Archiv der Kategorie 'Yes, it's fucking political!'

mini-zine „biologisches geschlecht“

ein neues zine!

die kleinen krabbeltiere im wald sind ganz aufgeregt. man munkelt von „biologischem geschlecht“.
aber was ist das, und wozu braucht man das?
es wird ihnen nicht so ganz klar.

ihr könnt das zine hier als *.pdf herunterladen.
es besteht nur aus einem blatt, durch knicken und falten könnt ihr daraus ein kleines büchlein machen.

eine youtube-faltanleitung findet ihr hier.

Diagnosefoo und Alltagssprache und warum ich will, dass die beiden nicht so viele Wege zusammen gehen

Erstmal

Dieser Text liegt schon eine Weile in der Schublade. Ein Teil davon ist Angst. Ein Teil davon ist „aber vielleicht bin ich nicht betroffen genug / falsch betroffen, um darüber zu schreiben“. Beides sind keine guten Gründe, etwas nicht zu sagen. Neulich erinnerte ich mich in einem Gespräch daran, dass ich das hier mal geschrieben habe. Und jetzt steht es hier. Wenn Du Dich davon angegriffen fühlst, kannst Du gerne mit mir darüber diskutieren. Ich weiß, dass ich hier ein Fass aufmache, das gerne mal explosiv ist. Es geht mir hier nicht darum, zu verletzen oder zu verurteilen, sondern über meinen eigenen Umgang nachzudenken und dies transparent zu machen. Nicht zuletzt weil ich Ansprüche, die ich hier formuliere, auch selbst wahrscheinlich nicht hundertprozentig umsetzen kann. Darum geht es mir auch gar nicht. Sondern eher um die Richtung, in die ich gerne denken möchte. Trotzdem können, sobald ich Werturteile äußere, Verletzungen passieren. Grade wenn menschen sowieso schon aufgrund ihrer Erfahrungen oder positionierung verletzlich sind. Dafür will ich offen sein.
Und vielleicht ist es ja auch für einige Menschen einfach interessant was andere dazu denken. Vielleicht ist es auch einfach nicht so viel neues.

Vom Wortefinden zum Worteverlust

Für mich ist es enorm wichtig mit Sprache umzugehen für mein tägliches Leben. Worte für etwas zu finden oder nicht macht oft einen großen Unterschied dafür, wie ich mit etwas umgehen kann. Auch dafür, wie viel Macht etwas bekommt. Wann ich Machtverhältnisse sehen, reflektieren und vielleicht auch unterwandern kann.

Ich finde es persönlich schwierig, Worte aus dem medizinischen Fachjargon in mein Alltagsvokabular zu übernehmen. Trauma, Trigger, Flashback, Dysphorie – das alles sind solche Worte die sich irgendwie einschleichen und die im ersten Moment viel erklären. Es sind aber auch Worte, die mich auf diese Erklärungen reduzieren und die suggerieren, dass es objektive Bewertungsmaßstäbe dafür gibt. Dadurch geschieht ein seltsamer Widerspruch. Einerseits verschwindet das subjektive Erleben dahinter. Also mein Erleben als einzigartiger Einzelmensch hinter dem psychiatrischen Vokabular. Und das nimmt mir gefühlt die Macht, als Einzelmensch mit meinem Erleben so umzugehen wie ich das für gut und richtig halte. Das Gefühl schleicht sich vor allem dann ein, wenn diese Worte exponenziell verwendet werden – sei es nun in meinem Kopf, in meiner Sprache oder im Szenecode.

Am Beispiel „Trigger“

Andererseits wird mein Einzelerleben der gesellschaftlichen Dimension beraubt und reduziert auf meine (kranke) Wahnehmung. Es ist gut, dem Einzelerleben einen Zusammenhang zu geben. Dafür würde ich aber lieber politisches Vokabular verwenden als medizinisches / psychologisches. In diesen Zusammenhang würde ich meine Gewalterlebnisse stellen wollen und auch meinen Umgang damit. Dass ich dabei Gegenstand professioneller psychologischer Praxis werde ist für mich eher so ein Nebeneffekt des Lebens in der Gesellschaft wie sie sich grade dastellt – keine identitätsstiftende Angelegenheit. Auch wenn es mir eine Zeitlang geholfen hat, mich mit den psychologischen Begriffen auseinander zu setzen, um zu verstehen, warum ich z.B. in manchen Situationen so oder so reagiere und warum es so viele weiße Flecken in meinem Gedächtnis gibt.

Inzwischen finde ich eher, dass ich mir etwas nehme, wenn ich alles was mich krass emotional angeht und innerlich aus dem Lot schlägt als Trigger klassifiziere und es dabei bewenden lasse. Ich finde es für meinen Umgang damit total wichtig, zu hinterfragen warum mich das so angeht und was ich daraus für Schlussfolgerungen ziehen will. Und auch welchen Zusammenhang das mit meiner gelebten politischen Praxis hat.

