Mini-Zine: Schreibblockade

Greade versuche ich wieder mehr ins Schreiben hinein zu kommen. Science Fiction. Ich wette, die Welt wartet nur so auf meine Geschichten über ein queeres Frachtschiff-Kollektiv. Aber das Erzählen gestaltet sich schwierig. Das Monster heißt: Schreibblockade. Um ihm ein Bisschen die Größe zu nehmen, habe ich ein Mini-Zine darüber gemacht. Jetzt passt es immerhin in die Hosentasche.

Ihr könnt das Zine hier als *.pdf herunterladen.
Es besteht nur aus einem Blatt, durch knicken und falten könnt ihr daraus ein kleines Büchlein machen.

Eine Youtube-Faltanleitung findet ihr hier.

Happy.

Wenn ich grade einen Blogpost schreiben würde, dann wäre es einer darüber, wie glücklich ich mit der Mastek bin, die grade hinter mir liegt. Ich tüdele so durch den Tag, der Körper noch von der OP geschwächt. Alles ist etwas umständlicher als sonst, ich brauche Hilfe bei einigen Alltagsdingen (inzwischen viel weniger als noch direkt nach der OP), bin ständig müde und eigentlich bin ich sehr ungeduldig mit sowas. Zwischendurch bin ich auch jetzt mal ungeduldig. Aber ich bin glücklich.

Ich komme mir ein bisschen vor wie so ’ne Vorzeige-trans-Person, weil ich fast direkt glücklich war, als ich aus dem OP gerollt wurde. Zunächst war ich noch sehr mit existieren beschäftigt. Aber ziemlich bald nahm ich meinen veränderten Körper wahr und hatte das absurde Gefühl, dass er jetzt so war, wie er eigentlich immer schon (unter den anderen Formen) gewesen ist. Gleichzeitig: Frisch vernähte Wunden, Bewegungen schwierig, alles sprach dafür, dass es eben nicht immer schon so gewesen war. Zwei Realitäten, die mein Kopf übereinanderlegte wie Bildebenenen bei GIMP und die sich gegenseitig kaum störten. Unerwartet, weil ein_ Freund_ mich darauf vorbereitet hatte, dass ich auch erst mal traurig sein könnte, etwas verloren zu haben, mit dem ich zwar nicht klar kam, aber das trotzdem zu mir gehört hat.

Sogar der Krankenhausaufenthalt hat mich glücklich gemacht, die Pflegerinnen waren alle so nett und überhaupt. Es ist krass, wie wenig Angst ich als Mensch, der schon zu Angst neigt, vor der Op hatte. Das lag auch daran, dass alle so freundlich und lustig mit mir und auch miteinander umgingen. Viel Liebe für diese Station in einem katholischen Krankenhaus, wo es (neben allgegenwärtigen Kreuzen, Bibeln und Heiligenbildchen) total okay war, trans zu sein.

Krass war das T-Shirt-lose Herumliegen nach dem Duschen. Wie viel Sexualisierung und Scham mit großen Brüsten verbunden ist und wie schnell das verfliegt, wenn die weg sind. Und auch nicht mehr von einem erwartet wird. Damit werde ich noch einen Umgang finden müssen, zum Beispiel im Schwimmbad oder am See. Ich glaube nicht, dass ich mich meiner Narben schämen werde, aber vielleicht wird mir ungemütlich sein beim Gedanken daran, dass ich ein Privileg lebe. Und vielleicht wirkt auch noch nach, wie viel Zeit ich damit verbracht habe, meinen Körper zu verbergen, seit mir zum ersten mal als Kind / Teen ein Erwachsener hektisch ein T-Shirt brachte.

Viel Liebe auch für meine Freund_innen, Mitbewohnis und Bekannten, die für mich einkauften, mich ins Krankenhaus gebracht haben, mich dort besuchten, mir ihre Glückskatze daließen, sehr fest an mich dachten, mich nach der OP abholten, im Zug meine Tasche schleppten, mir zu Hause Essen kochten, mir Monsterbegleitung schickten, DVDs brachten, die Spülmaschine ausräumten und meine Wäsche wuschen, als ich dazu noch nicht wieder in der Lage war. Mir Gesellschaft leisteten und sich mit mir freuten. Für solidarische Menschen aus dem Internet, die mir Pflaster und Fettgaze für die Wundversorgung spendierten.

