Archiv der Kategorie 'Gewalt'

Die Möwe Jonathan hat früher oft einen über‘n Durst getrunken ~ Über Selbstzerstörungsromantik als Fortsetzung kapitalistischer Leistungsideologie

Oh wie sehr habe ich sie geliebt. Wie sehr habe ich sie gefeiert und wie sehr hat sie mir Kraft gegeben, weiterzumachen. Die Selbstzerstörungsromantik. Ich habe gesoffen, geraucht und nicht geschlafen, ich habe im Morgengrauen gezeichnet und die Linien besaßen eine Klarheit, die mich bis heute fasziniert. Wenn ich mir die Skizzenbücher von damals anschaue, weiß ich, dass ich das heute, in der Tretmühle von Lohnarbeit und Reproduktion rotierend, nicht mehr so hinbekommen würde. Es ist alles klobiger geworden was ich zeichne, banaler und ohne diesen Sturz in die große Leere.

Deshalb sehne ich mich manchmal zurück in diese wirre Zeit, in der ich sehr damit beschäftigt war, mich kaputt zu machen und das auch noch gut fand. Und dann denke ich, dass die einzige Romantik, die ich jemals wirklich nachvollziehen konnte, die Selbstzerstörungsromantik war.

Ich schreibe „war“, denn wie das mit Romantiken so ist: Ein falscher Gedanke und sie sind dekonstruiert. Genauso wie aus der Rose schnell ein im Gewächshaus gezüchtetes, pestizidverseuchtes bisschen Pflanzenelend wird, das wahrscheinlich noch zu miesesten und gesundheitsgefährdensten Arbeitsbedingungen produziert wurde, wird aus der Selbstzerstörung als Lifestyle bei genauerer Betrachtung ein Seitenweg kapitalistischer Leistungsideologie. Und das klägliche Widerstandspotenzial was darin liegt schaut mich mit großen Augen an und fragt: „Willst du nicht mit mir spazieren gehen?“ Und ich sage: „Nein.“

Schuld an der Dekonstruktionsbewegung ist die Möwe Jonathan. Ich besaß dieses Buch als Kind und soweit ich mich erinnere, habe ich es geliebt. Die Möwe, die nur fliegen wollte, nicht wie die anderen Möwen. Unangepasst, ausgegrenzt, einsam. Die immer höher hinaus wollte, immer tiefer hinab stürzte und sich immer im letzten Moment noch fing. Die sich im allerletzen Moment des Buches nicht mehr fangen konnte. Die transparenten Seiten.
Neulich fiel mir dieses Buch bei einem Gespräch wieder ein, ich hatte es komplett vergessen. Jetzt fiel mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, wie ein Bilderbuch, das Kinder zur Dissidenz anstiftet und Außenseiter_innentum feiert, so erfolgreich, so angepasst und pädagogisch wertvoll sein kann.

Auch wenn die Möwe Jonathan im Buch ausgestoßen wird, weil das Fliegen ihr wichtiger ist als alles andere, ist das Streben nach Perfektion und Leistung, das darin beschrieben wird, ein mustergültiges Vorbild für das werdende Humankapital, das ich damals war. Und nichts anderers wollten mir auch meine Eltern vermitteln. Die hättens gerne gehabt wenn ich auch so ein elitäres Wesen geworden wäre wie der Jonathan. Nach Perfektion strebend und auf die anderen Möwen, die ihre Flugkünste nur zum Futterergattern im Schwarm einsetzen, herabschauend. Natürlich im letzten Kapitel dem Schwarm vergebend und als Lehrer zurückkehrend. Ein nützliches Mitglied der Gesellschaft.

Wer will auch gut essen und sich nett untrhalten? Das kann man dann ja am Feierabend machen, wenn man es sich noch leisten kann kräftemäßig und monetär.

Leider hat das alles nicht so geklappt, ich bin ein Klassenabsturzkind geworden und habe rebelliert. Das mit der Selbstzerstörung, von der im Buch die Rede ist, habe ich zu wörtlich genommen und habe nach dem perfekten Moment jenseits von Uni und Lebenslaufgebastel gesucht. Das fand ich unglaublich subversiv, und naja, biographisch war es wohl auch notwendig, um den Absprung aus dieser Familie zu schaffen.

Trotzdem sehe ich heute, was diese Art von Rebellion mit den Leistungsanforderungen eines elitären Bildungs- und Karriereentwurfs verbindet: Die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. Die innere Loslösung von banalen Freuden, banalen Menschen, banalen Gefühlen. Die innere Loslösung von der Idee, dass es ein Leben geben kann, in der eine_r genug ist und in der es sowas wie Erfüllung geben kann, die nicht in der Transzendenz des Bestehenden (durch Leistung oder durch Selbstzerstörung) geht.

Dabei heraus kommen Menschen, die sich in Entspannungskursen sagen lassen: „Sie müssen jetzt überhaupt nichts leisten.“ Oder die früher oder später an der Suche nach dem Ausweg aus dieser ganzen Scheiße krepieren, weil sie das krepieren auch nicht schlimmer finden als das funktionieren. Dabei gibt es so viel besseres als den Tod.

Welche_r jetzt am Ende noch einen schillernden Ausweg erwartet, wie das alles trotzdem noch subversiv gewendet werden kann, wird leider enttäuscht. Es müsste aus meiner Sicht sich vieles ändern, um sowas wie Glück zu ermöglichen, das nicht blind ist. Aber ich glaube, dass sich die Suche trotzdem lohnt. Also schließe ich immerhin mit ein bisschen Pathos. Das muss genug sein, mehr gibt es heute nicht.