Archiv der Kategorie 'just ranting'

„Es ging ja gar nicht um trans*!!!“ – Cissexismus 101, ein Versuch

Immer wieder (zuletzt in den Kommentaren eines Artikels, den ich hier nicht verlinken möchte, aber auch schon in Offline-Diskussionen) höre ich das Argument „Es geht/ging ja gar nicht um trans*!“, wenn Cissexismus kritisiert wird. Ich möchte hier kurz erklären, warum das ein Argument ist, das entschieden zu kurz greift. Es weist eher darauf hin, dass die es benutzende Person sich nochmal ernsthaft mit der Herstellung und Vervielfältigung gesellschaftlicher Normalität auseinandersetzen sollte. Dein Text, deine Tagung, dein Liebesbrief etc kann auch transfeindlich sein, wenn trans Menschen mit keinem einzigen Wort behandelt werden. Ebenso kann ich inklusiv sprechen, ohne trans Menschen auch nur ein einziges mal zu erwähnen. (Ein ähnliches Argument, das ich mal gehört habe, war: „Wenn ich Cissexismus thematisieren soll, muss ich ja trans Menschen sozusagen vorführen, und das möchte ich nicht.“)

Aber was ist eigentlich Cissexismus?

„Cissexistisch“ oder „ciszentrisch“ bezeichnet Inhalte oder Bilder, die trans Menschen ausschließen oder diskriminieren, weil davon ausgegangen wird, dass cis (= nicht trans) sein der einzig gültige geschlechtliche Zustand ist. Ein alltägliches Beispiel dafür ist ein Artikel über menstruierende Menschen, der nur von Frauen redet. Einerseits werden dadurch menstruierende Menschen ausgeblendet, die keine Frauen sind. Mehr noch: sie werden gegen ihren Willen wieder in die Kategorie „Frau“ eingemeindet, der sie oft verzweifelt versuchen zu entkommen. Andererseits werden dadurch alle Frauen ausgemeindet, die nicht menstruieren. Es wird – zusammenfassend – davon ausgegangen, dass alle Menschen cis sind bzw. bestimmten Körpernormen entsprechen.

Diese Denkweise ist leider die Normalität. Und sie führt zu großen Problemen für trans Menschen, die von Ausschlüssen aus feministischen Räumen und aus Hilfsangeboten bis hin zu schlimmem Unwohlsein im eigenen Körper führt. Außerdem ist sie biologistisch, da sie Geschlecht unmittelbar an den Körper koppelt. Ich würde behaupten, dass sie dadurch auch für cis Menschen, die nicht der Norm entsprechen zu Problemen führt. Zu viel Testosteron? Das ist krankhaft(tm), denn du bist ja eine Frau! Und flugs hat ne Person, die vorher überhaupt keinen Leidensdruck hatte, sowohl eine Diagnose als auch ein Medikament an der Backe. So gibt es viele Körperlichkeiten, die nur deswegen als krankhaft gelten, weil „gesund“ so ein einengender und normierter Begriff ist. Dabei wird die Zweigeschlechternorm teilweise auch gewaltvoll und unkonsensuell künstlich hergestellt (so viel zu Natürlichkeit).

Wie sollen wir das denn sonst machen mit den Geschlechtern?

Eine andere Herangehensweise wäre die Vorstellung, das Geschlecht eines Körpers würde durch das Geschlecht seine_r Inhaber_in bestimmt. Also: Frauen haben Frauenkörper, Männer Männerkörper, Genderqueers genderqueere Körper etc. Also: mein linkes Bein ist automatisch nichtbinär, weil ich es bin. Ebenso meine Brüste, meine Augenbrauen etc. Diese Vorstellung hat in meinen Augen den Vorteil, Körper nicht unnötig zu gendern, was oft schon in den gängigen Mainstream-Artikeln irreführend ist. Wie gesagt, Körper sind vielfältig, auch Körper von cis Menschen. Und manche Vorstellungen, wie z.B. dass nur Männer sogenannte „männliche Hormone“ wie Testosteron im Körper haben, sind einfach falsch.

Außerdem wirkt diese Herangehensweise gegen die Vorstellung an, die Geschlechtlichkeit von trans Menschen sei künstlicher als die von cis Menschen. Dabei wird auch die Geschlechtlichkeit von cis Menschen in einer bestimmten Phase des Heranwachsens sozial hergestellt. Trotzdem dürfen sie ihr Geschlecht „biologisch“ nennen, trans Menschen werden jedoch dafür komisch angeguckt. Dabei sind sie doch auch biologisch, verfügen über einen Körper und dieser bestimmt auch ihre Wahrnehmung von sich als geschlechtlichem Wesen mit. Wir sind nicht irgendwelche Aliens, die in einer Energieblase auf die Erde prallten und dabei versehentlich in „den falschen Körper“ gerieten. Dass viele trans Menschen trotzdem medizinische Behandlung benötigen, weil sie mit ihrem Körper so wie er ist nicht gut leben können, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Über Körperlichkeiten könnten wir trotzdem noch reden. Wir würden halt z.B. in einem Artikel über Menstassen nicht mehr Frauen adressieren, sondern menstruierende Menschen. Auch über Verschränkungen von Körperlichkeit und (Vorstellungen über) Geschlecht könnte weiterhin gesprochen werden. Es würde aber dabei nicht (zwangsläufig) die Norm reproduziert.

