Archiv der Kategorie 'Gewalt'

Stop gatekeeping the shit out of feminism!

Zuerst: Ich bin wahrlich nicht dier erste, dier zu diesem Thema was geschrieben hat. Die meisten großartigen Texte kommen von trans Weiblichkeiten. Lest Julia Serano, RadTransFem, Natanji und andere! Feiert die tollen Comics von Sophie Labelle! Und das sind noch nicht alle.
Mir ist es aber grade ein Anliegen, nochmal selbst zu sortieren, was mich grade so wütend und schmerzig macht und was ich mir wünschen würde, damit ich es verstehen kann. Da ich ein Textmensch bin, hilft mir Texteschreiben dabei. Und well, hier ist das Ergebnis, ein sehr emotionaler Text, auch wenn er sich vielleicht stellenweise nicht so liest.

Cis Feminismus gerade der älteren Generation kennt oft nur zwei Geschlechter: Mann und Frau. Diese stehen in einer hierarchischen Beziehung zueinander, was sehr weitreichende Folgen für viele hat. Lohnunterschiede sind die eine Sache, tägliche Gewalterfahrungen eine andere. Um diesem Ungleichgewicht zu begegnen, erscheint es logisch, Frauen zu stärken und Männer zu konfrontieren oder aus Räumen die der Stärkung und der solidarischen Diskussion dienen sollen ausschließen. Damit habe ich auch kein Problem.

Die Sichtbarkeit von trans Menschen bringt aber scheinbar diese Ordnung durcheinander. Wer ist nun eigentlich Mann und wer Frau, dürfen das alle für sich selber definieren? Und dann gibt es auch noch diese anderen Gechlechter, muss ich mich damit auseinander setzen oder kann ich das einfach ignorieren, weil es nicht gesellschaftliche Realität ist? Cis Feministinnen versuchen, diese Verschiebungen in ihr Weltbild zu integrieren
bleiben dabei jedoch oft bei dem Muster, das sie schon kennen. Und vergessen zu hinterfragen, inwiefern sie selbst einen Machtvorteil haben gegenüber denen über die sie urteilen. Oder inwiefern sie sich selbst an gewaltförmigen Strukturen und Prozessen beteiligen.

Beispiel hierfür ist das Argument von der Gesellschaftlichen Realität. Dieses verhöhnt alle, die seit Jahren jenseits der vorgegbenen Geschlechter Mann und Frau in dieser Gesellschaft zu überleben versuchen. Gesellschaftliche Realität ist, dass wir existieren, uns dies aber abgesprochen wird. Mit mannigfaltigen Folgen.

Trans Menschen – auch trans Männer und Frauen – müssen in dieser Gesellschaft viel neu erfinden und können oft nicht auf vorhandenen (feministischen) Strukturen aufbauen. Dabei erhalten sie von etablierten Feministinnen wenig Unterstützung, sondern werden im Gegenteil kritisch beäugt, ob sie nicht dem Feind™ Einlass gewähren. Beispielsweise in Frauen zugedachten Schutzräume. Aber auch in feministische Diskussionen, Definitionsmacht und Öffentlichkeit.

Gatekeeping ist nun kein Privileg von cis Feministinnen, sondern eine im cis Patriarchat sehr weit verbreitete und institutionalisierte Form der Gewalt. Ob ich meinen richtigen Namen auf dem Ausweis haben, medizinische Behandling erhalten oder mit der richtigen Anrede angesprochen werden will: cis Expert_innen entscheiden darüber, ob mein Anliegen gerechtfertigt ist. Ich habe hier wenig eigenes Mitspracherecht. Wenn ich Glück habe – und oft habe ich Glück – treffe ich dabei auf Menschen, die es gut mit mir meinen und die mein Anliegen unterstützen. Aber ich bin eben ständig dem Urteil anderer unterworfen, und dies auf einer sehr grundlegenden und institutionalisierten Ebene.

Deswegen macht es mich wütend, wenn cis Feministinnen dies nicht nur nicht hinterfragen, sondern auch noch aktiv mitbetreiben. Cis Feministinnen nutzen die Strukturen, die Glaubwürdigkeit und den Fame den sie sich – im Namen der Emanzipation und der Verringerung von Gewalt! – erarbeitet haben, um sich am (im Kern zutiefst patriarchalen) Gatekeeping zu beteiligen.