Ich freue mich zum ersten mal richtig ungebremst auf den Frühling. Keine gemischten Gefühle mehr beim Gedanken daran, nicht mehr so viele Schichten Kleidung übereinander anziehen zu können wie im Winter. Keine wehmütige Vermissung meiner Lederjacke. Bin gespant darauf, wie es ist, in der Welt unterwegs zu sein mit einem Körper, der sich für mich erstmal so okay anfühlt. Noch bin ich nicht so viel unterwegs. Aber das ist auch okay so.

Mir ist so viel gutes passiert in den letzten Wochen. Und ich wundere mich, wie viel schwieriger es ist, diesen freudigen Blogpost zu schreiben als die wütenden oder traurig-bedrückten davor.

Warten. Atmen. Grenzen.

Die Blätter leuchten unterm grauen Himmel an den Bäumen. Kälte kriecht bis in die Häuser und unter Jacken, aber die Luft ist klar und riecht fast so gut, dass ich sie trinken will. Dunkelheit nimmt sich Raum, und das will ich auch. Raum für Stille, Raum für Gedanken die für oder gegen niemanden sind. Raum für Trauer um Grenzen, die ich nicht haben durfte, um durchzukämpfen, dass ich medizinische Behandlung bekomme und mein richtiger Name auf Ausweisdokumenten stehen darf. Ich habe es geschafft, fast geschafft. Jetzt muss ich nur noch warten.

Vor ein paar Monaten habe ich mich gefragt, was ich mit der ganzen Energie mache, die in diesen Prozess fließt, wenn er vorbei ist. Ich hab mich drauf gefreut, sie für Anderes zur Verfügung zu haben. Für Dinge die sich selbstgewählter anfühlen. Jetzt frage ich mich: Welche Energie?

Auch darum will ich dieses Warten grade mit Ruhe und Stille füllen. Und mit Schweigen. Ich mag schweigen bis ich merke, dass ich reden will. Still sitzen und atmen und wahrnehmen, dass Raum um mich ist, bis ich mich wieder bewegen mag. Dass ich Kontakt haben und aus meinem Innen teilen will. Aber die Welt dreht sich weiter und knirscht und Menschen wollen Worte und Entscheidungen von mir. Zu der Trauer über die Grenzen, die ich nicht haben durfte kommt die Trauer um die, die ich jetzt nicht haben darf. Es reicht nicht, zu sagen: Ich will heute Abend nicht sprechen. Irgend etwas ist immer wichtiger. Ich habe auch ein Bedürfnis nach Nähe und Gemeinsamkeit, ein sehr großes sogar. Aber ich würde mir wünschen, dass ich selbst bestimmen kann, wann ich bloß koexistieren will und wann konkret ich mich ver-antworte. Grade deswegen. Ich fühle mich plötzlich noch hautloser, weil der Druck von außen weg ist und ich deswegen ein wenig meine Form verliere. Weich werde. Ich muss nicht mehr kämpfen. Ich würde mir wünschen, dass ich hautlos und weich wie ich bin auch in Gemeinsamkeit da sein darf, bis mein Fell nachgewachsen ist. Ich würde mir wünschen dass es klappt, gemeinsam Zeit mit Menschen die ich mag zu verbringen, auch wenn ich das alles grade schwierig finde. Ich würde es mir gerne ein wenig gut gehen lassen nach dieser schwierigen Zeit, auch wenn ich das nicht gelernt habe und nicht so richtig weiß, wie das geht.

Es ist erstaunlich schwer. Auch ich selbst finde es schwer, meine Grenzen zu respektieren und anzuerkennen. Und nicht nur unter ihnen zu leiden, während ich anderes mache. Ich will so viel machen, ich will so viel da sein. Ich will mich ver-antwortlich verhalten. Ich will nicht verletzen durch Zurückweisung. Begrenzt sein ist scheiße. Und ich weiß dass man schnell sehr alleine ist, wenn man nicht machen und abrufbar sein will. Und ich weiß dass es sehr schwer ist zu vermitteln, dass man nicht abrufbar sein will, wenn man nicht wirklich nicht kann. Dass so etwas wie ein Gespräch überhaupt schon anstrengend sein kann. Dass ich ein ärztliches Attest brauche, um ein Gespräch nicht führen zu müssen, kommt mir plötzlich gar nicht so absurd vor. Ich will das so nicht, das muss auch anders gehen. Mirselbstgehörungsromantik, ja. Mehr Fell, ja.

