Archiv der Kategorie 'Zwischenmenschenräume'

~ my pronouns are not about how you feel great respecting them ~

dieser text richtet sich vor allem an menschen, für die es neu ist, dass ihr gefühl für das geschlecht, für die pronomen anderer menschen nicht immer stimmen muss. selbst wenn sie sich sehr sehr sicher sind. es ist ein langer innerer monolog, der entstanden ist, weil ich in meinem alltag immer wieder damit konfrontiert bin. es ist jeweils eine lernsituation für die andere person. diese ist sich dessen nicht immer bewußt. und auch für mich. ich bin mir dessen auch nicht immer bewußt. der text kann gerne weitergegeben, kommentiert, verändert, ergänzt werden.

pronomen sind nichts, was von außen zu sehen ist

okay, nun ist es also neu für dich, dass eine person, die du einem bestimmten geschlecht zuordnest, dort gar nicht ist. du bist vielleicht verwirrt, wie das sein kann. pronomenverwirrungen kenn ich. wichtige selbsterfahrungsmomente für mich fanden auf veranstaltungen mit pronomenrunden statt. soweit ich mich erinnere, war ich mit „sie“ nie sonderlich glücklich, aber es fühlte sich halt angewachsen an. ich sah keinen ausweg, das abzuschütteln. plötzlich musste ich mich aktiv positionieren. also was tun? sich selbst das „sie“ anheften? fühlte sich scheiße an. andere pronomen wählen? durfte ich das denn einfach so? ich hatte ja lange haare und sogar einen rock an! ich sah keine wirkliche handlungsoption, stammelte irgendwie rum und war heimlich wütend auf die menschen, die mich mit diesem konflikt konfrontierten.

aber ich lernte auch: pronomen von anderen menschen sind nichts, was ich immer sehen kann. so kompliziert ist es aber trotzdem nicht. ich kann nachfragen. wenn ich einen fehler mache, kann ich mich entschuldigen und verbessern.

deswegen glaube ich, dass im grunde alle menschen das lernen können. wenn du dich dagegen sperrst, fänd ich’s ziemlich cool, wenn du schaust, was es mit dir zu tun hat. und das nicht an der person auslässt, von der du grade irritiert bist.

taking space / platz nehmen

jetzt weiß ich, dass ich mich sehr viel wohler fühle, wenn andere pronomen für mich benutzt werden als „sie“. und es ist verdammt kompliziert. denn leider glauben menschen von außen das „sie“ an mir zu erkennen. und viele glauben nicht, dass sie sich irren können. die „sie“s fliegen mir um die ohren, und manchmal gehe ich darin unter. darauf folgende sätze lassen mir nicht den platz, um zu reagieren. es geht ja grade um ein thema, und das für mich grade aufploppende thema ist für die andere person unsichtbar. kann ich das gespräch unterbrechen, um es auf den tisch zu stellen? es fühlt sich so schwer an. sollte ich wirklich?

ich fänd’s nett, wenn du platz dafür machst und versuchst zu bedenken, dass du mit deiner einordnung anderer menschen falsch liegen könntest. dass du fehler machst ist kein drama. das drama ist die halsstarrigkeit, mit der viele menschen auf ihren einordnungen beharren.

transfeindlichkeit von außen und innen

ich beobachte grade, wie das, was es für mich so schwer macht, viel transfeindlichkeit und cisnormativität ist. grade in pronomensituationen schimmert sie durch die oberfläche.

dass menschen glauben, pronomen von außen sehen zu können, und ihr gefühl dazu als tatsache hinstellen.
dass menschen irritiert sind und sehr kreativ versuchen, mich misszuverstehen, wenn ich sie verbessere.
dass menschen glauben, sie hätten mitzureden, wenn ich ihnen meine pronomen sage.
dass menschen sich unfreiwillig in eine lernsituation gestoßen fühlen dadurch, dass es nicht so läuft wie sie es kennen und den frust darüber an mir auslassen.
dass menschen glauben, dass die art wie sie durch die welt gehen so viel einfacher, normaler und vor allem natürlicher sei.