Zu guter Letzt rückt diese Vorstellung Selbstbestimmung in den Vordergrund. Frauen müssen nicht mehr beweisen, dass sie wirklich Frauen sind, sondern können es einfach sein. Egal ob sie jetzt cis oder trans sind, kurze oder lange Haare haben, viel oder wenig Bartwuchs im Gesicht und egal ob sie eher Hosen oder Röcke tragen. Sie macht Schluss mit der Idee, irgendwelche „Expert_innen“ (bzw. meist cis-männliche weiße ExpertEN) könnten Menschen Geschlechter zuordnen.

Befremdung und Verwirrung

Im ersten Moment wirkt sie trotzdem auf viele Menschen beängstigend und verwirrend. Huch, das kenne ich aber anders, denken viele. Was darf ich jetzt überhaupt noch sagen? Ist dies oder jenes jetzt noch benennbar? Das ist verständlich, denn Normen engen nicht nur ein, sondern geben auch Orientierung. Grade wenn ich selbst nicht das Problem habe, zu den Abweichler_innen zu gehören, wird mir vielleicht etwas genommen. Nämlich das Gefühl, normal und damit irgendwie auch okay zu sein.

Außerdem ist Vergeschlechtlichung von Körpern ein heikles Thema. Über vieles wird nicht offen geredet, es wollen aber alle schon Bescheid wissen, um nicht naiv zu erscheinen. Viele Freiräume fühlen sich zunächst seltsam an. Die Infragestellung des Selbstverständlichen hinterlässt viele Leerstellen. Viele versuchen auch schon, diese zu füllen. Beispielsweise, in dem sie Broschüren über Safer Sex verfassen, in denen Körper nicht gegendert werden.

Die Befremdung und Verwirrung, die entsteht, wenn Menschen klar wird, dass Geschlecht und das, was sie darüber gelernt haben nicht übereinstimmen müssen, kann aber auch produktiv genutzt werden. Zum Beispiel, indem entlarvt wird, welchem Zweck die Zwangszuteilung zu zwei Geschlechtern eigentlich dient: Staatlicher, patriarchaler Biopolitik und Aufrechterhaltung repressiver Geschlechternormen.

Letztlich wäre die Frage nicht: „Was darf ich…“ sondern „Was will ich eigentlich sagen? Wen meine ich mit dem, was ich sagen will? Warum will ich das Geschlecht eines Menschen wissen / zuordnen?“

Reaktionäre Gegenwehr

Viele gestandene Feministinnen allerdings verwandeln sich Angesichts dieser Herausforderung in Reaktionärinnen, die bei diesem Thema schulterklopfend mit den schlimmsten evangelikalen Abtreibungsgegner_innen am Tisch sitzen und sich gegenseitig in ihrem Hass befeuern könnten. Einige flüchten sich dabei in die Vorstellung, man könnte soziales und körperliches Geschlecht säuberlich trennen und ersteres verwerfen. Diese Idee ist in meinen Augen naiv, da Menschen Kurlturwesen sind und kulturelle Zuschreibungen schon im Kindesalter in sich aufsaugen. Es gibt ein Alter, in dem Kinder „Geschlecht lernen“ und dazu gehört auch, welche Körperteile angeblich zu welchem Geschlecht gehören. Der unverstellte Blick, von dem cissexistische Feministinnen träumen, wenn sie soziales Geschlecht wie eine Brille herunterreißen wollen, ist so gar nicht möglich, denn die Brille ist Teil ihres Seins. Auch das was sie sich vorstellen, d.h. die zuodnung von Geschlecht an Körperteile, ist sozial hergestellt und würde wieder Gender hervorbringen, keinen „natürlichen“ Zustand, auch wenn sie sich das noch so feste einreden. Und es gäbe immer noch trans Menschen, nur hätten die es vielleicht noch ein bisschen schwerer.

Das ist aber nicht so schlimm, wie sie es sich vielleicht vorstellen. Denn oft verwechselt dieser Typ Feministin auch Geschlecht und Geschlechterrollen. Sie gehen davon aus, dass soziales Geschlecht deckungsgleich ist mit diskriminierenden und naturalisierenden Vorstellungen von Geschlecht. Außerdem tun sie so, als wärem cis Frauen diejenigen, die an Geschlechterrollen leiden, während trans Menschen geradezu versessen davon seien. Als ob eine trans Dyke mit kurzen Haaren, die Fußball spielt und Automechanikerin ist nicht als erste protestieren würde (und leider auch als erste darum kämpfen müsste, dass andere Menschen ihr Geschlecht anerkennen). Diese Art von Wahrnehmungsverzerrung schadet vor allem trans Frauen. Warum eine Politik, die vor allem Frauen schadet, sich dann wieder feministisch nennt, ist eine gute Frage.

Natürlich sind TERFs (Trans Excluding Radical_Reactionary Feminists) um keine Antwort verlegen und beantworten sie so, dass cis Frauen nämlich durch trans Menschen unterdrückt werden.