Trans Männer wollen sich Väter (oder überhauot irgendwie) nennen? schnell einen Artikel darüber in einer namhaften Zeitung schreiben und dies problematisieren. Schließlich ist man äh frau ja eine wichtige moralische Instanz, das muss genutzt werden. Trans Menschen wollen einen Selbstbehauptungsworkshop organisieren? Besser auf keinen Fall unterstützend reagieren, und vorhandene Ressourcen teilen, sondern sich über drei Ecken misstrauisch äußern. Schließlich könnte es passieren, dass Männer daran teilnehmen! (In diesem Falle könnte es fast schon als positiv hervorgehoben werden, dass sich das gatekeeping nicht gegen trans Frauen richtete – traurig, dass so etwas schon eine kurze Freude wert ist.)

Uns™ wird nicht zugetraut, dass wie feministisch handelnde, an Emanzipation interessierte gleichwertige Partner_innen in einem Feminismus sein können. Sondern (und das finde ich das besonders traurige) grade weil wir die vorgefertigten Muster der cis patriarchalen Binary sprengen, wird uns mit Misstrauen gegenüber getreten. Es scheint mir fast so, als würde der teilweise Zerfall patriarchaler Selbstverständlichkeiten nicht als Chance, sondern als Bedrohung wahrgenommen.

Dabei ist es für mich auch ein himmelweiter Unterschied, ob trans Weiblichkeiten trans männliche Privilegien benennen und kritisieren. Oder ob cis Feministinnen mir ihre Vorannahmen überstülpen und sich dabei der Machtstrukturen bedienen, die vollständig abzuschaffen sie vielleicht doch nicht ausgezogen sind. Die Position und der Kenntnisstand, aus dem heraus das geschieht, ist ein ganz anderer. Die Anliegen sind andere.

Wünschenswert wäre, wenn cis Feministinnen, die sich über das Thema „trans und Feminismus“ Gedanken machen, das Gespräch suchen würden. Wenn sie nicht versuchen würden, uns in ihr binäres Weltbild zu integrieren. Sondern uns uns selbst verorten lassen würden und dann schauen, inwiefern ihr Weltbild überhaupt noch passt. Wenn sie begreifen und beschließen würden, dass sie im Hinblick auf trans* Lernende sind und eben nicht (nur) Autorität und Instanz. Wenn sie uns im Zweifel erst mal Raum geben würden, statt sich an uns abzuarbeiten oder uns als Gegenstand moralischer Erörterungen hernehmen würden.

Das ist viel gefordert, ich weiß, aber es ist leider die Vorraussetzung dafür, auf Augenhöhe zusammen zu arbeiten. Wo mir die Existenz und die Möglichkeit für mich zu sprechen aberkannt wird, kann ich auch keine emanzipative Politik machen. Und scheiße behandeln lassen will ich mich auch nicht. Manchmal habe ich dadurch das Gefühl, aus Feminismus herauszufallen und hier keinen Platz zu haben. Aber eigentlich möchte ich nicht, dass das passiert.

Außerdem gibt es dafür auch viel zu viele awesome Feminist_innen, mit denen ich gerne gemeinsam streite! Ja, auch unter cis Feministinnen! Es gibt wirklich wirklich viele cis Menschen die sich wirklich Mühe geben, trans Menschen zu respektieren und einzubinden. Das will ich nicht unsichtbar machen durch diesen Text. Dass dies nicht immer wie gewünscht funktioniert und dass es dabei auch zu Reibereien und gegenseitigen Verletzungen kommt, ist wohl vorprogrammiert und lässt sich nicht verhindern. Widersprüche blühen überall da, wo Menschen mit ihren Verschiedenheiten aufeinander treffen. Und sie haben mitunter eine Menge Widerhaken. Es ist aber ein Unterschied ums Ganze, ob diese Unterschiede eingehegt werden sollen. Oder ob sie existieren dürfen und dann miteinander darüber geredet und gerungen wird, wie sich hierüber verständigt werden kann, wie Zusammenarbeit und gegenseitiges Empowerment funktionieren kann.

Wohlfühlen will gelernt sein

Heute schrieb mich über einen Mailverteiler ein Lehrer meines alten Gymnasiums an und fragte nach Erinnerungen für das nächste Jahrbuch. Ich schrieb ein paar Sätze, wohl wissend, dass meine Erinnerungen womöglich nicht jahrbuchtauglich sind. Ich hab in der Schule vor allem Ausgrenzung, Mobbing (an dem die Lehrer_innen teilweise beteiligt waren), victim blaming erlebt. „Die Klassengemeinschaft“, an die ich mich anpassen soll, damit andere keinen Grund mehr haben, gemein zu mir zu sein, war der bedrückende running gag meiner Kindheit und Jugend.

