transsexuell eingestuft bzw. im Wunschgeschlecht anerkannt zu werden. Eine (reaktive) detektivische Haltung des/r UntersucherIn erhöht nur den Druck, unter dem die PatientInnen stehen, und versperrt den Zugang zu ihnen.

Die weiterführende Diagnostik ist i.d.R. nicht in einigen wenigen diagnostischen Gesprächen, sondern nur in einer längeren Verlaufsdiagnostik möglich.“

Ohne scheiß, ich finde: Körper gehören denen, die drin wohnen! Und jeder der zitierten Sätze redet vom Gegenteil. Nicht Machtverhältnisse werden als das Problem gesehen über das dringend geschrieben werden muss, sondern die Art und Weise, wie Transmenschen damit umgehen. Das macht mich so wütend.

So wie es aussieht bemühe ich mich um eine Transition und bin dafür darauf angewiesen, dass ich den Stempel „Wirklich Trans“ von eine_m Psycholog_in bekomme. Aber ich mag mich abseits davon nicht mit einem System identifizieren, das so mit mir (und vielen vielen anderen) umgeht. Ich mag in meiner Alltagssprache versuchen, andere Worte für meine Gefühle zu finden. Auch wenn ich dafür vielleicht manchmal einen Umweg gehen muss. Dass diese Normen mich beeinflussen – z.B. wenn ich bis ins kleinste Detail darüber nachdenke, was ich zu einem Gespräch mit dem Psychotherapeuten anziehe – passiert sowieso, ich kann mich dem nicht entziehen und muss mich da auch teilweise anpassen, wenn ich bekommen will was ich brauche. Aber ich muss das auch nicht fördern. Ich glaube auch nicht, dass ich die Autorität der Gatekeeper_innen untergrabe, indem ich ihre Worte auf mich anwende. Vielleicht auch, um bewußt oder unbewußt zu sagen: Ja ich bin wirklich trans, ich erfülle die Kriterien! Zur Hölle mit objektiven Kriterien dafür! Was ist mit Menschen, die keine Dysphorie haben, aber trotzdem trans sind? Die haben genauso ein Selbstbestimmungsrecht über ihre Identität und ihren Körper zu haben wie ich!

Und wenn ich davon reden will, wie schwierig das Sein unter diesen Umständen für mich ist – glaube ich, dass mir andere Worte viel besser helfen. Grade wenn es um meinen Körper geht möchte ich mir Worte aneignen, die nicht aus dem Wörterbuch sind, das von solchen Autoritäten geschrieben wurde. Ich will ja auch eigentlich, dass die Menschen mit denen ich rede sich für meine Lebenswirklichkeit interessieren und nicht für die der Therapeut_innen. Oder für diese v.a. kritisch.

Ich habe jetzt geschrieben: Therapeut_innen reagieren so. Ich hoffe selbstverständlich, dass nicht alle so reagieren. Ausnahmen, Menschen die anderen Menschen Entscheidungen über ihren Körper selbst zugestehen, gibt es auch da draußen und sie sind so wichtig. Ich hebe grade das andere Extrem hervor, weil das im wahrsten Sinne des Wortes die Regel ist.

Schluss

Ich könnte jetzt nocht mehr Beispiele Anfügen… Depression, Soziophobie (habe ich eine zeitlang exponetiell genutzt), solche Worte schleichen sich ständig in meinen Wortschatz und leben sich ganz gut ein. Bevor ich zum Ende komme, mag ich aber noch ein kurzes Plädoyer gegen Authentizität halten. Diese könnte ich ja jetzt als Fahne hochhalten um zu erklären, warum ich möchte, dass diese Worte nicht verwendet werden. Aber darum geht es mir nicht. Authentizität ist etwas an das ich nicht glaube. Authentizität ist andererseits herum auch etwas, was ich mir leisten können muss. Während ich vor einem Psychologen sitze, der mir bestätigen soll, dass meine Wahrnehmung von mir stimmt und ich es verdiene, behandelt zu werden, kann ich paradoxerweise nicht unbedingt meine Wahrnehmung schildern, weil das Förmchen dann nicht durchs Kästchen passt. Da muss ich selbst Konzessionen machen, es sei denn ich will auf die im Rahmen des Möglichen mögliche Hilfe verzichten.