Zu dieser politischen Verortung gehört auch, dass ich eine Vorstellung davon habe wie die Gesellschaft anders organisiert sein sollte als sie es jetzt grade ist. Ich finde dass es ein Unding ist, dass sich so oft die die Opfer von Gewalt geworden sind derer schämen – und nicht die Täter. Und dass oft das Erlebte nicht beschrieben, gesagt werden kann. Ich habe in meinem Kopf so eine Utopie, dass irgendwann die die Gewalt erlebt haben nicht mehr die Klappe halten, sondern auspacken. Und zwar alle. Als Unmissverständliche Botschaft auch an die Täter_innen: Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass die Person die ich grade misshandle darüber schweigen wird. Das was ich grade tue wird herauskommen, spätestens wenn die Machtverhältnisse die ich grade ausnutze nicht mehr gegeben sind. Und dann werde ich mit Konsequenzen zu rechnen haben. Was mich selbst an dieser Utopie stört ist die Tatsache, dass sie zu viel Verantwortung für das Beenden von Gewaltverhältnisse an deren Opfer gibt. Das setzt mich manchmal selbst ein bisschen unter Druck, aber andererseits ist das auch teilweise ein guter Druck: Mich mit der Verteilung von Scham wie sie grade ist nicht abzufinden und ihnen etwas entgegen zu setzen. Außerdem ist es eine schöne Vorstellung, dass nicht alles so bleiben muss wie es ist. Und es ist ja nicht schlecht individuell Verantwortung zu übernehmen für gesellschaftlich relevantes Handeln. Außerdem habe ich eindrucksvoll erlebt was es heißt, von erlebter Gewalt schweigen zu sollen, weil es für andere zu krass ist. I don‘t wanna play that game.

Das spielt auf jeden Fall krass rein in die Beurteurteilung dessen was mich evtl. antickt und der normativen Bewertung, die ich damit vornehmen will. Wenn es um Gewaltinhalte geht und nicht um irgendwelche random Trigger wie bestimmte Gerüche, Elektrogeräte, Alltagsfloskeln, whatever. Diese Trigger gibt es ja auch noch und so ein bisschen führen sie meiner Meinung nach die Forderung alles potenziell triggernde zu verschlagworten und davor zu warnen ad absurdum.
Wenn ich jemandem eine reinhauen will, weil er_sie mir grade einen schönen Sonntag gewünscht hat, ist das verdammt noch mal mein Problem und ich muss mich selber darum kümmern. Wenn ich die Person gut kenne, kann ich sie bitten, diese Formulierung in Zukunft zu lassen. Und vielleicht auch sauer sein, wenn er_sie es nach x mal bitten immer noch nicht verstanden hat und mir wieder einen schönen Sonntag wünscht. Aber letzten Endes muss ich irgendwie damit klarkommen, dass diese Formulierung ein Fallstrick für mich ist. Das würden wahrscheilnlich auch viele Triggerwarnungsbefürworter_innen so sehen. Aber Leute die sich von Schweigegeboten emanzipieren wollen für die ausgelöste Reaktion verantwortlich machen? So ungerecht!

Selbstverständlich gibt es Momente, in denen mich wütend macht dass sexualisierte Gewalt thematisiert wird! Oder besser: Wie!
Redet z.B. grade ein_e Betroffene_r um Gewaltverhältnisse sichtbar zu machen? Oder hat sich mal wieder irgend ein weinig findiger Krimidrehbuchschreiber einen unlustigen plot twist ausgedacht, um seine dröge Geschichte ein wenig aufzupeppen oder eine Figur authentischer scheinen zu lassen? Geht es um Erkenntnis? Oder geht es um Instrumentalisierung von Betroffenen für autoritäre Zwecke? Geschieht hier Empowerment oder wird Angst geschürt? Wird der patriarchale Blick auf Gewalt reproduziert oder gebrochen? Bin ich grade wütend weil ich getriggert wurde und Abstand brauche, oder weil kacke mit mir umgegangen wird und ich mir das nicht bieten lassen will?

Und wenn einer der anderen Fälle vorliegt, finde ich es total wichtig, genau das zu kritisieren. Nicht: Dass ich getriggert wurde. Sondern z.B., dass ein Typ in einer polemischen Mail Gewaltschilderungen benutzt um einen bestimmten Effekt zu erreichen. Oder dass sexistische, diskriminierende Kackscheiße (re)produziert wurde. Etc.

Ab davon ist es für mich individuell total wichtig, für mich zu sorgen und damit umzugehen, wenn ich überfordert bin. Egal ob es sich um ein Lied handelt das grade gespielt wird oder um jemanden der_die mir grade etwas erzählt, das ich nicht hören will. Ich darf Grenzen setzen und auch das will ich üben. Ich bin nicht verpflichtet, mir irgendetwas anzuhören und auch nicht immer dazu in der Lage. Ich muss auch nicht alles toll finden, nur weil es irgendwie feministisch ist und Gewalt thematisiert. Das ist dann meine Verantwortung, das zu kommunizieren. Ich finde es auch gut, wenn Filme, Vorträge und Texte aussagekräftig angekündigt werden, so dass ich überlegen kann, ob ich heute hingehen will. Aber darüber würde ich normativ nicht so stark werten wollen wie z.B. Instrumentalisierung von Gewalt für dies oder das. Das ist für mich ein Unterschied und ich finde es für mich wichtig, den herauszuarbeiten, bevor ich das anderen Menschen kommuniziere. Das klappt natürlich nicht immer und geht auch manchmal ganz schön daneben. Wie gesagt es ist ein Anspruch den ich an mich selbst habe und an dem ich übe und nichts, was ich perfekt kann oder von dem ich von mir oder anderen verlange dass es immer so klappt. Aber es kann auch ein Teil vom Klarkommen mit diesen Trigger Dings sein, sich diese Fragen zu stellen. Nicht zuletzt deswegen, weil vielleicht ein Teil der Wut die gefühlt wird nicht Resultat einer verschobenen Wahrnehmung aufgrund erlebter Gewalt ist, sondern im vielzitierten hier und jetzt ganz berechtigt.