Erstens schreiben trans Menschen ihnen vor, wie sie welche Körperteile zu lesen haben. Der Haken an diesem Argument ist die Ausblendung der Machtverhältnisse. Beziehungsweise genauer gesagt, die Nutzung und Verkehrung bestehender Machtverhältnisse. Wenn cis Feministinnen behaupten, dass trans Menschen „in Wirklichkeit“ ihr „biologisches Geschlecht“ seien, sagen sie im Grunde nur das, was schon dutzende „Expert_innen“ vor ihnen gesagt haben. Was hier eigentlich bekämpft wird, ist ein Verlust von Privilegien. Die Mittel, die sie dazu nutzen, sind völlig analog zu denen des cis-patriarchalen Mainstreams: Schwingen wir uns mal zu Expert_innen auf, vermessen den Körper einer anderen Person, weisen ein Geschlecht zu und vermitteln ihr, dass sie selbst weder das nötige Wissen noch Selbstbestimmungsrecht hat. Während sich besagte cis patriarchale Gesellschaft inzwischen dazu durchgerungen hat, trans Menschen unter gewissen Umständen anzuerkennen (wenn auch nicht unbedingt ihre vielfältigen Körper), sind TERFs da ungerührt: Unter keinen Umständen kann für sie die Geschlechtergrenze überschritten werden. Hoffen wir, dass der Dämon „Transgenderismus“ sie in die Tiefe reißen wird. Denn häufig gehen ihnen wie ihren fundamentalchristlichen Betgeschwistern Menschenrechte (geschlechtliche Selbstbestimmung, Zugang zu medizinischer Behandlung, Schutz vor Diskriminierung etc) am Arsch vorbei. Und das alles, um eine Normalität zu erhalten, die ihrer Wahrnehmung entspricht.

Was sexuelle Vorlieben angeht: TERFs sind (in meiner Wahrnehmung) geradezu ekelhaft übergriffig versessen auf die Intimkonfigurationen anderer Menschen. Langatmig führen sie aus, wie schlimm das wäre, wenn sie mit jemandem im Bett landeten und dieser mensch dann plötzlich ganz andere Körperteile hätte, als sie erwarteten. Sie imaginieren gar, diskriminiert zu werden, weil sie diesbezüglich bestimmte Vorlieben haben. Selbstverständlich will ihnen niemand vorschreiben, auf welche Genitalien sie stehen sollen. Jedoch riskieren sie Missverständnisse, wenn sie sagen, sie stünden auf bestimmte Geschlechter und damit Intimkonfigurationen meinen. Wenn sie Missverständnisse und Diskriminierung vermeiden wollen, sollten sie sich verständlicher ausdrücken. Allerdings ist es wohl auch verständlich, wenn nicht jede_r Fremde an der Biertheke diesbezüglich Auskunft geben möchte. Ich renne ja auch nicht rum und frage irgendwelche Leute, wie sie ihr Schamhaar frisieren. Your Body, your choice and none of my business, bis ein gegenseitiges Interesse besteht.

Ehrlich gesagt erinnern mich diese Argumente von TERFs an cis Typen, die im Feuileton laut darüber rumheulen, dass strengere Gesetzgebung zu Vergewaltigungen eine so große Gefahr für Männer sei. Allerdings, so weit hergeholt ist dieser Vergleich leider gar nicht. TERFs verbünden sich manchmal tatsächlich mit Männerrechtlern, wenn es um den Ausschluss von trans Frauen geht.

Zweitens behaupten sie, dass trans Frauen Männer seien, die sich als Frauen ausgeben, um Frauenräume zu unterwandern. Dies ist eine übelst diskriminierende Unterstellung, wie sich aus dem vorangegangenen Text ergeben sollte. Nicht nur werden hier mal wieder bestehende Machtverhältnisse verkehrt und genutzt, sondern es wird auch ignoriert, welch oft heikler und schmerzhafter Prozess ein Coming Out gerade für trans Weiblichkeiten ist. Gerade denjenigen, die es am nötigsten brauchen, wird Unterstützung und Solidarität verweigert. Während hingegen trans Männlichkeiten in eine übergriffige Umarmung geschlossen werden: Schließlich seien sie doch auch Frauen. Nein danke, bin ich nicht. Ich habe zwar andere Gründe, aus denen ich gerne in FLTI*-Räumen mitgedacht und eingeladen werden möchte, aber das hier ist keiner davon. Außerdem ist es ziemlich scheiße, zu versuchen, trans Menschen auf diese Art und Weise (Verweigerung bzw. Gewährung von Privilegien) gegeneinander auszuspielen.

Discuss!

Ich freu mich wie immer über Kommentare, vor allem über Nachfragen, konstruktive Kritik, Ergänzungen und Links zum Thema. Ich lerne gerne dazu und weiß, dass ich vieles auch nicht weiß. Außerdem habe ich nun z.B. viel über trans Weiblichkeiten geschrieben, bin jedoch selbst trans männlich (uh, darüber müsste ich nochmal nen eigenen Blogtext schreiben). Ich habe mich hier bemüht, diejenigen zu zentrieren, die die meiste Aggression im Cistem abbekommen und hoffe, das ist ok so. Die Probleme von intergeschlechtlichen Menschen in der forcierten Zweigeschlechtlichkeit habe ich jedoch größtenteils beiseite gelassen, weil ich Angst hatte, eventuell vereinnahmend rüber zu kommen. Das ist eventuell alles suboptimal und ich mag megagerne Meinungen hören, wie ich das in Zukunft besser machen kann.