Dass solche™ Erinnerungen von solchen™ Leuten nicht abgedruckt werden, hab ich schon in der Grundschule gelernt. Damals sollten wir Aufsätze über eine Klassenfahrt schreiben, die dann in einem Heft an alle Schüler_innen der Klasse und ihre Eltern verteilt wurde. In meiner kam leider vor, dass meine Mitschüler_innen ziemlich gemein zu mir waren und dass ich sie dementsprechend nicht ausstehen konnte. Der Aufsatz wurde kommentarlos einkassiert, stattdessen durfte einer der Mobber, der zufälligerweise auch Lehrerins Liebchen war, für die leere Seite noch ein Bildchen malen. So wurde ich sehr früh mit der Notwendigkeit konfrontiert, medienkritisch zu sein und Autoritäten nicht vorbehaltlos zu vertrauen.

Auf dem Gymnasium ging es dann so weiter. Erst in der Oberstufe wurde es erträglicher, wahrscheinlich weil die Klassenzwangsgemeinschaft aufgelöst wurde. Ich bin sehr froh, dass ich die Schulzeit überlebt, weiter gelebt habe. Dass ich irgendwoher die Hoffnung genommen habe zu glauben dass es irgendwann, irgendwo besser wird. Dass ich mir ein Leben aufgebaut habe, in dem ich Freund_innen habe und manchmal sogar etwas wie vertrauen kann.

Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass mir das als Kind passiert ist, das zufälligerweise auch trans war, auch wenn ich damals noch keine Worte dafür hatte. Sehr ungeschickt und ohne Rückhalt habe ich damals versucht, mich auszudrücken und zu existieren. Auch deswegen ist Worte finden jetzt so heilsam.

Was jedoch geblieben ist ist tiefes Misstrauen gegenüber Menschen, vor allem in Gruppen. Durch die Schule, zur Bushaltestelle, durch den Heimatort zu gehen und dabei Ziel von verbalen und körperlichen Angriffen zu werden, war normal. Das macht es mir nicht leicht, an Veranstaltungen wie z.B. Festivals teilzunehmen. Ich finde Menschenansammlungen bedrohlich, weil ich dort nie alle im Blick haben kann und nicht weiß, woher eventuell der nächste Angriff kommen kann. Die Wachsamkeit ist immer noch tief in mir verankert. Und das ist anstrengend, kräftezehrend und manchmal sehr traurig und einsam machend.

Dass es auf feministischen Veranstaltungen menschenfreundliche Regeln gibt, die vor (diskriminierenden) Angriffe schützen sollen, macht es mir zuweilen etwas leichter. Andererseits gibt es auch hier immer wieder Momente in denen ich merke, dass ich auch hier außerhalb der Norm bin. Zum Beispiel steht oft auf Plakaten bei solchen Veranstaltungen: Wenn du dich nicht wohlfühlst, wende dich an das Awareness-Team. Geht das, sich in einer Menschenmenge wohl fühlen? Im Publikum vor der Bühne zu stehen und einfach nur die Musik genießen, ohne den Drang die Umgebung genauestens im Auge zu behalten? Ich finde diese Schilder irritierend. Was meinen sie? Was wollen sie von mir? Wie muss ich denn sein, um hier sein zu dürfen? Ist es denn okay, sich nicht wohl zu fühlen? Muss ich in den Awareness-Raum, wenn ich unter Menschen nicht entspannen kann? Wenn mir irgendwann die Tränen kommen, weil ich die Anspannung nicht mehr aushalte? Was soll das Awarenessteam denn mit meinem sich-nicht-wohlfühlen anfangen?

Wohlfühlen will gelernt sein, ich hab es nicht gelernt.

Mehr Fell

Ich will ein dickeres Fell. Für all die Momente, in denen ich falsch gelesen, falsch angeredet und misgendert werde. Für die Momente, in denen ich quatschige Diskussionen führen muss. Oder in denen ich mich entscheiden muss, ob ich jetzt darüber diskutiere, dass schon wieder Körper mit Geschlecht gleichgesetzt werden. Oder ob ich es einfach übergehe, weil ich genausogut am Strand fegen könnte. In denen ich wütend werde, weil mir schon wieder ein cis hetero Mensch sagt, dass SIE ja keinen Wert auf Label legt im Gegensatz zu MIR. Oder wenn mir schon wieder nur Mann oder Frau zur Auswahl geboten wird, wenn ich einfach nur Pizza im Internet bestellen will. Oder oder.