Und das finde ich dann nämlich ganz schön wichtig zu wissen.

Am Beispiel „Dysphorie“

Wie ich meinen Körper wahrnehme und wie ich mich darin wohlfühle(n würde) und wie der ist stimmt nicht überein. Als ich zum erstenmal davon gelesen habe, dass es auch anderen so geht, wurde das Wort Dysphorie benutzt und mir ist eine Welt aufgegangen. Eine Welt in der das auch irgendwie „normal“ ist dass es mir so geht, und in der ich danach streben kann dass der Körper modifiziert wird, so dass ich besser mit dem leben kann. Trotzdem gehört auch dieses Wort zu den Worten, die ich nicht in meinen aktiven Sprachschatz übernehmen will. Und zwar hier noch viel deutlicher deswegen, weil es nicht ohne Zusammenhang daherkommt, sondern einen für mich direkt erfahrbaren Machtapparat mitbringt.

Ob ich körperlich transitionieren darf oder nicht, bestimmt (zu meinem eigenen besten natürlich) nicht ich, sondern Psycholog_innen. Die sprechen mit mit, am besten über längere Zeit, um festzustellen dass ich auch wirklich und wahrhaftig die richtige Krankheit (ach neee ist ja keine krankheit mehr, aber irgendwie doch, ich weiß ja auch nicht!) auf die richtige Art und Weise habe, um diese Behandlung zu bekommen. Mein eigenes Erleben, jahrelange Versuche mich mit dem Körper so wie er ist anzufreunden oder mich mit einer Identität als Frau abzufinden, plus meine Willenserlärung zählen nichts ohne einen Zettel, der es bestätigt. Nun ist es aber so, dass ich der Person die mir diesen Zettel schreibt wahrscheinlich noch nicht einmal mein wirkliches Erleben darlegen kann, sondern auf Stereotype ausweichen muss. Non-binary Transmenschen wie mich gibt es nämlich in (deren) Wirklichkeit gar nicht, sondern nur Männer und Frauen. Also muss ich möglichst effektiv so tun, als wäre ich ein Mann – oder relativ bald genug Geld verdienen, um mich irgendwo im Ausland operieren zu lassen. Letzteres ist leider utopisch. Ihr versteht vielleicht den Druck, den das erzeugt.

Wie reagieren Psychotherapeut_innen auf diesen Druck?
Eine der Personen, Sophinette Becker, die die „Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen“ mitgeschrieben hat, erklärt in einem Text, der auf der Internetseite http://www.hivandmore.de/ zu finden ist:

„Bei PatientInnen mit transsexuellem Wunsch kommt es oft schon in den ersten Gesprächen zu erheblichen Konflikten und Verständigungsproblemen. Deshalb ist es wichtiger, zunächst einen tragfähigen Kontakt zu ihnen herzustellen, als möglichst rasch sämtliche für eine „richtige“ Diagnose relevanten Daten zu erheben. Viele PatientInnen stellen zunächst retrospektiv stark korrigierte, „konfliktfreie“ Biographien dar, um als transsexuell eingestuft bzw. im Wunschgeschlecht anerkannt zu werden. Eine (reaktive) detektivische Haltung des/r UntersucherIn erhöht nur den Druck, unter dem die PatientInnen stehen, und versperrt den Zugang zu ihnen.

Die weiterführende Diagnostik ist i.d.R. nicht in einigen wenigen diagnostischen Gesprächen, sondern nur in einer längeren Verlaufsdiagnostik möglich.“

Ohne scheiß, ich finde: Körper gehören denen, die drin wohnen! Und jeder der zitierten Sätze redet vom Gegenteil. Nicht Machtverhältnisse werden als das Problem gesehen über das dringend geschrieben werden muss, sondern die Art und Weise, wie Transmenschen damit umgehen. Das macht mich so wütend.

So wie es aussieht bemühe ich mich um eine Transition und bin dafür darauf angewiesen, dass ich den Stempel „Wirklich Trans“ von eine_m Psycholog_in bekomme. Aber ich mag mich abseits davon nicht mit einem System identifizieren, das so mit mir (und vielen vielen anderen) umgeht. Ich mag in meiner Alltagssprache versuchen, andere Worte für meine Gefühle zu finden. Auch wenn ich dafür vielleicht manchmal einen Umweg gehen muss. Dass diese Normen mich beeinflussen – z.B. wenn ich bis ins kleinste Detail darüber nachdenke, was ich zu einem Gespräch mit dem Psychotherapeuten anziehe – passiert sowieso, ich kann mich dem nicht entziehen und muss mich da auch teilweise anpassen, wenn ich bekommen will was ich brauche. Aber ich muss das auch nicht fördern. Ich glaube auch nicht, dass ich die Autorität der Gatekeeper_innen untergrabe, indem ich ihre Worte auf mich anwende. Vielleicht auch, um bewußt oder unbewußt zu sagen: Ja ich bin wirklich trans, ich erfülle die Kriterien! Zur Hölle mit objektiven Kriterien dafür! Was ist mit Menschen, die keine Dysphorie haben, aber trotzdem trans sind? Die haben genauso ein Selbstbestimmungsrecht über ihre Identität und ihren Körper zu haben wie ich!