Zeit und Raum schaffen für Nichts, für nur das Wahrnehmen von Zeit und Raum? Gar nicht so leicht! Aber vielleicht lernbar. Und vielleicht auch vereinbar mit: Dinge gemeinsam organisieren, gemeinsame Prozesse haben, nicht allein sein. Ich hoffe es.

„Es ging ja gar nicht um trans*!!!“ – Cissexismus 101, ein Versuch

Immer wieder (zuletzt in den Kommentaren eines Artikels, den ich hier nicht verlinken möchte, aber auch schon in Offline-Diskussionen) höre ich das Argument „Es geht/ging ja gar nicht um trans*!“, wenn Cissexismus kritisiert wird. Ich möchte hier kurz erklären, warum das ein Argument ist, das entschieden zu kurz greift. Es weist eher darauf hin, dass die es benutzende Person sich nochmal ernsthaft mit der Herstellung und Vervielfältigung gesellschaftlicher Normalität auseinandersetzen sollte. Dein Text, deine Tagung, dein Liebesbrief etc kann auch transfeindlich sein, wenn trans Menschen mit keinem einzigen Wort behandelt werden. Ebenso kann ich inklusiv sprechen, ohne trans Menschen auch nur ein einziges mal zu erwähnen. (Ein ähnliches Argument, das ich mal gehört habe, war: „Wenn ich Cissexismus thematisieren soll, muss ich ja trans Menschen sozusagen vorführen, und das möchte ich nicht.“)

Aber was ist eigentlich Cissexismus?

„Cissexistisch“ oder „ciszentrisch“ bezeichnet Inhalte oder Bilder, die trans Menschen ausschließen oder diskriminieren, weil davon ausgegangen wird, dass cis (= nicht trans) sein der einzig gültige geschlechtliche Zustand ist. Ein alltägliches Beispiel dafür ist ein Artikel über menstruierende Menschen, der nur von Frauen redet. Einerseits werden dadurch menstruierende Menschen ausgeblendet, die keine Frauen sind. Mehr noch: sie werden gegen ihren Willen wieder in die Kategorie „Frau“ eingemeindet, der sie oft verzweifelt versuchen zu entkommen. Andererseits werden dadurch alle Frauen ausgemeindet, die nicht menstruieren. Es wird – zusammenfassend – davon ausgegangen, dass alle Menschen cis sind bzw. bestimmten Körpernormen entsprechen.

Diese Denkweise ist leider die Normalität. Und sie führt zu großen Problemen für trans Menschen, die von Ausschlüssen aus feministischen Räumen und aus Hilfsangeboten bis hin zu schlimmem Unwohlsein im eigenen Körper führt. Außerdem ist sie biologistisch, da sie Geschlecht unmittelbar an den Körper koppelt. Ich würde behaupten, dass sie dadurch auch für cis Menschen, die nicht der Norm entsprechen zu Problemen führt. Zu viel Testosteron? Das ist krankhaft(tm), denn du bist ja eine Frau! Und flugs hat ne Person, die vorher überhaupt keinen Leidensdruck hatte, sowohl eine Diagnose als auch ein Medikament an der Backe. So gibt es viele Körperlichkeiten, die nur deswegen als krankhaft gelten, weil „gesund“ so ein einengender und normierter Begriff ist. Dabei wird die Zweigeschlechternorm teilweise auch gewaltvoll und unkonsensuell künstlich hergestellt (so viel zu Natürlichkeit).

Wie sollen wir das denn sonst machen mit den Geschlechtern?

Eine andere Herangehensweise wäre die Vorstellung, das Geschlecht eines Körpers würde durch das Geschlecht seine_r Inhaber_in bestimmt. Also: Frauen haben Frauenkörper, Männer Männerkörper, Genderqueers genderqueere Körper etc. Also: mein linkes Bein ist automatisch nichtbinär, weil ich es bin. Ebenso meine Brüste, meine Augenbrauen etc. Diese Vorstellung hat in meinen Augen den Vorteil, Körper nicht unnötig zu gendern, was oft schon in den gängigen Mainstream-Artikeln irreführend ist. Wie gesagt, Körper sind vielfältig, auch Körper von cis Menschen. Und manche Vorstellungen, wie z.B. dass nur Männer sogenannte „männliche Hormone“ wie Testosteron im Körper haben, sind einfach falsch.