Weil all das passiert so täglich, dass es mich müde macht. Und wenn es mich trifft und ich das grade nicht ignorieren kann, dann mach ich es mir womöglich noch selbst zum Vorwurf. Was bin ich so empfindlich, was reg ich mich so drüber auf. Ich hätte ja gerne diese Achtlosigkeit, Menschen einfach mit einem Schulzerzucken zu korrigieren, einen Brocken Widerspruch hinzuwerfen oder sie mit ihren indiskreten Fragen auflaufen zu lassen. Ich hätte gerne ein Flauschefell, das ich mir um die Schultern ziehen kann.

Und was ich nicht will, ist mir meine Gefühle nicht auszureden. Wenn ich wütend oder traurig bin, dann ist das eben so. Es ist nur sehr ermüdend, es macht mich nicht grade geistreicher, es strengt an ohne zu glitzern.
Ich will mir auch Menschen nicht mehr so gerne egal machen, das kann ich zwar gut, aber es macht auch sehr höhnisch und einsam. Ach nee.

Ich hätt so gerne dieses Fell.

Strukturkategorie Void: Warum ich es wichtig finde auch in Texten über das Patriarchat nicht nur von Männern und Frauen zu sprechen

Neulich fand ich auf Twitter den tollen Blog „Ansichtssache“, auf dem es um Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in der Kindheit aus Betroffenenperspektive geht. Ich empfehle unbedingt, die dortigen Texte zu lesen, weil sie sich kritisch mit den Gewalt reproduzierenden Strukturen befassen. Aber auch, grade, vor allem mit den Möglichkeiten sich selbst als betroffene Person politisch zu verorten.

Dort begegnete mir aber etwas, was mir schon oft begegnet ist und mir Unbehagen und Ratlosigkeit verursacht.
Und zwar der Hinweis darauf, dass im Kontext von Täter_innenschaft nur „Täter und Täterinnen“ benannt werden, nicht aber diejenigen die sich „zwischen den Geschlechtern“ wiederfinden. „An dieser Stelle geht es uns aber nicht um Identitätskategorien, sondern um Strukturkategorien. Das soll bedeuten, dass es uns an dieser Stelle nicht darum geht die Identität und Persönlichkeit eines Menschen anzuerkennen, sondern darum zu erkennen, dass es Menschen gibt, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Positionen heraus (hier also der gesellschaftlichen Position als (erwachsener) Mann oder als (erwachsene) Frau) Gewalt ausüben. In anderen Zusammenhängen, in denen es mehr um Identitäten und Identitätskategorien geht, finden wir es wichtig, die Vielfalt von Geschlechtern zu benennen.“

Ich finde es sehr schwierig, mit dieser Ausage umzugehen, die ich auch nicht nur alleine dort vorfinde sondern häufig wenn es um das Thema (sexualisierte) Gewalt geht. Manchmal nicht nur im Hinblick auf Täter_innenschaft sondern auch im Hinblick auf die Möglichkeit, von Gewalt betroffen zu sein. Ich habe dieses Blog nur deswegen als Beispiel ausgewählt, weil ich das grade dort wiedergefunden habe und woanders grade nicht drauf zeigen könnte. Mir ist es auch wichtig zu sagen, dass ich die Arbeit die dort geleistet wird voll wichtig ist und durch diese Sache nicht weniger wichtig / toll / großartig wird.

Ich bin in den aktuellen akademischen feministischen Diskursen nicht so drin, und vielleicht passieren mir auch Denkfehler in meiner Kritik. Ich freu mich voll über Ergänzungen / Hinweise / Denkanstöße in den Kommentaren, ich würd mich aber freuen, wenn die respektvoll passieren und berücksichtigen, dass ich halt nicht an der Uni arbeite und vor allem aus meiner Lebenswirklichkeit heraus spreche.

Für mich ist dieses Aussparen von non-binary Menschen eine schwierige Geschichte, auch mit dem Hinweis dass es um Strukturkategorien geht und nicht um Identitäten. Für mich ist es Alltag, dass es für mich eben keine Strukturkategorie gibt. Täglich werde ich dazu aufgefordert, mich als Mann oder Frau zu positionieren. Mehrmals täglich, in allen möglichen Kontexten. All the fucking time.