„soll ich mich jetzt schlecht fühlen, oder was?“
„ich werde dich nicht mit ‚er‘ bezeichnen.“
„mein pronomen ist offensichtlich ’sie‘, haha!“

das schlimme ist, dass dies alles nicht nur von außen kommt, sondern in mir drin ist. das macht es mir oft schwer, überhaupt zu reagieren, wenn ich misgendert oder falsch angeredet werde. ich schiebe den stein, der mir auf den fuß fällt unter den tisch, statt ihn aufzuheben und für alle sichtbar darauf zu deponieren. warum sollte ich einen stein auf den tisch legen? es ist ja nicht vorgesehen.

dagegen muss ich beim platz nehmen ankämpfen. es ist auch für mich eine lernsituation, immer wieder. immer wieder ignoriere ich den stein auf meinem fuß, bin sauer auf mich, weil ich den schmerz fühle, den er verursacht. immer wieder schlucke ich, wenn ich’s mal nicht ignoriere, eine entschuldigung runter, weil ich’s kompliziert mache.

absurderweise fällt es mir ein winzig kleines bisschen leichter, seit ich angefangen habe, körperlich zu transitonieren. obwohl noch nichts zu sehen ist, fühle ich mich berechtigter in meinem anliegen, nicht misgendert zu werden. auch das ist internalisierte transfeindlichkeit, glaube ich. denn unbewusst scheine ich davon auszugehen, dass ich meiner umgebung irgendeinen beweis für meine echtheit schuldig bin, um respektvoll behandelt zu werden. jetzt wo ich diesen beweis erbringe, erwarte ich diesen respekt dann aber auch von ihr. ich muss aufpassen, dass ich mir vom ärger darüber, was ich so alles verinnerlicht habe, die neue leichtigkeit nicht zerfressen lasse. weil ich nicht mag, was aus dieser annahme so alles folgt.

ich weine. wie unmännlich. darf ich mich überhaupt mit „er“ anreden lassen?
und was ist, wenn ich mal wieder einen rock trage oder mir die fingernägel lackiere?
oder wenn auch nur das halstuch die falsche farbe hat?

all diese zweifel sind immer wieder in meinem alltag, und dass ich mich noch aktiv mit professionellem gatekeeping auseinander setzen muss, macht es nicht besser. ich zweifele, dann bin ich wütend auf mich selbst, dann bin ich wütend auf die situation in der ich bin. es ist anstrengend. aber grade deswegen sind diese lernsituationen für mich auch ganz schön gut und ich habe beschlossen sie zu feiern, auch wenn’s schwer fällt.

ich fänd’s nett, wenn du auch versuchen würdest, dass ein bisschen mit zu feiern. und nicht patzig reagierst, wenn ich dich auf einen fehler aufmerksam mache. auch wenn ich vielleicht patzig bin, weil es schon das dritte mal an dem tag ist, dass ich jemanden korrigieren muss. ich fänd’s cool, wenn du bedenken könntest, dass es mut und stärke erfordert, das misgendern anzusprechen. ich fänd’s schön, wenn du dich nicht rausredest und mir aufdrückst, warum du jetzt grade denkst, dass du mit dem falschen pronomen aber richtig lagst.

my own private pronoun awareness week

um mich bewußt damit zu beschäftigen, habe ich diese woche für mich zu einer privaten pronoun awareness week erklärt. in meinem kalender steht in großbuchstaben:

~ if you misgender me, i‘ll kindly remind you that it’s not yours to choose who i am. ~

ich mag diesen satz sehr. vielleicht sticke ich ihn auf ein stück stoff und hänge ihn über meine zimmertür. leider kann ich nicht sticken, weil ich das bislang zu feminin konnotiert fand, um es zu lernen. aber lernsituationen sind ja gut, nech? und fahrräder reparieren habe ich schließlich auch gelernt. na ja, zumindest ein bisschen.

und sorry, not sorry: wenn menschen sich unwohl fühlen, weil sie durch mich daran erinnert werden, dass pronomen eben nicht angewachsen sind, dann ist das eben so. irritation ist manchmal ganz schön gut. wie gesagt, mach was daraus. vielleicht hilft es dir auch weiter, mehr über dich und dein verhältnis zu geschlecht, spache und lernen zu erfahren.