Jedoch werde ich keine Kommentare freischalten, die nicht an Verstehen interessiert sind sondern einzig und allein darauf abzielen, mir oder anderen das Geschlecht abzusprechen. Bzw. behalte mir vor, diese Kommentare gekürzt (zur Veranschaulichung von Cissexismus und TERF-Logiken) zu veröffentlichen. Und kommt mir jetzt nicht mit „Meinungsfreiheit!!!“. Für transfeindliche Meinungen ist gewiss genug Platz im Internet, da braucht ihr mein kleines Blog nicht.

Andere Texte zum Thema (auf deutsch):
Hilfe, ich diskriminiere!“ von Ash zum Thema (Wie vermeide ich) Transfeindlichkeit
Casual Reminder: Cissexismus ist immer uncool auf tea-rrific

Andere Texte zum Thema (auf englisch):
Whipping Girl: A Transsexual Woman on Sexism and the Scapegoating of Femininity und Excluded: Making Feminist and Queer Movements more Inclusive von Julia Serano

Mehr Fell

Ich will ein dickeres Fell. Für all die Momente, in denen ich falsch gelesen, falsch angeredet und misgendert werde. Für die Momente, in denen ich quatschige Diskussionen führen muss. Oder in denen ich mich entscheiden muss, ob ich jetzt darüber diskutiere, dass schon wieder Körper mit Geschlecht gleichgesetzt werden. Oder ob ich es einfach übergehe, weil ich genausogut am Strand fegen könnte. In denen ich wütend werde, weil mir schon wieder ein cis hetero Mensch sagt, dass SIE ja keinen Wert auf Label legt im Gegensatz zu MIR. Oder wenn mir schon wieder nur Mann oder Frau zur Auswahl geboten wird, wenn ich einfach nur Pizza im Internet bestellen will. Oder oder.

Weil all das passiert so täglich, dass es mich müde macht. Und wenn es mich trifft und ich das grade nicht ignorieren kann, dann mach ich es mir womöglich noch selbst zum Vorwurf. Was bin ich so empfindlich, was reg ich mich so drüber auf. Ich hätte ja gerne diese Achtlosigkeit, Menschen einfach mit einem Schulzerzucken zu korrigieren, einen Brocken Widerspruch hinzuwerfen oder sie mit ihren indiskreten Fragen auflaufen zu lassen. Ich hätte gerne ein Flauschefell, das ich mir um die Schultern ziehen kann.

Und was ich nicht will, ist mir meine Gefühle nicht auszureden. Wenn ich wütend oder traurig bin, dann ist das eben so. Es ist nur sehr ermüdend, es macht mich nicht grade geistreicher, es strengt an ohne zu glitzern.
Ich will mir auch Menschen nicht mehr so gerne egal machen, das kann ich zwar gut, aber es macht auch sehr höhnisch und einsam. Ach nee.

Ich hätt so gerne dieses Fell.

„Verkopft“

Dass ich verkopft bin, haben schon viele Menschen zu mir gesagt. Ich glaube auch, das das stimmt. Neulich sagte so eine dahergelaufene Cisperson zu mir, dass generell Transleute ihr zu verkopft seien. Grade die mit diesen komplizierten Geschlechtern. Das hat mich ziemlich zum Nachdenken gebracht, weil ich das erstmal so überhaupt nicht fand. Ich fand eher ihre Aussagen schwierig nachzuvollziehen und teilweise auch sehr verletzend. Der Opener für das Gespräch war, dass jemand ihr mal vorgeworfen habe, transfeindlich zu sein. Sich unter dem Deckmantel der Allgemeinverständlichkeit wähnend, wollte sie dann von mir Zustimmung dafür, dass das Quatsch sei. Ging irgendwie nach hinten los.

Jedenfalls, verkopft.

Im Nachhinein dachte ich, dass für sie der Eindruck vielleicht auch dadurch entsteht, dass sie ihren Kopf anstrengen muss, um zu verstehen, was bei den Transmenschen, mit denen sie gesprochen hat, eigentlich abgeht. Ihre eigene Position erscheint ihr natürlich und einfach (nicht im Sinne von „diskriminierungsfrei“ oder „leicht dort zu leben“, sondern im Sinne von „allgemeinverständlich“). Und warum diese komischen Transmenschen verletzt reagieren, wenn irgendwelche dahergelaufenen Fremden ihnen erklären, dass doch alles ganz einfach sei, kann sie nicht begreifen. In unserem Gespräch folgte dann von ihr eine längere ungefragte Erläuterung ihres Begehrens, in der sie mehrfach Menschen direkt oder indirekt ihr Geschlecht absprach und größtes Gewicht darauf legte, was diese in der Unterhose haben. I really didn‘t want to know.

Und ich muss meinen Kopf auch anstrengen, um mich in dieser patriarchalen Cishet-Welt irgendwie durchzufuchsen und zu erklären. Weil ich nicht so einfach auf Worte zurückgreifen kann, um mich oder meine Erfahrungen zu beschreiben. Alles muss erst aus der W_Ortlosigkeit übersetzt werden. Diese Anstrengung merkt man mir vielleicht manchmal an. Es ist zuweilen sehr lähmend. Es ist zuweilen ein Gefühl das an den Versuch erinnert, mit dicken Handschuhen über den Fingern einen komplizierten Knoten zu lösen. Nur fällt es mir immer noch schwer, dies mit der gleichen Nonchalance wie sie meinem gegenüber als Eigenschaft anzudichten. „Mensch diese Cis-Leute, die sind immer so verkopft! Es ist ihnen so arg wichtig, dass ihr Gegenüber das Geschlecht hat, das sie ihm sehen, sonst kommen sie gar nicht mehr klar. Kein Platz für Empathie, ey!“

So. Vielleicht habe ich auch einfach nur (ein Stück von) Cis-Privilegiertheit begriffen. Tut irgendwie gut.