Außerdem mag ich noch sagen, dass es mir hier nicht darum geht, andere, die die Worte für sich benutzen, moralisch zu verurteilen. Ich denke für mich darüber nach, wie ich mein Sprachhandeln gestalten will. Was leider auch nicht heißt, dass ich mich freimachen kann davon, mit diesem Machtsystem zu kooperieren – z.B. transitionieren zu können, was sich für mich relativ dringend notwendig anfühlt. Für viele Menschen ist es so, dass die besprochenen Wörter überhaupt erstmal die Möglichkeit geben, Erlebtes auszudrücken, weil Psychologie nunmal in unserer Gesellschaft der Raum ist, in dem abweichendes Bew_ortet wird. Das will ich nicht nehmen oder verurteilen. Da unterscheide ich ganz klar zwischen dem System, das einigen Macht verleiht über andere, und Betroffenen, die in_mit diesem System irgendwie klarkommen müssen_wollen. Möchte ich ja auch. Ich mag mich mit Menschen solidarisieren, die Gewalt, die in diesem System passiert, thematisieren, auch wenn das zuweilen unbequem ist. Das ist mir wichtig.

Strukturkategorie Void: Warum ich es wichtig finde auch in Texten über das Patriarchat nicht nur von Männern und Frauen zu sprechen

Neulich fand ich auf Twitter den tollen Blog „Ansichtssache“, auf dem es um Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in der Kindheit aus Betroffenenperspektive geht. Ich empfehle unbedingt, die dortigen Texte zu lesen, weil sie sich kritisch mit den Gewalt reproduzierenden Strukturen befassen. Aber auch, grade, vor allem mit den Möglichkeiten sich selbst als betroffene Person politisch zu verorten.

Dort begegnete mir aber etwas, was mir schon oft begegnet ist und mir Unbehagen und Ratlosigkeit verursacht.
Und zwar der Hinweis darauf, dass im Kontext von Täter_innenschaft nur „Täter und Täterinnen“ benannt werden, nicht aber diejenigen die sich „zwischen den Geschlechtern“ wiederfinden. „An dieser Stelle geht es uns aber nicht um Identitätskategorien, sondern um Strukturkategorien. Das soll bedeuten, dass es uns an dieser Stelle nicht darum geht die Identität und Persönlichkeit eines Menschen anzuerkennen, sondern darum zu erkennen, dass es Menschen gibt, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Positionen heraus (hier also der gesellschaftlichen Position als (erwachsener) Mann oder als (erwachsene) Frau) Gewalt ausüben. In anderen Zusammenhängen, in denen es mehr um Identitäten und Identitätskategorien geht, finden wir es wichtig, die Vielfalt von Geschlechtern zu benennen.“

Ich finde es sehr schwierig, mit dieser Ausage umzugehen, die ich auch nicht nur alleine dort vorfinde sondern häufig wenn es um das Thema (sexualisierte) Gewalt geht. Manchmal nicht nur im Hinblick auf Täter_innenschaft sondern auch im Hinblick auf die Möglichkeit, von Gewalt betroffen zu sein. Ich habe dieses Blog nur deswegen als Beispiel ausgewählt, weil ich das grade dort wiedergefunden habe und woanders grade nicht drauf zeigen könnte. Mir ist es auch wichtig zu sagen, dass ich die Arbeit die dort geleistet wird voll wichtig ist und durch diese Sache nicht weniger wichtig / toll / großartig wird.

Ich bin in den aktuellen akademischen feministischen Diskursen nicht so drin, und vielleicht passieren mir auch Denkfehler in meiner Kritik. Ich freu mich voll über Ergänzungen / Hinweise / Denkanstöße in den Kommentaren, ich würd mich aber freuen, wenn die respektvoll passieren und berücksichtigen, dass ich halt nicht an der Uni arbeite und vor allem aus meiner Lebenswirklichkeit heraus spreche.

Für mich ist dieses Aussparen von non-binary Menschen eine schwierige Geschichte, auch mit dem Hinweis dass es um Strukturkategorien geht und nicht um Identitäten. Für mich ist es Alltag, dass es für mich eben keine Strukturkategorie gibt. Täglich werde ich dazu aufgefordert, mich als Mann oder Frau zu positionieren. Mehrmals täglich, in allen möglichen Kontexten. All the fucking time.