Und wenn ich davon reden will, wie schwierig das Sein unter diesen Umständen für mich ist – glaube ich, dass mir andere Worte viel besser helfen. Grade wenn es um meinen Körper geht möchte ich mir Worte aneignen, die nicht aus dem Wörterbuch sind, das von solchen Autoritäten geschrieben wurde. Ich will ja auch eigentlich, dass die Menschen mit denen ich rede sich für meine Lebenswirklichkeit interessieren und nicht für die der Therapeut_innen. Oder für diese v.a. kritisch.

Ich habe jetzt geschrieben: Therapeut_innen reagieren so. Ich hoffe selbstverständlich, dass nicht alle so reagieren. Ausnahmen, Menschen die anderen Menschen Entscheidungen über ihren Körper selbst zugestehen, gibt es auch da draußen und sie sind so wichtig. Ich hebe grade das andere Extrem hervor, weil das im wahrsten Sinne des Wortes die Regel ist.

Schluss

Ich könnte jetzt nocht mehr Beispiele Anfügen… Depression, Soziophobie (habe ich eine zeitlang exponetiell genutzt), solche Worte schleichen sich ständig in meinen Wortschatz und leben sich ganz gut ein. Bevor ich zum Ende komme, mag ich aber noch ein kurzes Plädoyer gegen Authentizität halten. Diese könnte ich ja jetzt als Fahne hochhalten um zu erklären, warum ich möchte, dass diese Worte nicht verwendet werden. Aber darum geht es mir nicht. Authentizität ist etwas an das ich nicht glaube. Authentizität ist andererseits herum auch etwas, was ich mir leisten können muss. Während ich vor einem Psychologen sitze, der mir bestätigen soll, dass meine Wahrnehmung von mir stimmt und ich es verdiene, behandelt zu werden, kann ich paradoxerweise nicht unbedingt meine Wahrnehmung schildern, weil das Förmchen dann nicht durchs Kästchen passt. Da muss ich selbst Konzessionen machen, es sei denn ich will auf die im Rahmen des Möglichen mögliche Hilfe verzichten.

Außerdem mag ich noch sagen, dass es mir hier nicht darum geht, andere, die die Worte für sich benutzen, moralisch zu verurteilen. Ich denke für mich darüber nach, wie ich mein Sprachhandeln gestalten will. Was leider auch nicht heißt, dass ich mich freimachen kann davon, mit diesem Machtsystem zu kooperieren – z.B. transitionieren zu können, was sich für mich relativ dringend notwendig anfühlt. Für viele Menschen ist es so, dass die besprochenen Wörter überhaupt erstmal die Möglichkeit geben, Erlebtes auszudrücken, weil Psychologie nunmal in unserer Gesellschaft der Raum ist, in dem abweichendes Bew_ortet wird. Das will ich nicht nehmen oder verurteilen. Da unterscheide ich ganz klar zwischen dem System, das einigen Macht verleiht über andere, und Betroffenen, die in_mit diesem System irgendwie klarkommen müssen_wollen. Möchte ich ja auch. Ich mag mich mit Menschen solidarisieren, die Gewalt, die in diesem System passiert, thematisieren, auch wenn das zuweilen unbequem ist. Das ist mir wichtig.

„Verkopft“

Dass ich verkopft bin, haben schon viele Menschen zu mir gesagt. Ich glaube auch, das das stimmt. Neulich sagte so eine dahergelaufene Cisperson zu mir, dass generell Transleute ihr zu verkopft seien. Grade die mit diesen komplizierten Geschlechtern. Das hat mich ziemlich zum Nachdenken gebracht, weil ich das erstmal so überhaupt nicht fand. Ich fand eher ihre Aussagen schwierig nachzuvollziehen und teilweise auch sehr verletzend. Der Opener für das Gespräch war, dass jemand ihr mal vorgeworfen habe, transfeindlich zu sein. Sich unter dem Deckmantel der Allgemeinverständlichkeit wähnend, wollte sie dann von mir Zustimmung dafür, dass das Quatsch sei. Ging irgendwie nach hinten los.

Jedenfalls, verkopft.

Im Nachhinein dachte ich, dass für sie der Eindruck vielleicht auch dadurch entsteht, dass sie ihren Kopf anstrengen muss, um zu verstehen, was bei den Transmenschen, mit denen sie gesprochen hat, eigentlich abgeht. Ihre eigene Position erscheint ihr natürlich und einfach (nicht im Sinne von „diskriminierungsfrei“ oder „leicht dort zu leben“, sondern im Sinne von „allgemeinverständlich“). Und warum diese komischen Transmenschen verletzt reagieren, wenn irgendwelche dahergelaufenen Fremden ihnen erklären, dass doch alles ganz einfach sei, kann sie nicht begreifen. In unserem Gespräch folgte dann von ihr eine längere ungefragte Erläuterung ihres Begehrens, in der sie mehrfach Menschen direkt oder indirekt ihr Geschlecht absprach und größtes Gewicht darauf legte, was diese in der Unterhose haben. I really didn‘t want to know.