Mehr Fell

Ich will ein dickeres Fell. Für all die Momente, in denen ich falsch gelesen, falsch angeredet und misgendert werde. Für die Momente, in denen ich quatschige Diskussionen führen muss. Oder in denen ich mich entscheiden muss, ob ich jetzt darüber diskutiere, dass schon wieder Körper mit Geschlecht gleichgesetzt werden. Oder ob ich es einfach übergehe, weil ich genausogut am Strand fegen könnte. In denen ich wütend werde, weil mir schon wieder ein cis hetero Mensch sagt, dass SIE ja keinen Wert auf Label legt im Gegensatz zu MIR. Oder wenn mir schon wieder nur Mann oder Frau zur Auswahl geboten wird, wenn ich einfach nur Pizza im Internet bestellen will. Oder oder.

Weil all das passiert so täglich, dass es mich müde macht. Und wenn es mich trifft und ich das grade nicht ignorieren kann, dann mach ich es mir womöglich noch selbst zum Vorwurf. Was bin ich so empfindlich, was reg ich mich so drüber auf. Ich hätte ja gerne diese Achtlosigkeit, Menschen einfach mit einem Schulzerzucken zu korrigieren, einen Brocken Widerspruch hinzuwerfen oder sie mit ihren indiskreten Fragen auflaufen zu lassen. Ich hätte gerne ein Flauschefell, das ich mir um die Schultern ziehen kann.

Und was ich nicht will, ist mir meine Gefühle nicht auszureden. Wenn ich wütend oder traurig bin, dann ist das eben so. Es ist nur sehr ermüdend, es macht mich nicht grade geistreicher, es strengt an ohne zu glitzern.
Ich will mir auch Menschen nicht mehr so gerne egal machen, das kann ich zwar gut, aber es macht auch sehr höhnisch und einsam. Ach nee.

Ich hätt so gerne dieses Fell.

Schrittdouble

Montagmorgen. Grau, herbstig. Der Regen hatte noch nicht angefangen, war hing aber bereits in den Wolken.
Ich ging zur Arbeit. Auf halber Strecke, auf Höhe der Mensa, hörte ich Schritte hinter mir.

Sie klangen genauso wie die Schritte einer lieben Freundin. Auf eine bestimmte Art und Weise schlurfig. Ich wusste freilich, dass sie es nicht war, denn sonst hätte sie mich längst erkannt, aufgeholt und etwas gerufen.
Trotzdem blieb der Impuls, mich umzudrehen und statt der tristen Lohnarbeit einfach mit ihr nen Kaffee in der Mensa zu trinken. Zeit zu stehlen. Ich wollte mich aber nicht umdrehen, um eine fremde Person zu sehen.

Später wurde ich etwas langsamer, weil ich etwas auf einem Plakat lesen wollte. Die Person, zu der die Schritte gehörten, überholte mich. Es war echt nicht meine Freundin, aber sie* trug tatsächlich dieselben Schuhe wie sie sie lange Zeit getragen hatte. Ansonsten war sie unfassbar schön und elegant gekleidet und schwebte_schlufte an mir vorbei in die Uni.

Jetzt stehle ich die Zeit, um diesen Text zu schreiben.

___________
* Zugeschriebenes Pronomen, dessen Richtigkeit ich nicht erfragt habe

Diagnosefoo und Alltagssprache und warum ich will, dass die beiden nicht so viele Wege zusammen gehen

Erstmal

Dieser Text liegt schon eine Weile in der Schublade. Ein Teil davon ist Angst. Ein Teil davon ist „aber vielleicht bin ich nicht betroffen genug / falsch betroffen, um darüber zu schreiben“. Beides sind keine guten Gründe, etwas nicht zu sagen. Neulich erinnerte ich mich in einem Gespräch daran, dass ich das hier mal geschrieben habe. Und jetzt steht es hier. Wenn Du Dich davon angegriffen fühlst, kannst Du gerne mit mir darüber diskutieren. Ich weiß, dass ich hier ein Fass aufmache, das gerne mal explosiv ist. Es geht mir hier nicht darum, zu verletzen oder zu verurteilen, sondern über meinen eigenen Umgang nachzudenken und dies transparent zu machen. Nicht zuletzt weil ich Ansprüche, die ich hier formuliere, auch selbst wahrscheinlich nicht hundertprozentig umsetzen kann. Darum geht es mir auch gar nicht. Sondern eher um die Richtung, in die ich gerne denken möchte. Trotzdem können, sobald ich Werturteile äußere, Verletzungen passieren. Grade wenn menschen sowieso schon aufgrund ihrer Erfahrungen oder positionierung verletzlich sind. Dafür will ich offen sein.
Und vielleicht ist es ja auch für einige Menschen einfach interessant was andere dazu denken. Vielleicht ist es auch einfach nicht so viel neues.