Und obwohl es mich, wenn das Patriarchat gefragt wird, nicht gibt, bewege ich mich nunmal in dieser so strukturierten Welt. Und diese Strukturen machen was mit mir. Darüber hinaus handele ich aber auch darin. Und genauso wie ich Betroffene_r von sexualisierter Gewalt bin, kann ich auch Täter_in werden. Marginalisierung schützt davor nicht. Ich hoffe natürlich nicht, dass das passiert. Aber wenn es so wäre, dann würde es für die betroffene Person vielleicht einen Unterschied machen, wie ich positioniert bin. Wie es für mich auch einen Unterschied macht, dass ich selbst als Betroffene_r keine Frau bin, auch wenn das dem Täter scheißegal war. Ich bin in diesem ganzen Gewaltkontext positioniert / positionierbar, und das so (bewusst) auszusparen erscheint mir falsch & macht mich ratlos.

Der Verweis auf die Strukturkategorien erscheint mir einerseits als eine Art Platzhalter für eine Arbeit die grade nicht geleistet werden kann und deswegen für nicht notwenig erklärt wird. Ist auch ok – ein_e kann schließlich nicht alle Themen bearbeiten nur weil es sie grade gibt. Und andererseits als Wiederholung dessen, was mir im tagtäglichen Leben an Entnennung passiert. Ich meine zu verstehen, was mit den Strukturkategorien gemeint ist – der Verweis auf eine bestehende Hierarchie zwischen „den“ „beiden“ als binär in Abhängigkeit zueinander gedachten Geschlechtern Mann und Frau im Patriarchat. Natürlich ist das wirkmächtig, das erfahre ich ja jeden Tag selbst am eigenen Leib. Anders als Frauen und Männer, aber auch. Aber das so zu verwenden, fühlt sich für mich an wie: Weil du im Patriarchat nicht vorkommst, brauchen wir dich ja auch nicht zu benennen.

Vielleicht habe ich es ja auch falsch verstanden und jemand mag mir erklären, was stattdessen damit gemeint ist.

Etwas irritiert es mich schon an mir selbst, dass ich mich grade in dieser Aussparung von non-binary Täter_innenschaft so verhake. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass mir vom Täter selbst eine Täter_innenposition zugewiesen wurde und ich sie wenigstens benennen können will, auch wenn das falsch ist. Vielleicht aber auch damit, dass Täter_in sein ja nicht immer nur negativ sein muss. Z.B. wenn ich jemandem der_die mir etwas tun will auf die Nase haue. Vielleicht auch ein bisschen der Auseinandersetzung mit der Tatsache geschuldet, dass ich mich in der Vergangenheit manchmal diskriminierend geäußert habe, um mich von Frau-sein abzugrenzen – und mich damit misogyner patriarchaler Strukturen bedient habe. Was nicht dasselbe ist wie konkret & aktiv Gewalt auszuüben, aber ich fühle mich in diesem Gefüge auch über falsche Vorstellungen zu Erlebtem hinaus nicht „unschuldig“. Es ist komplex.

Wie gesagt habe ich das mit „Strukturkategorie und deswegen nur Mann und Frau“ auch schon gehört, wenn es um Betroffenheit von Gewalt geht. Was besonders schmerzhaft ist an Orten, an denen ich mit erhoffe, dass ich dort Solidarisierung finde. Oder einfach Denkanstöße für schmerzhafte Themen. Außerdem stößt mich das zurück in die Wortlosigkeit, der ich ja grade zu entkommen versuche, indem ich anderer Menschen Texte / Workshops / Vorträge aufsuche. Es ist dann immer so ein Bergaufschwimmen im Versuch mich trotzdem zu äußern, das sehr anstrengend ist.

Feministische Wissensproduktion und Politarbeit wird meistens ehrenamtlich oder unter prekären Bedingungen geleistet und mir ist wichtig nochmal zu sagen, dass ich das anerkenne und dass ich dort nicht vertreten oder benannt werden muss damit es in meinen Augen wertvoll wird. Trotzdem mag ich diese Gedanken mal in den weiten Raum des Internets stellen, auch ein bisschen als Teil ebendieser. Ich kann ja nicht von anderen erwarten dass sie für mich sprechen sondern muss mich selbst äußern. Und für mich bedeutet das Patriarchat zu sprengen unter anderem auch diese Zwangseinordnung in eine gedachte binäre Struktur zu sprengen. Damit Geschlecht das wird was wir draus machen – und eben nicht mehr das was aus uns gemacht wird. Am besten natürlich für alle, egal ob sie nun Frauen, Männer oder „zwischen den Geschlechtern“ oder sonstwo in diesem Gefüge positioniert sind. Und das bedeutet auch eine Sprache /Raum zu schaffen, in der wir unser eigenes Handeln in Punkto sexualisierter Gewalt reflektieren können.