Und die andere Person kann ja begehren wen sie will, nur wäre es nice, wenn sie sich dann Gedanken darüber macht, wie sie das ausdrücken kann, ohne anderen Menschen ihre Identität abzusprechen. Ist leider nicht angekommen diese Anregung, fürchte ich. Fühlt sich vielleicht auch bedrohlich an, im Sinne von: Altbekanntes, Schutz gebendes, hart erkämpftes hinterfragen müssen. I know.

Ganz emotional fand ich es total toll, an dem Abend mit meiner Wut und einem winzigen bisschen Verzweiflung nicht alleine zu sein, sondern sehr solidarische Menschen um mich herum zu haben. <3

Transition und die Angst, ein Monster zu sein

Wieder mal ein Text von mir, und ich glaube viel neues enthält er nicht. Eher so Wiederholungen und Verknüpfungen die mich grade so beschäftigen. Ich habe lange überlegt wie ich es hinkriege über die Angst zu schreiben ein Monster zu sein, wie ich den Moment einfangen kann an dem das bricht. Herausbricht oder in mir bricht. Und dann ist mir aufgefallen, dass diese Angst, auf den Punkt gebracht, einfach internalisierte Transfeindlichkeit ist.

Seit ich entschieden habe, körperlich zu transitionieren, ist schon ne Menge besser geworden in meinem Leben. Ohne dass ich viel tun musste. Ich bin friedlicher mit meinem Körper und kann mich eher damit abfinden wie der so ist und sich anfühlt. ich kann mich aber auch besser damit abfinden, wenn ich mich grade mal so gar nicht damit abfinden kann und weiß, dass ich mich nicht verbiegen muss um da einen Frieden zu finden, wie ich es schon so oft versucht habe.

Jetzt habe ich angefangen auch Dinge zu tun und mich mit der Bürokratie und Gesundheitskratie auseinander zu setzen, die 1 angehen muss wenn 1 das machen will. Das ist ganz schön nervig, ich habe überhaupt keinen Bock darauf dass andere Leute mich begutachten und für mich entscheiden, was mit meinem Körper geschehen soll. Egal wie gutmeinend sie dabei angeblich oder tatsächlich sind. Dieses ganze System, Transmenschen zwangszutherapieren und unsere Entscheidungen als Willenserklärung nicht ernst zu nehmen, ist einfach scheiße. Hallo?! My body, my choice! Hier muss noch viel getan werden, damit ein selbstbestimmter Umgang mit dem eigenen Körper möglich wird. Ich hab ehrlich gesagt ziemlich lange nun gebraucht, um zu dem Punkt zu kommen, an dem ich es damit aufnehmen kann. Das muss doch nicht sein.

Aber neben dem Ärger darüber ist auch grade viel Aufgeregtsein und positive Spannung, obwohl ich erst erste kleine Schrittchen gemacht habe. Aber: Yay!

Seit ich überhaupt angefangen habe zu transitionieren, also z.B. auch einen anderen Namen zu tragen und nach andere Pronomen zu fragen, merke ich wie ein Teil von mir voll Angst hat und mir viel von Schmerz erzählt. Schmerz den ich oft spüre, wenn ich z.B. abends in meinem Zimmer ankomme und meine Ruhe habe. Schmerzschmerzschmerz und Angst, dass „alles“ wieder wird „wie früher“, wenn ich meinen Weg so weiter gehe.

Gestern habe ich mich entschieden das zu systematisieren und etwas darüber zu schreiben, und heute hat @projekt1enigma auf Twitter einen Thread von @VanguardVivian in meine Timeline gespült, der sehr gut dazu passt. Darin geht es darum, wie queere Menschen und Transmenschen von heterosexistischen Menschen oft als unberührbare behandelt werden und nicht mehr umarmt, auf die Schulter geklopft oder ähnliches werden. Es geht darum, dass dies Menschen emotional aushungert und geradezu körperliche Schmerzen hervorruft. Es tut irgendwie so gut das zu lesen, weil es meine eigene Wahrnehmung bestätigt. Auch, das das etwas systematisches ist.

Ich glaube mittlerweile, dass das Mobbing, das ich als Kind erfahren habe, nicht nur mit meinem „seltsamen“ Aussehen zusammenhängt, sondern auch einfach damit dass ich trans* bin und versucht habe, neben den akzeptieren Ausdrucksformen meine eigenen zu etablieren. Und wortwörtlich wurde ich unberührbar (Grenzüberschreitungen ausgenommen) und durfte auch die anderen oder deren Sachen nicht mehr berühren, eine Erfahrung die sich sehr eingebrannt hat. Ich habe aus dieser Zeit das Gefühl oder die Angst zurück behalten, ein Monster zu sein.

Jetzt habe ich mich lange sozusagen versteckt. Also nicht wirklich, denn ich war ja die ganze Zeit da. Und Menschen die mich lange kennen waren jetzt teilweise auch gar nicht verblüfft, als ich mich ihnen gegenüber geoutet habe. Aber. Anscheinend ist es für mein Innen ein großer Unterschied, wie offen ich mich nach außen kommuniziere. Und grade, wo ich offener werde auch mit dem trans-sein, erzählt es mir jeden Tag von dem früher und dass es wieder so werden kann.