Vom Wortefinden zum Worteverlust

Für mich ist es enorm wichtig mit Sprache umzugehen für mein tägliches Leben. Worte für etwas zu finden oder nicht macht oft einen großen Unterschied dafür, wie ich mit etwas umgehen kann. Auch dafür, wie viel Macht etwas bekommt. Wann ich Machtverhältnisse sehen, reflektieren und vielleicht auch unterwandern kann.

Ich finde es persönlich schwierig, Worte aus dem medizinischen Fachjargon in mein Alltagsvokabular zu übernehmen. Trauma, Trigger, Flashback, Dysphorie – das alles sind solche Worte die sich irgendwie einschleichen und die im ersten Moment viel erklären. Es sind aber auch Worte, die mich auf diese Erklärungen reduzieren und die suggerieren, dass es objektive Bewertungsmaßstäbe dafür gibt. Dadurch geschieht ein seltsamer Widerspruch. Einerseits verschwindet das subjektive Erleben dahinter. Also mein Erleben als einzigartiger Einzelmensch hinter dem psychiatrischen Vokabular. Und das nimmt mir gefühlt die Macht, als Einzelmensch mit meinem Erleben so umzugehen wie ich das für gut und richtig halte. Das Gefühl schleicht sich vor allem dann ein, wenn diese Worte exponenziell verwendet werden – sei es nun in meinem Kopf, in meiner Sprache oder im Szenecode.

Am Beispiel „Trigger“

Andererseits wird mein Einzelerleben der gesellschaftlichen Dimension beraubt und reduziert auf meine (kranke) Wahnehmung. Es ist gut, dem Einzelerleben einen Zusammenhang zu geben. Dafür würde ich aber lieber politisches Vokabular verwenden als medizinisches / psychologisches. In diesen Zusammenhang würde ich meine Gewalterlebnisse stellen wollen und auch meinen Umgang damit. Dass ich dabei Gegenstand professioneller psychologischer Praxis werde ist für mich eher so ein Nebeneffekt des Lebens in der Gesellschaft wie sie sich grade dastellt – keine identitätsstiftende Angelegenheit. Auch wenn es mir eine Zeitlang geholfen hat, mich mit den psychologischen Begriffen auseinander zu setzen, um zu verstehen, warum ich z.B. in manchen Situationen so oder so reagiere und warum es so viele weiße Flecken in meinem Gedächtnis gibt.

Inzwischen finde ich eher, dass ich mir etwas nehme, wenn ich alles was mich krass emotional angeht und innerlich aus dem Lot schlägt als Trigger klassifiziere und es dabei bewenden lasse. Ich finde es für meinen Umgang damit total wichtig, zu hinterfragen warum mich das so angeht und was ich daraus für Schlussfolgerungen ziehen will. Und auch welchen Zusammenhang das mit meiner gelebten politischen Praxis hat.

Zu dieser politischen Verortung gehört auch, dass ich eine Vorstellung davon habe wie die Gesellschaft anders organisiert sein sollte als sie es jetzt grade ist. Ich finde dass es ein Unding ist, dass sich so oft die die Opfer von Gewalt geworden sind derer schämen – und nicht die Täter. Und dass oft das Erlebte nicht beschrieben, gesagt werden kann. Ich habe in meinem Kopf so eine Utopie, dass irgendwann die die Gewalt erlebt haben nicht mehr die Klappe halten, sondern auspacken. Und zwar alle. Als Unmissverständliche Botschaft auch an die Täter_innen: Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass die Person die ich grade misshandle darüber schweigen wird. Das was ich grade tue wird herauskommen, spätestens wenn die Machtverhältnisse die ich grade ausnutze nicht mehr gegeben sind. Und dann werde ich mit Konsequenzen zu rechnen haben. Was mich selbst an dieser Utopie stört ist die Tatsache, dass sie zu viel Verantwortung für das Beenden von Gewaltverhältnisse an deren Opfer gibt. Das setzt mich manchmal selbst ein bisschen unter Druck, aber andererseits ist das auch teilweise ein guter Druck: Mich mit der Verteilung von Scham wie sie grade ist nicht abzufinden und ihnen etwas entgegen zu setzen. Außerdem ist es eine schöne Vorstellung, dass nicht alles so bleiben muss wie es ist. Und es ist ja nicht schlecht individuell Verantwortung zu übernehmen für gesellschaftlich relevantes Handeln. Außerdem habe ich eindrucksvoll erlebt was es heißt, von erlebter Gewalt schweigen zu sollen, weil es für andere zu krass ist. I don‘t wanna play that game.