Die Binary ist Schrott – machen wir sie kapott!
Die Körper denen die drin wohnen!

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Vor nicht allzulanger Zeit gab es zu diesem Thema bei der Mädchenmannschaft auch schon mal einen Brief an feministische Frauen(Lesben)-(Polit)gruppen: Über Frauen(Lesben)-Räume, (Queer-)Feminismus und nicht-binäre Genderverortung_identifikation. In dem wurden ganz ähnliche Probleme schon mal angesprochen, wenn auch in einer etwas anderen Stoßrichtung.

Sichtbarkeit

Am 31. März war Trans Day Of Visibility und es gab eine ganz Flut wundertoller Bilder von Transmenschen auf Twitter. Könnt ihr unter dem Hashtag #Transdayofvisibility nachlesen/nachschauen (leider gibt es unter diesem Hashtag aber auch eine ganze Menge transfeindliche Kackscheiße, zum Glück in der Unterzahl). Ich mag gerne Bilder von Transmenschen sehen und ich mag auch Transmenschen in echt treffen, weil mir das vermittelt dass Transmenschen leben und dass damit auch mein Leben lebbar ist.

Ich mag mit Menschen sprechen, merke wie mich das weiter bringt und wie es manchmal das Chaos in meinem Kopf strukturiert. Wie daraus manchmal dann eine entschlossene Form auftaucht die ich vorher gar nicht gesehen habe. Ich mag auch sehen/hören/lesen wie andere Menschen ihr Leben leben und wie sich darin etwas bewegt oder wie sie sich freuen, aber auch Ängste und Traurigkeiten mitbekommen.

Trotzdem eier ich grade um den Sichtbarkeitspunkt ganz schön rum. Verhake mich daran und kann mich für den Moment nich losreißen.
Sichtbarkeit bedeutet auch angreifbar sein. Und zwar für etwas das man wirklich und gerne ist.
Irgendwann habe ich damit abgeschlossen, genauso wie mit dem Menschendings, und jetzt ist es schwer das wieder zu ändern und sich nicht in die Vergangenheit saugen zu lassen sondern zu schauen wie es jetzt ist und was ich damit machen will. Ich fühle mich grad manchmal wie jemand dem ein heulendes, motzendes Kind am Arm hängt und böse Erfahrungen aus einem vorherigen Leben rezitiert. Und es ist schwer so vorwärts zu kommen. Es ist schwer dem zuzuhören und nicht gemein zu sein und trotzdem seinen Kram auf die Reihe zu kriegen. Ich habe nicht das einsame Leben auf einer Vogelinsel gewählt und das finde ich gut so.

Grade probiere ich so ein bisschen rum mit diesem Sichtbarkeitsdings. Traue mich auch mal mit Bart und geschminkt in Räume, die keine explizit feministischen / queeren Räume sind. Stelle fest, dass ich mich ganz normal mit irgendwelchen wildfremden Leuten unterhalten kann, ohne blöd angequatscht zu werden. Ohne mich rechtfertigen zu müssen oder sonstwas. Und dass Zurückstarren echt etwas bringt, wenn Menschen (meistens Typen) doof gucken. Wahrscheinlich hatte ich bis jetzt auch einfach Glück. Das macht mich aber auch ein bisschen glücklich. Auch wenn danach meistens ein Rückschwinger in die Angst, ins Erstarren und Unsichtbar sein wollen kommt. Unsichtbarkeit ist auch eine Art Kokon und gesehen werden ungewohnt, anstrengend, beängstigend. Aber gut.

Also weiter.

Und dabei im Kopf behalten, dass dieses Sichtbarsein in einer Welt stattfindet, in der Sichtbarkeit von Geschlecht stark stereotypisiert und hierarchisiert ist. Und ich teilweise auch in male privilege hinein transitioniere.

Abfinden. Scheitern.