Außerdem wirkt diese Herangehensweise gegen die Vorstellung an, die Geschlechtlichkeit von trans Menschen sei künstlicher als die von cis Menschen. Dabei wird auch die Geschlechtlichkeit von cis Menschen in einer bestimmten Phase des Heranwachsens sozial hergestellt. Trotzdem dürfen sie ihr Geschlecht „biologisch“ nennen, trans Menschen werden jedoch dafür komisch angeguckt. Dabei sind sie doch auch biologisch, verfügen über einen Körper und dieser bestimmt auch ihre Wahrnehmung von sich als geschlechtlichem Wesen mit. Wir sind nicht irgendwelche Aliens, die in einer Energieblase auf die Erde prallten und dabei versehentlich in „den falschen Körper“ gerieten. Dass viele trans Menschen trotzdem medizinische Behandlung benötigen, weil sie mit ihrem Körper so wie er ist nicht gut leben können, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Über Körperlichkeiten könnten wir trotzdem noch reden. Wir würden halt z.B. in einem Artikel über Menstassen nicht mehr Frauen adressieren, sondern menstruierende Menschen. Auch über Verschränkungen von Körperlichkeit und (Vorstellungen über) Geschlecht könnte weiterhin gesprochen werden. Es würde aber dabei nicht (zwangsläufig) die Norm reproduziert.

Zu guter Letzt rückt diese Vorstellung Selbstbestimmung in den Vordergrund. Frauen müssen nicht mehr beweisen, dass sie wirklich Frauen sind, sondern können es einfach sein. Egal ob sie jetzt cis oder trans sind, kurze oder lange Haare haben, viel oder wenig Bartwuchs im Gesicht und egal ob sie eher Hosen oder Röcke tragen. Sie macht Schluss mit der Idee, irgendwelche „Expert_innen“ (bzw. meist cis-männliche weiße ExpertEN) könnten Menschen Geschlechter zuordnen.

Befremdung und Verwirrung

Im ersten Moment wirkt sie trotzdem auf viele Menschen beängstigend und verwirrend. Huch, das kenne ich aber anders, denken viele. Was darf ich jetzt überhaupt noch sagen? Ist dies oder jenes jetzt noch benennbar? Das ist verständlich, denn Normen engen nicht nur ein, sondern geben auch Orientierung. Grade wenn ich selbst nicht das Problem habe, zu den Abweichler_innen zu gehören, wird mir vielleicht etwas genommen. Nämlich das Gefühl, normal und damit irgendwie auch okay zu sein.

Außerdem ist Vergeschlechtlichung von Körpern ein heikles Thema. Über vieles wird nicht offen geredet, es wollen aber alle schon Bescheid wissen, um nicht naiv zu erscheinen. Viele Freiräume fühlen sich zunächst seltsam an. Die Infragestellung des Selbstverständlichen hinterlässt viele Leerstellen. Viele versuchen auch schon, diese zu füllen. Beispielsweise, in dem sie Broschüren über Safer Sex verfassen, in denen Körper nicht gegendert werden.

Die Befremdung und Verwirrung, die entsteht, wenn Menschen klar wird, dass Geschlecht und das, was sie darüber gelernt haben nicht übereinstimmen müssen, kann aber auch produktiv genutzt werden. Zum Beispiel, indem entlarvt wird, welchem Zweck die Zwangszuteilung zu zwei Geschlechtern eigentlich dient: Staatlicher, patriarchaler Biopolitik und Aufrechterhaltung repressiver Geschlechternormen.