Als ich noch Therapie gemacht habe, war von Therapeutinnenseite einen häufiger Umgang mit solchen Ängsten und Gefühlen, zu sagen, dass es heute anders ist. Ja, das stimmt auch. Ich bin inzwischen erwachsen, kann mir die Menschen mit denen ich zu tun haben will selber aussuchen und habe Freund_innen, denen ich von frustrierenden oder verletzenden Erlebnissen erzählen kann. Aber trotzdem, so einfach ist das eben nicht. Die Welt ist immer noch dieselbe transfeindliche Welt. Eine Welt in der Menschen sich Leute rauspicken, zu „Anderen“ erklären und dann auf ihnen herumhacken. Und ja, es kann sein, dass manche Menschen wirklich beschissen mit mir umgehen, wenn sie mich nicht mehr als cis-Frau (falsch) lesen (können). Ich habe in den letzten Jahren bemerkenswert wenig Mist abbekommen, die Ereignisse pro Monat ließen sich an einer Hand abzählen und körperlich bedroht habe ich mich dabei auch nicht gefühlt. Aber heißt nicht, dass die damaligen Erfahrungen ungültig sind. Oder dass Scheiße nicht mehr da ist. Wirklich, es wäre total schön das glauben zu können. Aber es wäre leider falsch. Und ich glaube, dass da von Seiten der Therapeutin auch ne ganz schöne Ignoranz gegenüber der Lebensrealität anderer Menschen am Start war. Oder gegenüber eben den Strukturen, wegen denen sie solche Erfahrungen nicht macht, ich (und andere, die wie auch immer aus der Norm fallen) aber schon.

Die meiste Gewalt, bis hin zu Ermordungen, kriegen leider Transfrauen ab. „Leider“ nicht im Sinne von: Ich möchte bitte mehr davon, sondern im Sinne von: Wär ja wirklich schön, wenn das was ich erlebe schon das Ende der Fahnenstange wäre. Das betrifft leider auch Ausgrenzungen innerhalb der (queer-)feministischen Szene.

Das ist doch eine Kackwelt, in der ich mein Innenmonster damit „trösten“ kann, dass ich nicht ganz so schlecht dran bin wie andere.

Auch eine Kackwelt, in der das Bewusstsein über die eigene Monsterigkeit eine Art Schutz sein kann. Space ship armour. Etwas das andere fernhält, so dass sie gar nicht erst nahe genug kommen können um wirklich zu verletzen. Mich selber daran erinnern, was ich angeblich bin, um mich dieser Gefahr nicht auszusetzen. Weltraumkälte und Weltraumleere als Utopie gegen das gefährliche Leben.

Jetzt fehlt mir mal wieder das schicke Ende, und außerdem auch eine Lösung. Außer weiter zu machen und die Strukturen so wie sie sind wahrzumnehmen und etwas dagegen zu tun, wo ich kann. Und alles Gute was da ist möglichst auch wahrzunehmen und zu feiern. Das was gesellschaftlich oft als hässlich und monsterig wahrgenommen wird zu leben und zu feiern und zu schützen und gegen das was gewaltförmig ist zu wüten und das zu betrauern. Leben. Sich trauen da zu sein.

Und hoffentlich zusammen mit vielen anderen. Ich finde es grade oft so toll, mit anderen Menschen da zu sein. Danke an alle, mit denen ich da sein kann und die vielleicht zufälligerweise hier reinlesen!

PS: Ich freue mich über Kommentare/Ergänzungen, auch in Form von Kritik!

The Power of Rejection

Manchmal kommt es mir so vor, als wäre es so eine Art Superkraft, Nein sagen zu können zu allem möglichen.
Eine Kraft, die ich leider nicht im Superformat zur Verfügung habe und die sich daher im alltäglichen leben sehr schnell abnutzt.
An Essen das ich nicht essen darf (wegen Unverträglichkeiten), an Lohnarbeitsdisziplinierungsbedarf (weil morgens fit sein und tagsüber dann geordnet produktiv), an Situationen in denen mit mir scheiße umgegangen wird oder in denen ich ignorant behandelt werde.

Und Zuschreibungen.

Die Gesellschaft in der ich lebe ist so organisiert, dass ständig von Männern und Frauen die Rede ist. Ich werde jeden Tag mit „Frau Sowieso“ angesprochen, gehe zur Frauenärztin, in die Frauenumkleide, werde mit femininen Pronomen gegendert undsoweiter. Wenn ich aus dieser Kategorie ausbrechen will gibt es – ganz legal – nur den sogenannten Gegenpol. Die Kategorie „Mann“. Ich habe gehört, da soll es etwas bequemer sein. Man wird ernster genommen wenn man etwas sagt. Man hat auf Anhieb mehr Experten-Credibility. Und es versuchen (zumindest wenn man cis ist) weniger Menschen, in deine Körperpolitiken hereinzureden. Aber da leben, nein danke. Kein Bedarf, nicht mein Ort.

Und da verheddere ich mich grade total oft, denn wie andere eine_n sehen ist etwas das doch sehr prägt. Ich habe früher immer gedacht, ich könnte es irgendwann mal schaffen, mir egal sein zu lassen, was andere von mir denken. Aber es ist alles so verflochten. Es ist diese Sprache und diese Normalität, in der ich einfach nicht vorkomme.