Ich bin so furchtbar schlecht darin manchmal mich mit etwas abzufinden. Es nimmt mir die Worte, und trotzdem kämpfe ich um Sätze. Als würde das irgendetwas ändern an dem was ich vorfinde, was mir entgegenschlägt. Ich will an der Heizung sitzen und den Kopf in ein Buch stecken, weil ich für dieses Abfinden Zeit brauche. Aber jetzt sitze ich im Büro. Jetzt sitze ich im Fitness-Center und drücke ein Gewicht nach vorne. Jetzt laufe ich durch die Stadt, um pünktlich zu einem Termin zu kommen. Jetzt schreibe ich einen Text. Ich gebe mir manchmal selber die Zeit nicht und ich glaube, das ist auch gut so. Denn wenn ich in Bewegung bleibe, dann merke ich, dass die Zeit weiterläuft.

Morgen wird es besser. Übermorgen. In einem Monat. In einem Jahr. Ich weiß nicht, wie oft ich das schon gedacht habe.

Ich weiß nicht, wie ich mich abfinden kann, ohne mir selbst die Schuld daran zu geben, dass es nicht gut ist. Ich habe es versucht, besser zu werden, meinen Körper zu akzeptieren, es hat einfach nicht funktioniert. Es funktioniert jetzt schon wieder nicht. Ich liege im Bett und warte darauf dass ich akzeptiere, dass ich einschlafe, dass sich wohlige Umnachtung einstellt.

Also will ich akzeptieren, dass es nicht funktioniert. Was grade echt verdammt schwer ist. Ich mache drei mal die Woche Sport, das macht den Körper sehr präsent. Das ist auch nochmal was anderes, als einmal die Woche schwimmen, dann ’ne Nacht nicht schlafen können und danach wieder Alltag. Der Alltag zieht nicht mehr ein, ich muss einen neuen bauen, aber das ist schwer. Das nicht-abfinden-können durchzieht die Stunden. Es kann nicht ganz werden, es kann nur auseinander genommen und neu zusammengesetzt werden. Und Scheitern ist ein Teil davon.

Jetzt laufe ich die Wiese entlang und wünschte, ich hätte Musik in den Ohren. Stattdessen höre ich nur meinen Atem, meine Schritte und meine Gedanken. Ehrlich gesagt ist das schon genug, um mich manchmal stolpern zu lassen. Trotzdem bin ich manchmal glücklich. Über das Laufen, über den Moment, über den Wind, über das Glitzern auf dem toten Flussarm und das Rascheln im Schilf. Über die Füße auf dem Boden und den Reiher, der unbewegt auf der Wiese steht. Über das Lächeln und den Gruß einer in Gegenrichtung an mir vorbeijoggenden Person. Das anstrengende sind die vielen Stunden dazwischen, in den ich eigentlich etwas anderes machen möchte, als Körper zu sein. In denen ich spüre wie langsam dieser Prozess des Abfindens mit dem Scheitern verläuft. Es ist in meinem Kopf, also muss ich es doch ändern können. Ich muss es doch gut machen können.

Kann ich aber nicht. Ich kann es besser machen, aber nicht so. Nicht so wie es vorgesehen ist.
Es geht für mich eher um Aneignung als um Positivity. Um auseinander nehmen und wieder zusammen setzen. Ich darf das, weil es mein Körper ist und weil ich mich darin so wohl fühlen will wie möglich. Es werden Narben zurück bleiben, aber ich weiß, dass ich Narben akzeptieren kann. Und Zerbrechlichkeit. Und Nicht-Perfektion. Abfinden ist nicht das Ding, ich muss etwas tun. Ich brauche nur noch ein bisschen Zeit, um mich mit der Angst anzufreunden und mit dem Scheitern. Ein bisschen Zeit, um innerlich etwas zu bauen, auf dem ich weiterklettern kann. In der Zwischenzeit: Weiterscheitern. Das passiert, ob ich es akzeptiere oder nicht.

Passing (Snippet)

I am passing a stranger on the street.
Powered by puzzeling entitlement, s_he shouts at me:
„Are you a man or a woman? Decide!!!“
(This really happened.)

In those moments we both pass each other.
In those moments I think: I will never be able to pass
because s_he will never be able to think me.

On the other hand, I can pass European borders easily.
I have a passport.
I can have a safe passage to the UK.
I can have a safe train ride.
I maybe won‘t even have to show my papers, while others will be thoroughly controlled.