Und ich muss meinen Kopf auch anstrengen, um mich in dieser patriarchalen Cishet-Welt irgendwie durchzufuchsen und zu erklären. Weil ich nicht so einfach auf Worte zurückgreifen kann, um mich oder meine Erfahrungen zu beschreiben. Alles muss erst aus der W_Ortlosigkeit übersetzt werden. Diese Anstrengung merkt man mir vielleicht manchmal an. Es ist zuweilen sehr lähmend. Es ist zuweilen ein Gefühl das an den Versuch erinnert, mit dicken Handschuhen über den Fingern einen komplizierten Knoten zu lösen. Nur fällt es mir immer noch schwer, dies mit der gleichen Nonchalance wie sie meinem gegenüber als Eigenschaft anzudichten. „Mensch diese Cis-Leute, die sind immer so verkopft! Es ist ihnen so arg wichtig, dass ihr Gegenüber das Geschlecht hat, das sie ihm sehen, sonst kommen sie gar nicht mehr klar. Kein Platz für Empathie, ey!“

So. Vielleicht habe ich auch einfach nur (ein Stück von) Cis-Privilegiertheit begriffen. Tut irgendwie gut.

Und die andere Person kann ja begehren wen sie will, nur wäre es nice, wenn sie sich dann Gedanken darüber macht, wie sie das ausdrücken kann, ohne anderen Menschen ihre Identität abzusprechen. Ist leider nicht angekommen diese Anregung, fürchte ich. Fühlt sich vielleicht auch bedrohlich an, im Sinne von: Altbekanntes, Schutz gebendes, hart erkämpftes hinterfragen müssen. I know.

Ganz emotional fand ich es total toll, an dem Abend mit meiner Wut und einem winzigen bisschen Verzweiflung nicht alleine zu sein, sondern sehr solidarische Menschen um mich herum zu haben. <3

Transition und die Angst, ein Monster zu sein

Wieder mal ein Text von mir, und ich glaube viel neues enthält er nicht. Eher so Wiederholungen und Verknüpfungen die mich grade so beschäftigen. Ich habe lange überlegt wie ich es hinkriege über die Angst zu schreiben ein Monster zu sein, wie ich den Moment einfangen kann an dem das bricht. Herausbricht oder in mir bricht. Und dann ist mir aufgefallen, dass diese Angst, auf den Punkt gebracht, einfach internalisierte Transfeindlichkeit ist.

Seit ich entschieden habe, körperlich zu transitionieren, ist schon ne Menge besser geworden in meinem Leben. Ohne dass ich viel tun musste. Ich bin friedlicher mit meinem Körper und kann mich eher damit abfinden wie der so ist und sich anfühlt. ich kann mich aber auch besser damit abfinden, wenn ich mich grade mal so gar nicht damit abfinden kann und weiß, dass ich mich nicht verbiegen muss um da einen Frieden zu finden, wie ich es schon so oft versucht habe.

Jetzt habe ich angefangen auch Dinge zu tun und mich mit der Bürokratie und Gesundheitskratie auseinander zu setzen, die 1 angehen muss wenn 1 das machen will. Das ist ganz schön nervig, ich habe überhaupt keinen Bock darauf dass andere Leute mich begutachten und für mich entscheiden, was mit meinem Körper geschehen soll. Egal wie gutmeinend sie dabei angeblich oder tatsächlich sind. Dieses ganze System, Transmenschen zwangszutherapieren und unsere Entscheidungen als Willenserklärung nicht ernst zu nehmen, ist einfach scheiße. Hallo?! My body, my choice! Hier muss noch viel getan werden, damit ein selbstbestimmter Umgang mit dem eigenen Körper möglich wird. Ich hab ehrlich gesagt ziemlich lange nun gebraucht, um zu dem Punkt zu kommen, an dem ich es damit aufnehmen kann. Das muss doch nicht sein.

Aber neben dem Ärger darüber ist auch grade viel Aufgeregtsein und positive Spannung, obwohl ich erst erste kleine Schrittchen gemacht habe. Aber: Yay!

Seit ich überhaupt angefangen habe zu transitionieren, also z.B. auch einen anderen Namen zu tragen und nach andere Pronomen zu fragen, merke ich wie ein Teil von mir voll Angst hat und mir viel von Schmerz erzählt. Schmerz den ich oft spüre, wenn ich z.B. abends in meinem Zimmer ankomme und meine Ruhe habe. Schmerzschmerzschmerz und Angst, dass „alles“ wieder wird „wie früher“, wenn ich meinen Weg so weiter gehe.

Gestern habe ich mich entschieden das zu systematisieren und etwas darüber zu schreiben, und heute hat @projekt1enigma auf Twitter einen Thread von @VanguardVivian in meine Timeline gespült, der sehr gut dazu passt. Darin geht es darum, wie queere Menschen und Transmenschen von heterosexistischen Menschen oft als unberührbare behandelt werden und nicht mehr umarmt, auf die Schulter geklopft oder ähnliches werden. Es geht darum, dass dies Menschen emotional aushungert und geradezu körperliche Schmerzen hervorruft. Es tut irgendwie so gut das zu lesen, weil es meine eigene Wahrnehmung bestätigt. Auch, das das etwas systematisches ist.

Ich glaube mittlerweile, dass das Mobbing, das ich als Kind erfahren habe, nicht nur mit meinem „seltsamen“ Aussehen zusammenhängt, sondern auch einfach damit dass ich trans* bin und versucht habe, neben den akzeptieren Ausdrucksformen meine eigenen zu etablieren. Und wortwörtlich wurde ich unberührbar (Grenzüberschreitungen ausgenommen) und durfte auch die anderen oder deren Sachen nicht mehr berühren, eine Erfahrung die sich sehr eingebrannt hat. Ich habe aus dieser Zeit das Gefühl oder die Angst zurück behalten, ein Monster zu sein.