Letztlich wäre die Frage nicht: „Was darf ich…“ sondern „Was will ich eigentlich sagen? Wen meine ich mit dem, was ich sagen will? Warum will ich das Geschlecht eines Menschen wissen / zuordnen?“

Reaktionäre Gegenwehr

Viele gestandene Feministinnen allerdings verwandeln sich Angesichts dieser Herausforderung in Reaktionärinnen, die bei diesem Thema schulterklopfend mit den schlimmsten evangelikalen Abtreibungsgegner_innen am Tisch sitzen und sich gegenseitig in ihrem Hass befeuern könnten. Einige flüchten sich dabei in die Vorstellung, man könnte soziales und körperliches Geschlecht säuberlich trennen und ersteres verwerfen. Diese Idee ist in meinen Augen naiv, da Menschen Kurlturwesen sind und kulturelle Zuschreibungen schon im Kindesalter in sich aufsaugen. Es gibt ein Alter, in dem Kinder „Geschlecht lernen“ und dazu gehört auch, welche Körperteile angeblich zu welchem Geschlecht gehören. Der unverstellte Blick, von dem cissexistische Feministinnen träumen, wenn sie soziales Geschlecht wie eine Brille herunterreißen wollen, ist so gar nicht möglich, denn die Brille ist Teil ihres Seins. Auch das was sie sich vorstellen, d.h. die zuodnung von Geschlecht an Körperteile, ist sozial hergestellt und würde wieder Gender hervorbringen, keinen „natürlichen“ Zustand, auch wenn sie sich das noch so feste einreden. Und es gäbe immer noch trans Menschen, nur hätten die es vielleicht noch ein bisschen schwerer.

Das ist aber nicht so schlimm, wie sie es sich vielleicht vorstellen. Denn oft verwechselt dieser Typ Feministin auch Geschlecht und Geschlechterrollen. Sie gehen davon aus, dass soziales Geschlecht deckungsgleich ist mit diskriminierenden und naturalisierenden Vorstellungen von Geschlecht. Außerdem tun sie so, als wärem cis Frauen diejenigen, die an Geschlechterrollen leiden, während trans Menschen geradezu versessen davon seien. Als ob eine trans Dyke mit kurzen Haaren, die Fußball spielt und Automechanikerin ist nicht als erste protestieren würde (und leider auch als erste darum kämpfen müsste, dass andere Menschen ihr Geschlecht anerkennen). Diese Art von Wahrnehmungsverzerrung schadet vor allem trans Frauen. Warum eine Politik, die vor allem Frauen schadet, sich dann wieder feministisch nennt, ist eine gute Frage.

Natürlich sind TERFs (Trans Excluding Radical_Reactionary Feminists) um keine Antwort verlegen und beantworten sie so, dass cis Frauen nämlich durch trans Menschen unterdrückt werden.

Erstens schreiben trans Menschen ihnen vor, wie sie welche Körperteile zu lesen haben. Der Haken an diesem Argument ist die Ausblendung der Machtverhältnisse. Beziehungsweise genauer gesagt, die Nutzung und Verkehrung bestehender Machtverhältnisse. Wenn cis Feministinnen behaupten, dass trans Menschen „in Wirklichkeit“ ihr „biologisches Geschlecht“ seien, sagen sie im Grunde nur das, was schon dutzende „Expert_innen“ vor ihnen gesagt haben. Was hier eigentlich bekämpft wird, ist ein Verlust von Privilegien. Die Mittel, die sie dazu nutzen, sind völlig analog zu denen des cis-patriarchalen Mainstreams: Schwingen wir uns mal zu Expert_innen auf, vermessen den Körper einer anderen Person, weisen ein Geschlecht zu und vermitteln ihr, dass sie selbst weder das nötige Wissen noch Selbstbestimmungsrecht hat. Während sich besagte cis patriarchale Gesellschaft inzwischen dazu durchgerungen hat, trans Menschen unter gewissen Umständen anzuerkennen (wenn auch nicht unbedingt ihre vielfältigen Körper), sind TERFs da ungerührt: Unter keinen Umständen kann für sie die Geschlechtergrenze überschritten werden. Hoffen wir, dass der Dämon „Transgenderismus“ sie in die Tiefe reißen wird. Denn häufig gehen ihnen wie ihren fundamentalchristlichen Betgeschwistern Menschenrechte (geschlechtliche Selbstbestimmung, Zugang zu medizinischer Behandlung, Schutz vor Diskriminierung etc) am Arsch vorbei. Und das alles, um eine Normalität zu erhalten, die ihrer Wahrnehmung entspricht.