Und obwohl es mich, wenn das Patriarchat gefragt wird, nicht gibt, bewege ich mich nunmal in dieser so strukturierten Welt. Und diese Strukturen machen was mit mir. Darüber hinaus handele ich aber auch darin. Und genauso wie ich Betroffene_r von sexualisierter Gewalt bin, kann ich auch Täter_in werden. Marginalisierung schützt davor nicht. Ich hoffe natürlich nicht, dass das passiert. Aber wenn es so wäre, dann würde es für die betroffene Person vielleicht einen Unterschied machen, wie ich positioniert bin. Wie es für mich auch einen Unterschied macht, dass ich selbst als Betroffene_r keine Frau bin, auch wenn das dem Täter scheißegal war. Ich bin in diesem ganzen Gewaltkontext positioniert / positionierbar, und das so (bewusst) auszusparen erscheint mir falsch & macht mich ratlos.

Der Verweis auf die Strukturkategorien erscheint mir einerseits als eine Art Platzhalter für eine Arbeit die grade nicht geleistet werden kann und deswegen für nicht notwenig erklärt wird. Ist auch ok – ein_e kann schließlich nicht alle Themen bearbeiten nur weil es sie grade gibt. Und andererseits als Wiederholung dessen, was mir im tagtäglichen Leben an Entnennung passiert. Ich meine zu verstehen, was mit den Strukturkategorien gemeint ist – der Verweis auf eine bestehende Hierarchie zwischen „den“ „beiden“ als binär in Abhängigkeit zueinander gedachten Geschlechtern Mann und Frau im Patriarchat. Natürlich ist das wirkmächtig, das erfahre ich ja jeden Tag selbst am eigenen Leib. Anders als Frauen und Männer, aber auch. Aber das so zu verwenden, fühlt sich für mich an wie: Weil du im Patriarchat nicht vorkommst, brauchen wir dich ja auch nicht zu benennen.

Vielleicht habe ich es ja auch falsch verstanden und jemand mag mir erklären, was stattdessen damit gemeint ist.

Etwas irritiert es mich schon an mir selbst, dass ich mich grade in dieser Aussparung von non-binary Täter_innenschaft so verhake. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass mir vom Täter selbst eine Täter_innenposition zugewiesen wurde und ich sie wenigstens benennen können will, auch wenn das falsch ist. Vielleicht aber auch damit, dass Täter_in sein ja nicht immer nur negativ sein muss. Z.B. wenn ich jemandem der_die mir etwas tun will auf die Nase haue. Vielleicht auch ein bisschen der Auseinandersetzung mit der Tatsache geschuldet, dass ich mich in der Vergangenheit manchmal diskriminierend geäußert habe, um mich von Frau-sein abzugrenzen – und mich damit misogyner patriarchaler Strukturen bedient habe. Was nicht dasselbe ist wie konkret & aktiv Gewalt auszuüben, aber ich fühle mich in diesem Gefüge auch über falsche Vorstellungen zu Erlebtem hinaus nicht „unschuldig“. Es ist komplex.

Wie gesagt habe ich das mit „Strukturkategorie und deswegen nur Mann und Frau“ auch schon gehört, wenn es um Betroffenheit von Gewalt geht. Was besonders schmerzhaft ist an Orten, an denen ich mit erhoffe, dass ich dort Solidarisierung finde. Oder einfach Denkanstöße für schmerzhafte Themen. Außerdem stößt mich das zurück in die Wortlosigkeit, der ich ja grade zu entkommen versuche, indem ich anderer Menschen Texte / Workshops / Vorträge aufsuche. Es ist dann immer so ein Bergaufschwimmen im Versuch mich trotzdem zu äußern, das sehr anstrengend ist.

Feministische Wissensproduktion und Politarbeit wird meistens ehrenamtlich oder unter prekären Bedingungen geleistet und mir ist wichtig nochmal zu sagen, dass ich das anerkenne und dass ich dort nicht vertreten oder benannt werden muss damit es in meinen Augen wertvoll wird. Trotzdem mag ich diese Gedanken mal in den weiten Raum des Internets stellen, auch ein bisschen als Teil ebendieser. Ich kann ja nicht von anderen erwarten dass sie für mich sprechen sondern muss mich selbst äußern. Und für mich bedeutet das Patriarchat zu sprengen unter anderem auch diese Zwangseinordnung in eine gedachte binäre Struktur zu sprengen. Damit Geschlecht das wird was wir draus machen – und eben nicht mehr das was aus uns gemacht wird. Am besten natürlich für alle, egal ob sie nun Frauen, Männer oder „zwischen den Geschlechtern“ oder sonstwo in diesem Gefüge positioniert sind. Und das bedeutet auch eine Sprache /Raum zu schaffen, in der wir unser eigenes Handeln in Punkto sexualisierter Gewalt reflektieren können.