Das spielt auf jeden Fall krass rein in die Beurteurteilung dessen was mich evtl. antickt und der normativen Bewertung, die ich damit vornehmen will. Wenn es um Gewaltinhalte geht und nicht um irgendwelche random Trigger wie bestimmte Gerüche, Elektrogeräte, Alltagsfloskeln, whatever. Diese Trigger gibt es ja auch noch und so ein bisschen führen sie meiner Meinung nach die Forderung alles potenziell triggernde zu verschlagworten und davor zu warnen ad absurdum.
Wenn ich jemandem eine reinhauen will, weil er_sie mir grade einen schönen Sonntag gewünscht hat, ist das verdammt noch mal mein Problem und ich muss mich selber darum kümmern. Wenn ich die Person gut kenne, kann ich sie bitten, diese Formulierung in Zukunft zu lassen. Und vielleicht auch sauer sein, wenn er_sie es nach x mal bitten immer noch nicht verstanden hat und mir wieder einen schönen Sonntag wünscht. Aber letzten Endes muss ich irgendwie damit klarkommen, dass diese Formulierung ein Fallstrick für mich ist. Das würden wahrscheilnlich auch viele Triggerwarnungsbefürworter_innen so sehen. Aber Leute die sich von Schweigegeboten emanzipieren wollen für die ausgelöste Reaktion verantwortlich machen? So ungerecht!

Selbstverständlich gibt es Momente, in denen mich wütend macht dass sexualisierte Gewalt thematisiert wird! Oder besser: Wie!
Redet z.B. grade ein_e Betroffene_r um Gewaltverhältnisse sichtbar zu machen? Oder hat sich mal wieder irgend ein weinig findiger Krimidrehbuchschreiber einen unlustigen plot twist ausgedacht, um seine dröge Geschichte ein wenig aufzupeppen oder eine Figur authentischer scheinen zu lassen? Geht es um Erkenntnis? Oder geht es um Instrumentalisierung von Betroffenen für autoritäre Zwecke? Geschieht hier Empowerment oder wird Angst geschürt? Wird der patriarchale Blick auf Gewalt reproduziert oder gebrochen? Bin ich grade wütend weil ich getriggert wurde und Abstand brauche, oder weil kacke mit mir umgegangen wird und ich mir das nicht bieten lassen will?

Und wenn einer der anderen Fälle vorliegt, finde ich es total wichtig, genau das zu kritisieren. Nicht: Dass ich getriggert wurde. Sondern z.B., dass ein Typ in einer polemischen Mail Gewaltschilderungen benutzt um einen bestimmten Effekt zu erreichen. Oder dass sexistische, diskriminierende Kackscheiße (re)produziert wurde. Etc.

Ab davon ist es für mich individuell total wichtig, für mich zu sorgen und damit umzugehen, wenn ich überfordert bin. Egal ob es sich um ein Lied handelt das grade gespielt wird oder um jemanden der_die mir grade etwas erzählt, das ich nicht hören will. Ich darf Grenzen setzen und auch das will ich üben. Ich bin nicht verpflichtet, mir irgendetwas anzuhören und auch nicht immer dazu in der Lage. Ich muss auch nicht alles toll finden, nur weil es irgendwie feministisch ist und Gewalt thematisiert. Das ist dann meine Verantwortung, das zu kommunizieren. Ich finde es auch gut, wenn Filme, Vorträge und Texte aussagekräftig angekündigt werden, so dass ich überlegen kann, ob ich heute hingehen will. Aber darüber würde ich normativ nicht so stark werten wollen wie z.B. Instrumentalisierung von Gewalt für dies oder das. Das ist für mich ein Unterschied und ich finde es für mich wichtig, den herauszuarbeiten, bevor ich das anderen Menschen kommuniziere. Das klappt natürlich nicht immer und geht auch manchmal ganz schön daneben. Wie gesagt es ist ein Anspruch den ich an mich selbst habe und an dem ich übe und nichts, was ich perfekt kann oder von dem ich von mir oder anderen verlange dass es immer so klappt. Aber es kann auch ein Teil vom Klarkommen mit diesen Trigger Dings sein, sich diese Fragen zu stellen. Nicht zuletzt deswegen, weil vielleicht ein Teil der Wut die gefühlt wird nicht Resultat einer verschobenen Wahrnehmung aufgrund erlebter Gewalt ist, sondern im vielzitierten hier und jetzt ganz berechtigt.