Jetzt habe ich mich lange sozusagen versteckt. Also nicht wirklich, denn ich war ja die ganze Zeit da. Und Menschen die mich lange kennen waren jetzt teilweise auch gar nicht verblüfft, als ich mich ihnen gegenüber geoutet habe. Aber. Anscheinend ist es für mein Innen ein großer Unterschied, wie offen ich mich nach außen kommuniziere. Und grade, wo ich offener werde auch mit dem trans-sein, erzählt es mir jeden Tag von dem früher und dass es wieder so werden kann.

Als ich noch Therapie gemacht habe, war von Therapeutinnenseite einen häufiger Umgang mit solchen Ängsten und Gefühlen, zu sagen, dass es heute anders ist. Ja, das stimmt auch. Ich bin inzwischen erwachsen, kann mir die Menschen mit denen ich zu tun haben will selber aussuchen und habe Freund_innen, denen ich von frustrierenden oder verletzenden Erlebnissen erzählen kann. Aber trotzdem, so einfach ist das eben nicht. Die Welt ist immer noch dieselbe transfeindliche Welt. Eine Welt in der Menschen sich Leute rauspicken, zu „Anderen“ erklären und dann auf ihnen herumhacken. Und ja, es kann sein, dass manche Menschen wirklich beschissen mit mir umgehen, wenn sie mich nicht mehr als cis-Frau (falsch) lesen (können). Ich habe in den letzten Jahren bemerkenswert wenig Mist abbekommen, die Ereignisse pro Monat ließen sich an einer Hand abzählen und körperlich bedroht habe ich mich dabei auch nicht gefühlt. Aber heißt nicht, dass die damaligen Erfahrungen ungültig sind. Oder dass Scheiße nicht mehr da ist. Wirklich, es wäre total schön das glauben zu können. Aber es wäre leider falsch. Und ich glaube, dass da von Seiten der Therapeutin auch ne ganz schöne Ignoranz gegenüber der Lebensrealität anderer Menschen am Start war. Oder gegenüber eben den Strukturen, wegen denen sie solche Erfahrungen nicht macht, ich (und andere, die wie auch immer aus der Norm fallen) aber schon.

Die meiste Gewalt, bis hin zu Ermordungen, kriegen leider Transfrauen ab. „Leider“ nicht im Sinne von: Ich möchte bitte mehr davon, sondern im Sinne von: Wär ja wirklich schön, wenn das was ich erlebe schon das Ende der Fahnenstange wäre. Das betrifft leider auch Ausgrenzungen innerhalb der (queer-)feministischen Szene.

Das ist doch eine Kackwelt, in der ich mein Innenmonster damit „trösten“ kann, dass ich nicht ganz so schlecht dran bin wie andere.

Auch eine Kackwelt, in der das Bewusstsein über die eigene Monsterigkeit eine Art Schutz sein kann. Space ship armour. Etwas das andere fernhält, so dass sie gar nicht erst nahe genug kommen können um wirklich zu verletzen. Mich selber daran erinnern, was ich angeblich bin, um mich dieser Gefahr nicht auszusetzen. Weltraumkälte und Weltraumleere als Utopie gegen das gefährliche Leben.

Jetzt fehlt mir mal wieder das schicke Ende, und außerdem auch eine Lösung. Außer weiter zu machen und die Strukturen so wie sie sind wahrzumnehmen und etwas dagegen zu tun, wo ich kann. Und alles Gute was da ist möglichst auch wahrzunehmen und zu feiern. Das was gesellschaftlich oft als hässlich und monsterig wahrgenommen wird zu leben und zu feiern und zu schützen und gegen das was gewaltförmig ist zu wüten und das zu betrauern. Leben. Sich trauen da zu sein.

Und hoffentlich zusammen mit vielen anderen. Ich finde es grade oft so toll, mit anderen Menschen da zu sein. Danke an alle, mit denen ich da sein kann und die vielleicht zufälligerweise hier reinlesen!

PS: Ich freue mich über Kommentare/Ergänzungen, auch in Form von Kritik!

The Power of Rejection

Manchmal kommt es mir so vor, als wäre es so eine Art Superkraft, Nein sagen zu können zu allem möglichen.
Eine Kraft, die ich leider nicht im Superformat zur Verfügung habe und die sich daher im alltäglichen leben sehr schnell abnutzt.
An Essen das ich nicht essen darf (wegen Unverträglichkeiten), an Lohnarbeitsdisziplinierungsbedarf (weil morgens fit sein und tagsüber dann geordnet produktiv), an Situationen in denen mit mir scheiße umgegangen wird oder in denen ich ignorant behandelt werde.

Und Zuschreibungen.

Die Gesellschaft in der ich lebe ist so organisiert, dass ständig von Männern und Frauen die Rede ist. Ich werde jeden Tag mit „Frau Sowieso“ angesprochen, gehe zur Frauenärztin, in die Frauenumkleide, werde mit femininen Pronomen gegendert undsoweiter. Wenn ich aus dieser Kategorie ausbrechen will gibt es – ganz legal – nur den sogenannten Gegenpol. Die Kategorie „Mann“. Ich habe gehört, da soll es etwas bequemer sein. Man wird ernster genommen wenn man etwas sagt. Man hat auf Anhieb mehr Experten-Credibility. Und es versuchen (zumindest wenn man cis ist) weniger Menschen, in deine Körperpolitiken hereinzureden. Aber da leben, nein danke. Kein Bedarf, nicht mein Ort.

