Archiv der Kategorie 'Psychogeographie'

schwellenangst

der fluss ist über die ufer getreten. sehr weit. von den verkehrsschildern der parkplätze vor dem haus, in dem ich wohne, guckten fast nur noch die köpfe aus dem wasser. dinge, die vorher sicher am ufer lagen, wurden losgerissen und irgendwo hin getrieben. und dann hat er sich langsam wieder zurückgezogen. am ufer rippelmarken hinterlassen, wie am meer. und jede menge schlamm, der an den schuhen klebt und eigen riecht. ein bisschen wild und ein bisschen frisch und ein bisschen modrig, nach tod und nach freiheit.

ich packe wieder meine kisten und fühle wie ich mich dabei verändere. umzüge sind krass, die im alltag schützende schale wird demontiert und unvorhersehbaren kräften ausgesetzt. ich mag das nicht. es war eh eine sehr löchrige schale im übergangszuhause, aber ausgepolstert mit viel flausch von der mich beherbergenden wg. in der ich fast ein bisschen mehr katze als mitbewohni sein durfte. schwer fassbar und trotzdem gern gesehen. meine emotionale haut wird durchlässig und wund.

immer wieder erhalte ich liebe nachrichten. auch von der anderen seite des umzugs-ufers – menschen mit denen ich vor jahren zeit verbracht habe, zusammen gelebt, in der lieblingskneipe bier getrunken, musik gemacht, freundschaften geteilt und die kommen werden, um mich zu empfangen und meine kisten zu tragen. auch menschen, mit denen ich digitalen raum teile, mit denen ich mich sehr verbunden fühle – mit denen ich bald mehr realen raum teilen werde. es ist eigentlich ein sehr flauschiges ankommen in einer anderen stadt, wenn ich mir überlege, dass viele nur wegen job oder sonstwas irgendwo hinziehen, wo sie niemanden kennen.

trotzdem fühle ich mich allein, haltlos, schwierig. setze mich mit einem nahmenschen auseinander und fühle mich plötzlich weiter weg driftend statt näher kommend. will auch mich am liebsten verpacken, in eine schale von früher. am liebsten luftdicht und stoßsicher. aber ich habe die schale nicht mehr, nur noch die gefühle. mühsam warte ich die schmerzwelle ab, versuche durchlässig zu bleiben und trotzdem nicht zu viel davon nach außen schwappen zu lassen. baue mir eine halbtransparente, halbdurchlässige blase, in der ich durch den alltag rollen kann, der keiner mehr ist.

es ist mit diesem alltag ein bisschen wie mit bäumen im winter. es wäre zu melodramatisch, zu sagen, dass er stirbt. aber er verschließt sich und das lebendige daran verschwindet. er ist ein bisschen pieksig auch, wie ich. nicht so schlimm, so ist es eben. aber trotzdem traurig. höre ich das geräusch von zerreissenden fäden? ich lausche gebannt und ängstlich ins winterdunkel, das außerhalb meiner blase liegt.

dass menschen von früher mich willkommen heißen ist sehr groß für mich. es ist auch ein bisschen die vergewisserung, dass fäden zwischen menschen zeit und raum durchflechten und völlig unerwartet wieder auftauchen können. ich freue mich auf die andere seite, aufs anknüpfen, aufs wieder aufmachen und auspacken. nehme ein wenig licht und leichtigkeit vorweg. bis die nächste schmerzwelle kommt.

Passing (Snippet)

I am passing a stranger on the street.
Powered by puzzeling entitlement, s_he shouts at me:
„Are you a man or a woman? Decide!!!“
(This really happened.)

In those moments we both pass each other.
In those moments I think: I will never be able to pass
because s_he will never be able to think me.

On the other hand, I can pass European borders easily.
I have a passport.
I can have a safe passage to the UK.
I can have a safe train ride.
I maybe won‘t even have to show my papers, while others will be thoroughly controlled.

Ich wünschte es wäre anders herum gewesen.

Vorher

Friendly Visitors

Nachher

Gesäuberter Beton

Vorher

Elfische Stadtverschönerung

Nachher

Neue graue Laterne