Und das finde ich dann nämlich ganz schön wichtig zu wissen.

Am Beispiel „Dysphorie“

Wie ich meinen Körper wahrnehme und wie ich mich darin wohlfühle(n würde) und wie der ist stimmt nicht überein. Als ich zum erstenmal davon gelesen habe, dass es auch anderen so geht, wurde das Wort Dysphorie benutzt und mir ist eine Welt aufgegangen. Eine Welt in der das auch irgendwie „normal“ ist dass es mir so geht, und in der ich danach streben kann dass der Körper modifiziert wird, so dass ich besser mit dem leben kann. Trotzdem gehört auch dieses Wort zu den Worten, die ich nicht in meinen aktiven Sprachschatz übernehmen will. Und zwar hier noch viel deutlicher deswegen, weil es nicht ohne Zusammenhang daherkommt, sondern einen für mich direkt erfahrbaren Machtapparat mitbringt.

Ob ich körperlich transitionieren darf oder nicht, bestimmt (zu meinem eigenen besten natürlich) nicht ich, sondern Psycholog_innen. Die sprechen mit mit, am besten über längere Zeit, um festzustellen dass ich auch wirklich und wahrhaftig die richtige Krankheit (ach neee ist ja keine krankheit mehr, aber irgendwie doch, ich weiß ja auch nicht!) auf die richtige Art und Weise habe, um diese Behandlung zu bekommen. Mein eigenes Erleben, jahrelange Versuche mich mit dem Körper so wie er ist anzufreunden oder mich mit einer Identität als Frau abzufinden, plus meine Willenserlärung zählen nichts ohne einen Zettel, der es bestätigt. Nun ist es aber so, dass ich der Person die mir diesen Zettel schreibt wahrscheinlich noch nicht einmal mein wirkliches Erleben darlegen kann, sondern auf Stereotype ausweichen muss. Non-binary Transmenschen wie mich gibt es nämlich in (deren) Wirklichkeit gar nicht, sondern nur Männer und Frauen. Also muss ich möglichst effektiv so tun, als wäre ich ein Mann – oder relativ bald genug Geld verdienen, um mich irgendwo im Ausland operieren zu lassen. Letzteres ist leider utopisch. Ihr versteht vielleicht den Druck, den das erzeugt.

Wie reagieren Psychotherapeut_innen auf diesen Druck?
Eine der Personen, Sophinette Becker, die die „Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen“ mitgeschrieben hat, erklärt in einem Text, der auf der Internetseite http://www.hivandmore.de/ zu finden ist:

„Bei PatientInnen mit transsexuellem Wunsch kommt es oft schon in den ersten Gesprächen zu erheblichen Konflikten und Verständigungsproblemen. Deshalb ist es wichtiger, zunächst einen tragfähigen Kontakt zu ihnen herzustellen, als möglichst rasch sämtliche für eine „richtige“ Diagnose relevanten Daten zu erheben. Viele PatientInnen stellen zunächst retrospektiv stark korrigierte, „konfliktfreie“ Biographien dar, um als transsexuell eingestuft bzw. im Wunschgeschlecht anerkannt zu werden. Eine (reaktive) detektivische Haltung des/r UntersucherIn erhöht nur den Druck, unter dem die PatientInnen stehen, und versperrt den Zugang zu ihnen.

Die weiterführende Diagnostik ist i.d.R. nicht in einigen wenigen diagnostischen Gesprächen, sondern nur in einer längeren Verlaufsdiagnostik möglich.“

Ohne scheiß, ich finde: Körper gehören denen, die drin wohnen! Und jeder der zitierten Sätze redet vom Gegenteil. Nicht Machtverhältnisse werden als das Problem gesehen über das dringend geschrieben werden muss, sondern die Art und Weise, wie Transmenschen damit umgehen. Das macht mich so wütend.