Die Binary ist Schrott – machen wir sie kapott!
Die Körper denen die drin wohnen!

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Vor nicht allzulanger Zeit gab es zu diesem Thema bei der Mädchenmannschaft auch schon mal einen Brief an feministische Frauen(Lesben)-(Polit)gruppen: Über Frauen(Lesben)-Räume, (Queer-)Feminismus und nicht-binäre Genderverortung_identifikation. In dem wurden ganz ähnliche Probleme schon mal angesprochen, wenn auch in einer etwas anderen Stoßrichtung.

It’s about consent! Oder: Warum ich Triggerwarnungen als Konzept extrem überarbeitungswürdig finde

Sie irritieren mich schon lange: die Triggerwarnungen. Les Madeleines haben ein paar Gedanken dazu angeregt (wobei ich ihre Art der Kritik teilweise sehr anstrengend finde), und spätestens seit ich Steinmädchens Beiträge und viele von Hannah C. Rosenblatt darüber gelesen habe weiß ich, dass ich damit im Internet nicht alleine bin. Jedoch um meine eigene Position dazu zu finden, habe ich lange etwas vermisst. Eine Art Leerstelle, die ich nicht benennen konnte. Und jetzt hab ich das was mir fehlte gefunden, und mag es gerne mich Euch teilen. Wenn Ihr darauf grade Bock habt.
Letztendlich dazu gebracht hat mich eine Bahnfahrt und ein Text von real social skills über gewaltfreie Kommunikation und warum diese gar nicht für alle Menschen so unproblematisch und gewaltfrei ist.

Und zwar war für mich die Leerstelle die des consent, oder informierten Einverständnisses.

Triggerwarnungen (oft auch wenig voraussetzungsarm als TW abgekürzt) gehen davon aus, dass die davon angesproche Person weiß, dass sie in ihrer Vergangenheit Gewalt erlebt hat und diese unter bestimmten Umständen („Trigger“) wieder erlebt, als würde sie gerade jetzt geschehen. Das wiederum kann sehr unangenehm sein und es ist nur folgerichtig, sich und andere davor schützen zu wollen. Diese guten Absichten den Triggerwarnungen setzenden Personen abzusprechen liegt nicht in meinem Interesse.

Allerdings ergeben sich daraus einige Unstimmigkeiten.
Diese wurden teilweise von den schon verlinkten Artikeln bereits benannt.

Sei es dass die davon angesprochenen Personen durch das sich angesprochen fühlen (als „Traumatisierte“) in einen Diskurs einwilligen (sollen), in dem sie als „psychisch krank“ (oder wahlweise „gestört“) gelabelt werden.
Sei es, dass andere Bewältigungsmuster als Schweigen und Vermeiden implizit (oder sogar explizit) als schädlich für andere „Traumatisierte“ (wahlweise: „Betroffene“) dargestellt wird und der Vorabentschuldigung in Form der Buchstaben TW bedarf – so dass der emanzipative Gehalt dieses Sprechens (und auch der Konfrontation mit geschehener Gewalt und der damit einhergehenden unangenehmen Gefühle) dahinter verschwindet.
Sei es, dass dadurch Gewalt und ihre Folgeerscheinungen tabuisiert und mystifiziert (und dadurch weiter ermöglicht…) werden.

Und all das wird wirklich teilweise sehr engstirnig ausgelegt. In Diskussionen in sozialen Netzwerken ist es mir bereits vorgekommen, dass ich für meine Kritik an Triggerwarnungen angemacht wurde mit dem Hinweis, solange diese mich nicht triggern, solle ich doch still sein. Weiterhin wurde der Vorschlag, entsprechende Inhalte durch kurze Vorabinformation ohne das entsprechende Schlagwort (z.B.: „Es wird im folgenden Text um übergriffige Erlebnisse im familiären Nahumfeld gehen“ statt: „TW: Inzest“) anzukündigen niedergeschmettert, denn es ginge schließlich darum wirklich Traumatisierte zu schützen und nicht den Priviliegierten die Kissen aufzuschütteln.
(Dass es in derselben Gruppe in demselben sozialen Netzwerk Brauch ist, die triggerwarnungsgespickte Überschrift mit einem Bild zu begleiten, in dem Frauen verstört in der Ecke hocken und ihre Knie umklammern oder ähnlich opferisierende Posen einnehmen, erwähne ich jetzt bloß aus Boshaftigkeit.)