Bis da hin, dass, wenn ich körperlich transitionieren will, diversen Menschen vorspielen muss, ich wolle ein Mann sein. Ernsthaft, ich bewundere alle Non-binaries die diesen Schritt unternehmen und dieses bekloppte Cistem konfrontieren und bin saudankbar für Austausch darüber, wie das machbar ist. Ich versuche grade den Mut dafür zusammenzukratzen und fühle eine Menge Widerwillen vor dieser Notwendigkeit, wieder etwas vorspielen zu müssen. Ganz abgesehen von der Angst vor und Widerwillen gegen Ärzt_innen- /Psycholog_innen-/ Krankenhaussituationen und täglichen Anfeindungen hinterher. Vielleicht brauche ich einfach noch etwas Zeit dafür, diesen Mut zusammen zu kratzen, das überhaupt ernsthaft anzugehen. Vielleicht schaffe ich es auch nicht. Das macht mich grade oft hoffnungslos und traurig, aber auch wütend.

(Und da fängt auch die Angst schon an – ist es klug, diesen Absatz zu schreiben? Riskieren oder lieber weiter verstecken? Ich entscheide mich fürs riskieren und hülle mich in Wut.)

Früher hat man mir oft vorgeworfen, ich sei zu negativ. Aber wenn ich daran denke, was ich schon alles zurückweisen musste, wird mir heute noch ganz anders.
Ernsthaft, ich frage mich manchmal, wie ich überhaupt ich selbst bleiben konnte. Wenn ich zum Beispiel an das Kind denke, das ich mal war. An die sexualisierte Gewalt, an die täglichen Anfeindungen die überall im öffentlichen und privaten Raum passieren konnten, an die vielen „du-bist-falsch-und-deswegen-dürfen-wir-auch-kacke-zu-dir -sein“-Botschaften. Und dann denke ich manchmal, dass ich das nur konnte (ich bleiben, weiter leben), weil ich vieles zurückgewiesen habe, weil ich schon früh die kraft der Zurückweisung trainiert habe. Ach, ich habe einiges auch angenommen, ich hätte noch viel „negativer“ sein müssen, um wirklich unbeschadet zu bleiben. Ich hätte ein kleines tragbares schwarzes Loch gebraucht.

Ich würde nicht sagen, dass ich so anders war, weil ich kein Mädchen war. Ich würde auch nicht sagen, dass mir die Orientierung gefehlt hat, weil es keine ähnlich starren Rollenbilder für Non-binaries gibt wie für Mädchen und Jungs. Das Standardbild von „Androgynität“ kann sicherlich ähnlich einzwängend sein wie das für „Weiblichkeit“. Solche stumpfen Rollenbilder braucht doch kein Mensch. Aber vielleicht wäre es nett gewesen, zu wissen, dass ich existiere.
Später immer vor Fragebögen sitzen und eine halbe Stunde überlegen: Mann? Frau? Mann? Frau? Irgendwann was ankreuzen und gleich darauf wieder vergessen, warum es so anstrengend war, dieses dumme Ding jetzt auszufüllen.
Es ist gut zu wissen warum, aber es tut auch wieder weh, denn gleichzeitig wird mir bewusst, dass die Position, auf der ich stehe, in dieser Gesellschaft vor allem als Schimpfort vorhanden ist. „Weder Mann noch Frau sein“, „es“, … wird alles eher abwertend benutzt. Grausamerweise wird diese Abwertung vom Patriarchat noch gegen andere gender-nichtkonforme (z.B. Frauen die sich weigern der Norm zu entsprechen) und Trans*menschen gerichtet, um ihnen ihre Identität zu nehmen. Teile und herrsche.

Ich dachte immer, wenn ich erwachsen bin, dann kann ich die Zuschreibungen der anderen einfach liegen lassen und ich selber sein. Aber dieses ich-selber ist ja auch kein heiler Ort, an dem ich ohne gesellschaftliches Drumherum existieren kann. Ich bin genauso gesellschaftlich konstruiert wie jede Frau und jeder Mann, und kann mich nicht unabhängig davon denken. Das was passiert ist passiert, und das was mich umgibt damit muss ich umgehen. Der Unterschied zu früher ist nur, dass ich mehr Wahlmöglichkeiten habe, wo diese mir nicht von der binären patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft genommen werden.

Außerdem möchte ich das auch gar nicht mehr – unbedingt unabhängig von allen anderen sein. Das war eine Kindheitsphantasie, die vor allem deswegen so wichtig für mich war, weil es undenkbar war, dass ich mit anderen gut koexistieren kann. Es ist mir nicht egal, was andere von mir denken, und das wäre auch total problematisch. Zum Beispiel will ich niemanden der_die mir wichtig ist, absichtlich verletzen. Ich freue mich so sehr liebe Menschen um mich zu haben, mit denen ich reden kann. Ich freue mich so sehr darüber an ihrem Leben ein Stück weit teilhaben zu dürfen und meins ein Stück weit mit ihnen zu teilen.
Ich kann streiten und damit auch teilweise Zuschreibungen mitverhandeln. Ich kann politisch aktiv sein und mit dafür streiten, dass es für Menschen wie mich einfacher wird. Und das Patriarchat abzuschaffen und so. Auch wenn ich bisher noch nicht den Weg gefunden habe, mich da optimal einzubringen (außer dieses Blog zu schreiben).