So wie es aussieht bemühe ich mich um eine Transition und bin dafür darauf angewiesen, dass ich den Stempel „Wirklich Trans“ von eine_m Psycholog_in bekomme. Aber ich mag mich abseits davon nicht mit einem System identifizieren, das so mit mir (und vielen vielen anderen) umgeht. Ich mag in meiner Alltagssprache versuchen, andere Worte für meine Gefühle zu finden. Auch wenn ich dafür vielleicht manchmal einen Umweg gehen muss. Dass diese Normen mich beeinflussen – z.B. wenn ich bis ins kleinste Detail darüber nachdenke, was ich zu einem Gespräch mit dem Psychotherapeuten anziehe – passiert sowieso, ich kann mich dem nicht entziehen und muss mich da auch teilweise anpassen, wenn ich bekommen will was ich brauche. Aber ich muss das auch nicht fördern. Ich glaube auch nicht, dass ich die Autorität der Gatekeeper_innen untergrabe, indem ich ihre Worte auf mich anwende. Vielleicht auch, um bewußt oder unbewußt zu sagen: Ja ich bin wirklich trans, ich erfülle die Kriterien! Zur Hölle mit objektiven Kriterien dafür! Was ist mit Menschen, die keine Dysphorie haben, aber trotzdem trans sind? Die haben genauso ein Selbstbestimmungsrecht über ihre Identität und ihren Körper zu haben wie ich!

Und wenn ich davon reden will, wie schwierig das Sein unter diesen Umständen für mich ist – glaube ich, dass mir andere Worte viel besser helfen. Grade wenn es um meinen Körper geht möchte ich mir Worte aneignen, die nicht aus dem Wörterbuch sind, das von solchen Autoritäten geschrieben wurde. Ich will ja auch eigentlich, dass die Menschen mit denen ich rede sich für meine Lebenswirklichkeit interessieren und nicht für die der Therapeut_innen. Oder für diese v.a. kritisch.

Ich habe jetzt geschrieben: Therapeut_innen reagieren so. Ich hoffe selbstverständlich, dass nicht alle so reagieren. Ausnahmen, Menschen die anderen Menschen Entscheidungen über ihren Körper selbst zugestehen, gibt es auch da draußen und sie sind so wichtig. Ich hebe grade das andere Extrem hervor, weil das im wahrsten Sinne des Wortes die Regel ist.

Schluss

Ich könnte jetzt nocht mehr Beispiele Anfügen… Depression, Soziophobie (habe ich eine zeitlang exponetiell genutzt), solche Worte schleichen sich ständig in meinen Wortschatz und leben sich ganz gut ein. Bevor ich zum Ende komme, mag ich aber noch ein kurzes Plädoyer gegen Authentizität halten. Diese könnte ich ja jetzt als Fahne hochhalten um zu erklären, warum ich möchte, dass diese Worte nicht verwendet werden. Aber darum geht es mir nicht. Authentizität ist etwas an das ich nicht glaube. Authentizität ist andererseits herum auch etwas, was ich mir leisten können muss. Während ich vor einem Psychologen sitze, der mir bestätigen soll, dass meine Wahrnehmung von mir stimmt und ich es verdiene, behandelt zu werden, kann ich paradoxerweise nicht unbedingt meine Wahrnehmung schildern, weil das Förmchen dann nicht durchs Kästchen passt. Da muss ich selbst Konzessionen machen, es sei denn ich will auf die im Rahmen des Möglichen mögliche Hilfe verzichten.