Was sexuelle Vorlieben angeht: TERFs sind (in meiner Wahrnehmung) geradezu ekelhaft übergriffig versessen auf die Intimkonfigurationen anderer Menschen. Langatmig führen sie aus, wie schlimm das wäre, wenn sie mit jemandem im Bett landeten und dieser mensch dann plötzlich ganz andere Körperteile hätte, als sie erwarteten. Sie imaginieren gar, diskriminiert zu werden, weil sie diesbezüglich bestimmte Vorlieben haben. Selbstverständlich will ihnen niemand vorschreiben, auf welche Genitalien sie stehen sollen. Jedoch riskieren sie Missverständnisse, wenn sie sagen, sie stünden auf bestimmte Geschlechter und damit Intimkonfigurationen meinen. Wenn sie Missverständnisse und Diskriminierung vermeiden wollen, sollten sie sich verständlicher ausdrücken. Allerdings ist es wohl auch verständlich, wenn nicht jede_r Fremde an der Biertheke diesbezüglich Auskunft geben möchte. Ich renne ja auch nicht rum und frage irgendwelche Leute, wie sie ihr Schamhaar frisieren. Your Body, your choice and none of my business, bis ein gegenseitiges Interesse besteht.

Ehrlich gesagt erinnern mich diese Argumente von TERFs an cis Typen, die im Feuileton laut darüber rumheulen, dass strengere Gesetzgebung zu Vergewaltigungen eine so große Gefahr für Männer sei. Allerdings, so weit hergeholt ist dieser Vergleich leider gar nicht. TERFs verbünden sich manchmal tatsächlich mit Männerrechtlern, wenn es um den Ausschluss von trans Frauen geht.

Zweitens behaupten sie, dass trans Frauen Männer seien, die sich als Frauen ausgeben, um Frauenräume zu unterwandern. Dies ist eine übelst diskriminierende Unterstellung, wie sich aus dem vorangegangenen Text ergeben sollte. Nicht nur werden hier mal wieder bestehende Machtverhältnisse verkehrt und genutzt, sondern es wird auch ignoriert, welch oft heikler und schmerzhafter Prozess ein Coming Out gerade für trans Weiblichkeiten ist. Gerade denjenigen, die es am nötigsten brauchen, wird Unterstützung und Solidarität verweigert. Während hingegen trans Männlichkeiten in eine übergriffige Umarmung geschlossen werden: Schließlich seien sie doch auch Frauen. Nein danke, bin ich nicht. Ich habe zwar andere Gründe, aus denen ich gerne in FLTI*-Räumen mitgedacht und eingeladen werden möchte, aber das hier ist keiner davon. Außerdem ist es ziemlich scheiße, zu versuchen, trans Menschen auf diese Art und Weise (Verweigerung bzw. Gewährung von Privilegien) gegeneinander auszuspielen.

Discuss!

Ich freu mich wie immer über Kommentare, vor allem über Nachfragen, konstruktive Kritik, Ergänzungen und Links zum Thema. Ich lerne gerne dazu und weiß, dass ich vieles auch nicht weiß. Außerdem habe ich nun z.B. viel über trans Weiblichkeiten geschrieben, bin jedoch selbst trans männlich (uh, darüber müsste ich nochmal nen eigenen Blogtext schreiben). Ich habe mich hier bemüht, diejenigen zu zentrieren, die die meiste Aggression im Cistem abbekommen und hoffe, das ist ok so. Die Probleme von intergeschlechtlichen Menschen in der forcierten Zweigeschlechtlichkeit habe ich jedoch größtenteils beiseite gelassen, weil ich Angst hatte, eventuell vereinnahmend rüber zu kommen. Das ist eventuell alles suboptimal und ich mag megagerne Meinungen hören, wie ich das in Zukunft besser machen kann.

Jedoch werde ich keine Kommentare freischalten, die nicht an Verstehen interessiert sind sondern einzig und allein darauf abzielen, mir oder anderen das Geschlecht abzusprechen. Bzw. behalte mir vor, diese Kommentare gekürzt (zur Veranschaulichung von Cissexismus und TERF-Logiken) zu veröffentlichen. Und kommt mir jetzt nicht mit „Meinungsfreiheit!!!“. Für transfeindliche Meinungen ist gewiss genug Platz im Internet, da braucht ihr mein kleines Blog nicht.