Trotzdem trauere ich manchmal um diese kindliche Naivität, mit der ich annahm dass erwachsen werden auch unbesiegbar werden heißt. In Form unbegrenzter Fähigkeit zur Zurückweisung von Zuschreibungen. Auch vielleicht ein bisschen um das nicht-verstehen der Norm, das mir heute nur ausnahmsweise und tagesformabhängig zur Verfügung steht. Ich habe lange nicht verstanden, warum nur meinem Bruder erklärt wurde, wie das Fahhrad repariert werden kann. Er aber dafür keine Zopfgummis tragen durfte, wenn andere Menschen es mitbekommen konnten. Ich habe nicht verstanden, warum die meisten Mädchen Barbie-Sticker toll fanden und Sticker von Molchen blöd, obwohl die total niedlich waren. Manchmal stehe ich in der Drogerie und wundere mich ausgiebig über Produkte „für den Mann“ oder darüber was alles gepinkt wird, um es als „für die Frau“ zu markieren (pink ist toll, aber versuch mal eine Haarklammer in einer anderen satten Farbe zu finden … rot und schwarz zählen nicht!).

Grade verheddere ich mich auch vor allem in Pronomen. Es gibt kein Pronomen mit dem ich mich wohl fühle in der deutschen Sprache. Es gibt „sie“ und „er“ für Menschen, die jeweils Männer* und Frauen* bezeichnen. Ich kann sie umdeutend aneignen um mich zu bezeichnen, wie es auch andere Non-binaries teilweise tun. Für mich ist das grade vor allem ein Notbehelf. Ich bin daran gewöhnt, als Frau* gelesen zu werden, auch wenn das nicht meiner Selbstverortung entspricht. Ich bin daran gewöhnt, dass über mich als Frau* gesprochen wird und dass ich als Frau* mitgemeint bin.
Es ist für mich schwierig, von anderen Menschen zu fordern, das anders zu handhaben, zumal ich ihnen für das Problem „Wie denn?“ auch nur Notlösungen anbieten kann. „Er“ und „sie“ im Wechsel zu verwenden macht eine Art Raum auf für mich, andererseits bezeichnen mich halt beide Pronomen nicht wirklich. Die Vorschläge von Lann Hornscheidt und Anna Heger mag ich für ihr Vorhandensein, finde sie aber nicht wirklich praktikabel. Oder vielleicht fehlt mir auch grade einfach nur die Kraft und das Selbstbewußtsein, mich für solche Vorschläge stark zu machen?

Leider hake ich jetzt noch mehr an einer Stelle, an der ich vorher dachte, einigermaßen klar zu kommen.
Will ich in einem Raum sein, in dem nur das generische Femininum genutzt wird? Mein Kopf sagt: Ja, kein Problem, ich werde ja soweiso ständig als Frau* gelesen. Und deshalb identifiziere ich mich auch politisch mit vielen Anliegen von Frauen*. Grade wenn die Entscheidung zum generischen Femininum eine politische ist, finde ich das total nachvollziehbar und okay.
Fühlen tu ich: NEIN! AUF KEINEN FALL!!
Der Kopf fragt: Aber wieso denn nicht, hey was ist der Unterschied? Außer dass die einen „sie“ sagen, weil sie es nicht besser wissen. Die anderen deine Existenz sogar anerkennen und akzeptieren, aber an dieser für sie wichtigen symbolischen Sprachhandlung festhalten wollen?
Das Gefühl schweigt sich aus, aber es sträubt sich mit Händen und Füßen gegen diesen Raum. Ich finde es schwierig, das ernst zu nehmen und mit dieser neuen Empfindlichkeit umzugehen. Bin noch so ein bisschen ratlos damit.

So geneigte_r Leser_in, jetzt hast du diesen Text hinter dich gebracht und denkst vielleicht: Wie nervig, diese Non-binaries und anderen Transmenschen immer mit ihren Empfindlichkeiten! Dann denk auch bitte daran, dass es einfach Menschen gibt, die diese Empfindlichkeit nicht so oft spüren, weil sie einfach fast immer für sie stimmig angesprochen werden – es sei denn sie sind wirklich nicht gemeint. Aber die trotzdem diese Empfindlichkeiten sehr entschieden haben. Ja, ich rede von Typen. Das ist mir neulich noch einmal bewußt geworden, als ein Kollege gedacht hat, ich hätte ihn mit einer weiblichen Wortendung angesprochen. Seine Reaktion kam prompt und heftig: „MOMENT MAL! -IN?!? Und ICH?“
Für einen kurzen Moment hatte ich eine Ahnung für diese Selbstverständlichkeit, mit der einer für sich in Anspruch nehmen kann, immer und überall korrekt gegendert zu werden.
Nehmen will ich ihm das nicht, aber auch gerne beanspruchen können für mich und andere FLTIQ*, die noch viel zu oft ignoriert werden.

So zum Schluss noch ein kleines Comic über das tragbare schwarze Loch, für alle die mich mit meinen vielen Fragen und meinem Ärger über erlebtes nicht alleine lassen. Weil das ist noch besser.
Comic über ein Kind, das mit einem Schwarzen Loch an der Leine spazieren geht. Das Schwarze Loch frisst die Zuschreibung, mit der eine andere Person an das Kind heran tritt.