Das nur kurz zur Illustration, um vorzuführen, von welchem Extrem ich mit meiner Kritik weg will. Diese geht allerdings noch darüber hinaus und erreicht damit leider auch Räume, in denen ich mich wohl fühle und die ich nicht missen möchte.

Zwei weitere Unstimmigkeiten werden in dem oben zitierten Beispiel mit dem nicht aufgeschüttelten Kissen erschlagen:

Zum einen ist es so, dass nicht alle Menschen, die in ihrer Vergangenheit Gewalt erlebt haben oder dies noch tun, das eingestehen können oder diese so benennen möchten. Und selbst wenn dieser Schritt getan ist, ist noch lange nicht immer in jeder Situation klar, was nun ein Auslöser oder Trigger sein kann. Für den einen ist es vielleicht (eventuell auch tagesformabhängig) das beleidigende Wort oder die explizite Beschreibung von Gewalt, die andere liest über solches galant hinweg und hängt sich dafür innerlich daran auf, dass jemand zu einer Verabredung eine halbe Stunde zu spät kommt. Was für die meisten nur ein kurzes Ärgernis darstellt, bedeutet für manche ein paar Tage harte innere Arbeit, um aus der Scheiße wieder raus zu kommen. Gemein, dass nicht eine TW vorabgeschickt wurde. Gemein, dass meine Störung nicht der herrschenden Norm entspricht und ich immer dann abkacke, wenn grade kein Awarenessteam um die Ecke steht.
Insofern sind Triggerwarnungen nicht nur bevormundend (der Mainstream weiß besser als ich, was in mir Erinnerungsblasen aufplatzen lässt) sondern gehen auch an der Realität völlig vorbei.

Ein anderes „Problem“ ist, dass Menschen in der Regel zu Mitgefühl in der Lage sind. Wenn jemand der oder dem entsprechende Gewalterfahrungen „fehlen“ zu einem ungeeigneten Zeitpunkt durch die verbale oder bildliche Schilderung von Gewalt überrascht wird, kann dies vielleicht trotzdem eine oder mehrere versaute Stunden, tage, Nächte bedeuten. Und wer bin ich dass ich sagen kann, dass jemand nur weil er oder sie nicht „traumatisiert“ ist genügen Zeit und Kraft hat, dies mal eben so weg zu stecken. Wer bin ich, dass ich behaupten kann, alle die sich nicht an derselben Stelle abrackern wie ich seien privilegiert.

Der einzige Ausweg, den ich persönlich aus der ganzen Misere sehe, ist ein schwieriger und umständlicher. Zugleich deckt er sich glücklicherweise mit dem, was Menschen die mir sympathisch sind ohnehin in der Regel gut finden: Nämlich für soziale Situationen ein informiertes Einverständnis anzustreben. Wenn ich im Flyer für eine Veranstaltung deren Thema klar mache und vielleicht sogar noch umreiße, wie ich mich dem Thema zu nähern gedenke, kann ich davon ausgehen, dass jede_r der kommt auch Bock darauf hat, sich das grade zu geben. Wenn einem Text oder einem Bild kurz vorausgeschickt wird, um was es im Folgenden gehen wird, kann jede_r für sich selbst entscheiden, ob er_sie hinhören oder hinschauen mag.

Andererseits ist das vielleicht so umständlich gar nicht. Ich glaube, dass die gute alte Triggerwarnung eine gute Eselsbrücke dafür sein kann, was im Flyer oder im Einleitungstext oder in der Anmoderation zu meiner Veranstaltung noch fehlt. Warum will ich grade eine Triggerwarnung setzen, welcher Teil genau von meiner Veranstaltung erscheint mir wichtig hervorzuheben, um bei denen die kommen oder schon da sind informiertes Einverständnis voraussetzen zu können? Das setzt eine gewisse Bereitschaft voraus, sich in die Adressat_innen des zu produzierenden Kulturgutes hinein zu versetzen und meine Gedanken dazu zu hinterfragen und gegebenenfalls auszuformulieren. Ist sowieso nicht schlecht, würd‘ ich sagen.