Andere Texte zum Thema (auf deutsch):
Hilfe, ich diskriminiere!“ von Ash zum Thema (Wie vermeide ich) Transfeindlichkeit
Casual Reminder: Cissexismus ist immer uncool auf tea-rrific

Andere Texte zum Thema (auf englisch):
Whipping Girl: A Transsexual Woman on Sexism and the Scapegoating of Femininity und Excluded: Making Feminist and Queer Movements more Inclusive von Julia Serano

Stop gatekeeping the shit out of feminism!

Zuerst: Ich bin wahrlich nicht dier erste, dier zu diesem Thema was geschrieben hat. Die meisten großartigen Texte kommen von trans Weiblichkeiten. Lest Julia Serano, RadTransFem, Natanji und andere! Feiert die tollen Comics von Sophie Labelle! Und das sind noch nicht alle.
Mir ist es aber grade ein Anliegen, nochmal selbst zu sortieren, was mich grade so wütend und schmerzig macht und was ich mir wünschen würde, damit ich es verstehen kann. Da ich ein Textmensch bin, hilft mir Texteschreiben dabei. Und well, hier ist das Ergebnis, ein sehr emotionaler Text, auch wenn er sich vielleicht stellenweise nicht so liest.

Cis Feminismus gerade der älteren Generation kennt oft nur zwei Geschlechter: Mann und Frau. Diese stehen in einer hierarchischen Beziehung zueinander, was sehr weitreichende Folgen für viele hat. Lohnunterschiede sind die eine Sache, tägliche Gewalterfahrungen eine andere. Um diesem Ungleichgewicht zu begegnen, erscheint es logisch, Frauen zu stärken und Männer zu konfrontieren oder aus Räumen die der Stärkung und der solidarischen Diskussion dienen sollen ausschließen. Damit habe ich auch kein Problem.

Die Sichtbarkeit von trans Menschen bringt aber scheinbar diese Ordnung durcheinander. Wer ist nun eigentlich Mann und wer Frau, dürfen das alle für sich selber definieren? Und dann gibt es auch noch diese anderen Gechlechter, muss ich mich damit auseinander setzen oder kann ich das einfach ignorieren, weil es nicht gesellschaftliche Realität ist? Cis Feministinnen versuchen, diese Verschiebungen in ihr Weltbild zu integrieren
bleiben dabei jedoch oft bei dem Muster, das sie schon kennen. Und vergessen zu hinterfragen, inwiefern sie selbst einen Machtvorteil haben gegenüber denen über die sie urteilen. Oder inwiefern sie sich selbst an gewaltförmigen Strukturen und Prozessen beteiligen.

Beispiel hierfür ist das Argument von der Gesellschaftlichen Realität. Dieses verhöhnt alle, die seit Jahren jenseits der vorgegbenen Geschlechter Mann und Frau in dieser Gesellschaft zu überleben versuchen. Gesellschaftliche Realität ist, dass wir existieren, uns dies aber abgesprochen wird. Mit mannigfaltigen Folgen.

Trans Menschen – auch trans Männer und Frauen – müssen in dieser Gesellschaft viel neu erfinden und können oft nicht auf vorhandenen (feministischen) Strukturen aufbauen. Dabei erhalten sie von etablierten Feministinnen wenig Unterstützung, sondern werden im Gegenteil kritisch beäugt, ob sie nicht dem Feind™ Einlass gewähren. Beispielsweise in Frauen zugedachten Schutzräume. Aber auch in feministische Diskussionen, Definitionsmacht und Öffentlichkeit.

Gatekeeping ist nun kein Privileg von cis Feministinnen, sondern eine im cis Patriarchat sehr weit verbreitete und institutionalisierte Form der Gewalt. Ob ich meinen richtigen Namen auf dem Ausweis haben, medizinische Behandling erhalten oder mit der richtigen Anrede angesprochen werden will: cis Expert_innen entscheiden darüber, ob mein Anliegen gerechtfertigt ist. Ich habe hier wenig eigenes Mitspracherecht. Wenn ich Glück habe – und oft habe ich Glück – treffe ich dabei auf Menschen, die es gut mit mir meinen und die mein Anliegen unterstützen. Aber ich bin eben ständig dem Urteil anderer unterworfen, und dies auf einer sehr grundlegenden und institutionalisierten Ebene.