Außerdem mag ich noch sagen, dass es mir hier nicht darum geht, andere, die die Worte für sich benutzen, moralisch zu verurteilen. Ich denke für mich darüber nach, wie ich mein Sprachhandeln gestalten will. Was leider auch nicht heißt, dass ich mich freimachen kann davon, mit diesem Machtsystem zu kooperieren – z.B. transitionieren zu können, was sich für mich relativ dringend notwendig anfühlt. Für viele Menschen ist es so, dass die besprochenen Wörter überhaupt erstmal die Möglichkeit geben, Erlebtes auszudrücken, weil Psychologie nunmal in unserer Gesellschaft der Raum ist, in dem abweichendes Bew_ortet wird. Das will ich nicht nehmen oder verurteilen. Da unterscheide ich ganz klar zwischen dem System, das einigen Macht verleiht über andere, und Betroffenen, die in_mit diesem System irgendwie klarkommen müssen_wollen. Möchte ich ja auch. Ich mag mich mit Menschen solidarisieren, die Gewalt, die in diesem System passiert, thematisieren, auch wenn das zuweilen unbequem ist. Das ist mir wichtig.

„Verkopft“

Dass ich verkopft bin, haben schon viele Menschen zu mir gesagt. Ich glaube auch, das das stimmt. Neulich sagte so eine dahergelaufene Cisperson zu mir, dass generell Transleute ihr zu verkopft seien. Grade die mit diesen komplizierten Geschlechtern. Das hat mich ziemlich zum Nachdenken gebracht, weil ich das erstmal so überhaupt nicht fand. Ich fand eher ihre Aussagen schwierig nachzuvollziehen und teilweise auch sehr verletzend. Der Opener für das Gespräch war, dass jemand ihr mal vorgeworfen habe, transfeindlich zu sein. Sich unter dem Deckmantel der Allgemeinverständlichkeit wähnend, wollte sie dann von mir Zustimmung dafür, dass das Quatsch sei. Ging irgendwie nach hinten los.

Jedenfalls, verkopft.

Im Nachhinein dachte ich, dass für sie der Eindruck vielleicht auch dadurch entsteht, dass sie ihren Kopf anstrengen muss, um zu verstehen, was bei den Transmenschen, mit denen sie gesprochen hat, eigentlich abgeht. Ihre eigene Position erscheint ihr natürlich und einfach (nicht im Sinne von „diskriminierungsfrei“ oder „leicht dort zu leben“, sondern im Sinne von „allgemeinverständlich“). Und warum diese komischen Transmenschen verletzt reagieren, wenn irgendwelche dahergelaufenen Fremden ihnen erklären, dass doch alles ganz einfach sei, kann sie nicht begreifen. In unserem Gespräch folgte dann von ihr eine längere ungefragte Erläuterung ihres Begehrens, in der sie mehrfach Menschen direkt oder indirekt ihr Geschlecht absprach und größtes Gewicht darauf legte, was diese in der Unterhose haben. I really didn‘t want to know.

Und ich muss meinen Kopf auch anstrengen, um mich in dieser patriarchalen Cishet-Welt irgendwie durchzufuchsen und zu erklären. Weil ich nicht so einfach auf Worte zurückgreifen kann, um mich oder meine Erfahrungen zu beschreiben. Alles muss erst aus der W_Ortlosigkeit übersetzt werden. Diese Anstrengung merkt man mir vielleicht manchmal an. Es ist zuweilen sehr lähmend. Es ist zuweilen ein Gefühl das an den Versuch erinnert, mit dicken Handschuhen über den Fingern einen komplizierten Knoten zu lösen. Nur fällt es mir immer noch schwer, dies mit der gleichen Nonchalance wie sie meinem gegenüber als Eigenschaft anzudichten. „Mensch diese Cis-Leute, die sind immer so verkopft! Es ist ihnen so arg wichtig, dass ihr Gegenüber das Geschlecht hat, das sie ihm sehen, sonst kommen sie gar nicht mehr klar. Kein Platz für Empathie, ey!“

So. Vielleicht habe ich auch einfach nur (ein Stück von) Cis-Privilegiertheit begriffen. Tut irgendwie gut.

Und die andere Person kann ja begehren wen sie will, nur wäre es nice, wenn sie sich dann Gedanken darüber macht, wie sie das ausdrücken kann, ohne anderen Menschen ihre Identität abzusprechen. Ist leider nicht angekommen diese Anregung, fürchte ich. Fühlt sich vielleicht auch bedrohlich an, im Sinne von: Altbekanntes, Schutz gebendes, hart erkämpftes hinterfragen müssen. I know.

Ganz emotional fand ich es total toll, an dem Abend mit meiner Wut und einem winzigen bisschen Verzweiflung nicht alleine zu sein, sondern sehr solidarische Menschen um mich herum zu haben. <3