Und da verheddere ich mich grade total oft, denn wie andere eine_n sehen ist etwas das doch sehr prägt. Ich habe früher immer gedacht, ich könnte es irgendwann mal schaffen, mir egal sein zu lassen, was andere von mir denken. Aber es ist alles so verflochten. Es ist diese Sprache und diese Normalität, in der ich einfach nicht vorkomme.

Bis da hin, dass, wenn ich körperlich transitionieren will, diversen Menschen vorspielen muss, ich wolle ein Mann sein. Ernsthaft, ich bewundere alle Non-binaries die diesen Schritt unternehmen und dieses bekloppte Cistem konfrontieren und bin saudankbar für Austausch darüber, wie das machbar ist. Ich versuche grade den Mut dafür zusammenzukratzen und fühle eine Menge Widerwillen vor dieser Notwendigkeit, wieder etwas vorspielen zu müssen. Ganz abgesehen von der Angst vor und Widerwillen gegen Ärzt_innen- /Psycholog_innen-/ Krankenhaussituationen und täglichen Anfeindungen hinterher. Vielleicht brauche ich einfach noch etwas Zeit dafür, diesen Mut zusammen zu kratzen, das überhaupt ernsthaft anzugehen. Vielleicht schaffe ich es auch nicht. Das macht mich grade oft hoffnungslos und traurig, aber auch wütend.

(Und da fängt auch die Angst schon an – ist es klug, diesen Absatz zu schreiben? Riskieren oder lieber weiter verstecken? Ich entscheide mich fürs riskieren und hülle mich in Wut.)

Früher hat man mir oft vorgeworfen, ich sei zu negativ. Aber wenn ich daran denke, was ich schon alles zurückweisen musste, wird mir heute noch ganz anders.
Ernsthaft, ich frage mich manchmal, wie ich überhaupt ich selbst bleiben konnte. Wenn ich zum Beispiel an das Kind denke, das ich mal war. An die sexualisierte Gewalt, an die täglichen Anfeindungen die überall im öffentlichen und privaten Raum passieren konnten, an die vielen „du-bist-falsch-und-deswegen-dürfen-wir-auch-kacke-zu-dir -sein“-Botschaften. Und dann denke ich manchmal, dass ich das nur konnte (ich bleiben, weiter leben), weil ich vieles zurückgewiesen habe, weil ich schon früh die kraft der Zurückweisung trainiert habe. Ach, ich habe einiges auch angenommen, ich hätte noch viel „negativer“ sein müssen, um wirklich unbeschadet zu bleiben. Ich hätte ein kleines tragbares schwarzes Loch gebraucht.

Ich würde nicht sagen, dass ich so anders war, weil ich kein Mädchen war. Ich würde auch nicht sagen, dass mir die Orientierung gefehlt hat, weil es keine ähnlich starren Rollenbilder für Non-binaries gibt wie für Mädchen und Jungs. Das Standardbild von „Androgynität“ kann sicherlich ähnlich einzwängend sein wie das für „Weiblichkeit“. Solche stumpfen Rollenbilder braucht doch kein Mensch. Aber vielleicht wäre es nett gewesen, zu wissen, dass ich existiere.
Später immer vor Fragebögen sitzen und eine halbe Stunde überlegen: Mann? Frau? Mann? Frau? Irgendwann was ankreuzen und gleich darauf wieder vergessen, warum es so anstrengend war, dieses dumme Ding jetzt auszufüllen.
Es ist gut zu wissen warum, aber es tut auch wieder weh, denn gleichzeitig wird mir bewusst, dass die Position, auf der ich stehe, in dieser Gesellschaft vor allem als Schimpfort vorhanden ist. „Weder Mann noch Frau sein“, „es“, … wird alles eher abwertend benutzt. Grausamerweise wird diese Abwertung vom Patriarchat noch gegen andere gender-nichtkonforme (z.B. Frauen die sich weigern der Norm zu entsprechen) und Trans*menschen gerichtet, um ihnen ihre Identität zu nehmen. Teile und herrsche.

Ich dachte immer, wenn ich erwachsen bin, dann kann ich die Zuschreibungen der anderen einfach liegen lassen und ich selber sein. Aber dieses ich-selber ist ja auch kein heiler Ort, an dem ich ohne gesellschaftliches Drumherum existieren kann. Ich bin genauso gesellschaftlich konstruiert wie jede Frau und jeder Mann, und kann mich nicht unabhängig davon denken. Das was passiert ist passiert, und das was mich umgibt damit muss ich umgehen. Der Unterschied zu früher ist nur, dass ich mehr Wahlmöglichkeiten habe, wo diese mir nicht von der binären patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft genommen werden.

Außerdem möchte ich das auch gar nicht mehr – unbedingt unabhängig von allen anderen sein. Das war eine Kindheitsphantasie, die vor allem deswegen so wichtig für mich war, weil es undenkbar war, dass ich mit anderen gut koexistieren kann. Es ist mir nicht egal, was andere von mir denken, und das wäre auch total problematisch. Zum Beispiel will ich niemanden der_die mir wichtig ist, absichtlich verletzen. Ich freue mich so sehr liebe Menschen um mich zu haben, mit denen ich reden kann. Ich freue mich so sehr darüber an ihrem Leben ein Stück weit teilhaben zu dürfen und meins ein Stück weit mit ihnen zu teilen.
Ich kann streiten und damit auch teilweise Zuschreibungen mitverhandeln. Ich kann politisch aktiv sein und mit dafür streiten, dass es für Menschen wie mich einfacher wird. Und das Patriarchat abzuschaffen und so. Auch wenn ich bisher noch nicht den Weg gefunden habe, mich da optimal einzubringen (außer dieses Blog zu schreiben).