Deswegen macht es mich wütend, wenn cis Feministinnen dies nicht nur nicht hinterfragen, sondern auch noch aktiv mitbetreiben. Cis Feministinnen nutzen die Strukturen, die Glaubwürdigkeit und den Fame den sie sich – im Namen der Emanzipation und der Verringerung von Gewalt! – erarbeitet haben, um sich am (im Kern zutiefst patriarchalen) Gatekeeping zu beteiligen.

Trans Männer wollen sich Väter (oder überhauot irgendwie) nennen? schnell einen Artikel darüber in einer namhaften Zeitung schreiben und dies problematisieren. Schließlich ist man äh frau ja eine wichtige moralische Instanz, das muss genutzt werden. Trans Menschen wollen einen Selbstbehauptungsworkshop organisieren? Besser auf keinen Fall unterstützend reagieren, und vorhandene Ressourcen teilen, sondern sich über drei Ecken misstrauisch äußern. Schließlich könnte es passieren, dass Männer daran teilnehmen! (In diesem Falle könnte es fast schon als positiv hervorgehoben werden, dass sich das gatekeeping nicht gegen trans Frauen richtete – traurig, dass so etwas schon eine kurze Freude wert ist.)

Uns™ wird nicht zugetraut, dass wie feministisch handelnde, an Emanzipation interessierte gleichwertige Partner_innen in einem Feminismus sein können. Sondern (und das finde ich das besonders traurige) grade weil wir die vorgefertigten Muster der cis patriarchalen Binary sprengen, wird uns mit Misstrauen gegenüber getreten. Es scheint mir fast so, als würde der teilweise Zerfall patriarchaler Selbstverständlichkeiten nicht als Chance, sondern als Bedrohung wahrgenommen.

Dabei ist es für mich auch ein himmelweiter Unterschied, ob trans Weiblichkeiten trans männliche Privilegien benennen und kritisieren. Oder ob cis Feministinnen mir ihre Vorannahmen überstülpen und sich dabei der Machtstrukturen bedienen, die vollständig abzuschaffen sie vielleicht doch nicht ausgezogen sind. Die Position und der Kenntnisstand, aus dem heraus das geschieht, ist ein ganz anderer. Die Anliegen sind andere.

Wünschenswert wäre, wenn cis Feministinnen, die sich über das Thema „trans und Feminismus“ Gedanken machen, das Gespräch suchen würden. Wenn sie nicht versuchen würden, uns in ihr binäres Weltbild zu integrieren. Sondern uns uns selbst verorten lassen würden und dann schauen, inwiefern ihr Weltbild überhaupt noch passt. Wenn sie begreifen und beschließen würden, dass sie im Hinblick auf trans* Lernende sind und eben nicht (nur) Autorität und Instanz. Wenn sie uns im Zweifel erst mal Raum geben würden, statt sich an uns abzuarbeiten oder uns als Gegenstand moralischer Erörterungen hernehmen würden.

Das ist viel gefordert, ich weiß, aber es ist leider die Vorraussetzung dafür, auf Augenhöhe zusammen zu arbeiten. Wo mir die Existenz und die Möglichkeit für mich zu sprechen aberkannt wird, kann ich auch keine emanzipative Politik machen. Und scheiße behandeln lassen will ich mich auch nicht. Manchmal habe ich dadurch das Gefühl, aus Feminismus herauszufallen und hier keinen Platz zu haben. Aber eigentlich möchte ich nicht, dass das passiert.

Außerdem gibt es dafür auch viel zu viele awesome Feminist_innen, mit denen ich gerne gemeinsam streite! Ja, auch unter cis Feministinnen! Es gibt wirklich wirklich viele cis Menschen die sich wirklich Mühe geben, trans Menschen zu respektieren und einzubinden. Das will ich nicht unsichtbar machen durch diesen Text. Dass dies nicht immer wie gewünscht funktioniert und dass es dabei auch zu Reibereien und gegenseitigen Verletzungen kommt, ist wohl vorprogrammiert und lässt sich nicht verhindern. Widersprüche blühen überall da, wo Menschen mit ihren Verschiedenheiten aufeinander treffen. Und sie haben mitunter eine Menge Widerhaken. Es ist aber ein Unterschied ums Ganze, ob diese Unterschiede eingehegt werden sollen. Oder ob sie existieren dürfen und dann miteinander darüber geredet und gerungen wird, wie sich hierüber verständigt werden kann, wie Zusammenarbeit und gegenseitiges Empowerment funktionieren kann.