Na ja – auch wenn das alle in Zukunft so machen sollten, werden einige Unzulänglichkeiten bestehen bleiben.
Nämlich setzt diese Praxis auch voraus, dass ein Umfeld geschafften wird, in dem wenig moralischer Druck ausgeübt wird. Denn sobald ich mich dafür rechtfertigen muss, dass ich heute nicht zum tollen Vortrag von Blablubb zum Thema „Rape Culture“ gehe oder mir in der Szenekneipe den neuesten queeren Film anschaue, wird mein Nichteinverständnis in Frage gestellt. Das beißt sich leider mit (verständlichem und oft auch im wahrsten Sinne des Wortes not-wendigem) emanzipatorischem Sendungsbewusstsein. Ein Sendungsbewusstsein, dessen Schwung sich leider tatsächlich oft an der harten Kante des Desinteresses von Nichtbetroffenen bricht.

Und letzten Endes wäre es wünschenswert, wenn alle sich bemühen würden, ein Umfeld zu schaffen, in dem eine_r zu seinen oder ihren Verletzungen und Unzulänglichkeiten, zum Nichtfunktionieren in allen Variationen stehen kann, ohne sich dadurch zu diskreditieren. Denn sonst kann ich bei einer Veranstaltung auch nicht aufstehen, nachdem die schicke Einleitung gesprochen wurde, um informiert den Raum zu verlassen. Nicht ohne Folgen, zumindest. Denn dann wissen ja alle, dass ich mit dem Thema grade nicht kann, und denken ich wäre voll krass beschädigt und so. Und dass wollen wir ja als (zukünftiges) Humankapital nicht sein. Es wäre aber bei besagter schicker Einleitung immerhin möglicher, sich unpathologisiert hinweg zu begeben, als wenn jemand pflichtbewusst noch schnell eine Triggerwarnung mit entsprechenden Schlagworten vorweg schiebt und ich mich nach dieser hinausschleiche.

Es wäre auch wünschenswert, dass, wenn ich Gefühle habe, mich mit diesen auch im öffentlichen Raum zeigen kann. Sprich dass wenn ich mich nicht hinausschleiche, nicht ins Awareness-Zelt gehe und nicht innerlich versteinernd auf die Situation reagiere (es gibt ja auch sowas wie ein innerliches weggehen, ist schön unauffällig), dass mir dann hinterher nicht zum Vorwurf gemacht wird, es habe ja eine Triggerwarnung (oder eine entsprechende Einleitung) gegeben. Dass ich mit Tränen oder wahlweise Wut in der Stimme oder auch mal einem wirren und unsortierten Redebeitrag da sein gelassen werde und auch dies mich oder meinen Redebeitrag im Diskussionsteil der Veranstaltung nicht vor anderen Menschen diskreditiert. Ich glaube vor den Gefühlen, die mit Gewalterfahrungen zusammenhängen, ist auf allen Seiten viel Angst da und ich glaube das liegt auch daran, dass Gewalt und jene die Opfer von Gewalt geworden sind mystifiziert werden. Ich habe aber grade in feministischen Kontexten, Festivals, Veranstaltungen oft den Eindruck, dass Gefühle durch ein Überangebot an Fluchträumen und Ansprechpartner_innen eingehegt werden sollen. Und mein dadurch entstehender subjektiver Eindruck ist, dass es ein Set von Regeln gibt, denen ich als „Betroffene“ (ich mag das Wort nicht, aber es wird dort gerne verwendet) erst mal ratlos gegenüber stehe, weil sie nirgendwo erklärt werden, und die zu navigieren mich häufig überfordert. (Vielleicht ist dieser Eindruck auch falsch, dann freue ich mich über entsprechende Kommentare.)

Wünschenswert wäre die Enttabuisierung von Gefühlen auch deswegen, weil es bei jeder Veranstaltung passieren kann, dass eine_r von einem Gefühl gefühlt überwältigt wird und damit in diesem Moment gefühlt nicht umgehen kann. Trotz Triggerwarnungen, und trotz schicker Einleitung. Denn wie Triggerwarnungen voraussetzen, dass ich in eine pathologisierende Sprache über mich und mein Erleben einwillige, setzt die Idee vom informierten Einverständnis voraus, dass ich ungefähr in der Lage bin, abschätzen zu können, was ich gerade vertragen kann – was aber tagesformabhängig ist und in bestimmten Phasen, zum Beispiel wenn eine eh grade viel Stress hat oder eben erst anfängt sich mit erlebter Gewalt auseinander zu setzen, manchmal nicht so ganz einfach. Sowohl die Triggerwarnung als auch die schicke Einleitung enthalten somit in gewisser Weise eine Zuschreibung, jedoch ist mir letztere lieber (und erscheint mir bedeutend utopiefähiger!) als erstere.