Trotzdem trauere ich manchmal um diese kindliche Naivität, mit der ich annahm dass erwachsen werden auch unbesiegbar werden heißt. In Form unbegrenzter Fähigkeit zur Zurückweisung von Zuschreibungen. Auch vielleicht ein bisschen um das nicht-verstehen der Norm, das mir heute nur ausnahmsweise und tagesformabhängig zur Verfügung steht. Ich habe lange nicht verstanden, warum nur meinem Bruder erklärt wurde, wie das Fahhrad repariert werden kann. Er aber dafür keine Zopfgummis tragen durfte, wenn andere Menschen es mitbekommen konnten. Ich habe nicht verstanden, warum die meisten Mädchen Barbie-Sticker toll fanden und Sticker von Molchen blöd, obwohl die total niedlich waren. Manchmal stehe ich in der Drogerie und wundere mich ausgiebig über Produkte „für den Mann“ oder darüber was alles gepinkt wird, um es als „für die Frau“ zu markieren (pink ist toll, aber versuch mal eine Haarklammer in einer anderen satten Farbe zu finden … rot und schwarz zählen nicht!).

Grade verheddere ich mich auch vor allem in Pronomen. Es gibt kein Pronomen mit dem ich mich wohl fühle in der deutschen Sprache. Es gibt „sie“ und „er“ für Menschen, die jeweils Männer* und Frauen* bezeichnen. Ich kann sie umdeutend aneignen um mich zu bezeichnen, wie es auch andere Non-binaries teilweise tun. Für mich ist das grade vor allem ein Notbehelf. Ich bin daran gewöhnt, als Frau* gelesen zu werden, auch wenn das nicht meiner Selbstverortung entspricht. Ich bin daran gewöhnt, dass über mich als Frau* gesprochen wird und dass ich als Frau* mitgemeint bin.
Es ist für mich schwierig, von anderen Menschen zu fordern, das anders zu handhaben, zumal ich ihnen für das Problem „Wie denn?“ auch nur Notlösungen anbieten kann. „Er“ und „sie“ im Wechsel zu verwenden macht eine Art Raum auf für mich, andererseits bezeichnen mich halt beide Pronomen nicht wirklich. Die Vorschläge von Lann Hornscheidt und Anna Heger mag ich für ihr Vorhandensein, finde sie aber nicht wirklich praktikabel. Oder vielleicht fehlt mir auch grade einfach nur die Kraft und das Selbstbewußtsein, mich für solche Vorschläge stark zu machen?

Leider hake ich jetzt noch mehr an einer Stelle, an der ich vorher dachte, einigermaßen klar zu kommen.
Will ich in einem Raum sein, in dem nur das generische Femininum genutzt wird? Mein Kopf sagt: Ja, kein Problem, ich werde ja soweiso ständig als Frau* gelesen. Und deshalb identifiziere ich mich auch politisch mit vielen Anliegen von Frauen*. Grade wenn die Entscheidung zum generischen Femininum eine politische ist, finde ich das total nachvollziehbar und okay.
Fühlen tu ich: NEIN! AUF KEINEN FALL!!
Der Kopf fragt: Aber wieso denn nicht, hey was ist der Unterschied? Außer dass die einen „sie“ sagen, weil sie es nicht besser wissen. Die anderen deine Existenz sogar anerkennen und akzeptieren, aber an dieser für sie wichtigen symbolischen Sprachhandlung festhalten wollen?
Das Gefühl schweigt sich aus, aber es sträubt sich mit Händen und Füßen gegen diesen Raum. Ich finde es schwierig, das ernst zu nehmen und mit dieser neuen Empfindlichkeit umzugehen. Bin noch so ein bisschen ratlos damit.

So geneigte_r Leser_in, jetzt hast du diesen Text hinter dich gebracht und denkst vielleicht: Wie nervig, diese Non-binaries und anderen Transmenschen immer mit ihren Empfindlichkeiten! Dann denk auch bitte daran, dass es einfach Menschen gibt, die diese Empfindlichkeit nicht so oft spüren, weil sie einfach fast immer für sie stimmig angesprochen werden – es sei denn sie sind wirklich nicht gemeint. Aber die trotzdem diese Empfindlichkeiten sehr entschieden haben. Ja, ich rede von Typen. Das ist mir neulich noch einmal bewußt geworden, als ein Kollege gedacht hat, ich hätte ihn mit einer weiblichen Wortendung angesprochen. Seine Reaktion kam prompt und heftig: „MOMENT MAL! -IN?!? Und ICH?“
Für einen kurzen Moment hatte ich eine Ahnung für diese Selbstverständlichkeit, mit der einer für sich in Anspruch nehmen kann, immer und überall korrekt gegendert zu werden.
Nehmen will ich ihm das nicht, aber auch gerne beanspruchen können für mich und andere FLTIQ*, die noch viel zu oft ignoriert werden.

So zum Schluss noch ein kleines Comic über das tragbare schwarze Loch, für alle die mich mit meinen vielen Fragen und meinem Ärger über erlebtes nicht alleine lassen. Weil das ist noch besser.
Comic über ein Kind, das mit einem Schwarzen Loch an der Leine spazieren geht. Das Schwarze Loch frisst die Zuschreibung, mit der eine andere Person an das Kind heran tritt.