m_eine stimme finden

meine stimme hat sich verändert, und das ist schön. sie fühlt sich mehr wie meine stimme an. wenn ich mich selber reden höre, ist das angenehm.
aber was ungewohnt ist: lieder, die ich früher gut singen konnte, gehen jetzt gar nicht mehr. so hoch komme ich nicht.
und eine oktave tiefer komme ich auch (noch) nicht.
grad so wohlfühl-lieder, bei denen meine stimme wie wasser durch die töne floss. bye bye!
dafür kann ich nun andere lieder singen. nur sie sind noch ungewohnt.

meine stimme weiß schon im prinzip, was sie zu tun hat.
aber durch alte gewohnheiten mache ich es mir manchmal schwer.

manchmal fühle ich mich ähnlich, wenn ich mich anderen menschen gegenüber artikulieren will.
mein in-der-welt-sein hat sich verändert. viel neues will ausprobiert werden, und vieles will neu ausprobiert werden.
durch die stadt schlendern. meinen platz in einer situation finden.
aber was fühlt sich gut und passend an? ich weiß es nicht, bis ich’s mache. und für manches habe ich noch keine worte.

Trans* Day Of Visibility

Heute ist Trans* Day Of Visibility. Shout Out an alle sichtbaren und unsichtbaren trans* Menschen in meinem Leben und in diesem Internet!

Mit dem eigenen Er_leben sichtbar sein ist oft nicht leicht, sogar wenn man größtenteils geoutet ist. Trotzdem leben wir in einer cissexistischen Gesellschaft, in der die Lebensrealtiäten von trans* Menschen nur am Rande vorkommen. In der die nichtbinärer Geschlechter meistens gar nicht vorkommen. Es ist dadurch manchmal schwierig, anzuknüpfen und sogar über alltägliches zu reden. Teile meines Alltags gehören nicht zum geteilten Alltag. Früher empfand ich es wie eine Glasscheibe, die zwischen mir und anderen Menschen ist. Inzwischen ist es oft nur noch eine Membran, die an vielen Stellen durchlässig geworden ist. Gestern erst redete ich mit einer lieben Freundin darüber, dass es mich manchmal schmerzt, dass diese Membran da ist. Und dass es sich manchmal anfühlt wie eine Grenzüberschreitung, diese Membran zu durchbrechen.

Manchmal fühlt es sich nicht verbindent an, über trans* sein zu reden. Manchmal knalle ich meinem Gegenüber ein Stück meines Er_lebens auf den Tisch, weil ich so wütend und frustriert darüber bin, nicht vorzukommen und nicht gesehen zu werden. Nicht die kleinen Unterstützungen bei den Herausforderungen meines Lebens zu erhalten, die andere erhalten und die ich auch gerne gebe. Letzten Sommer zum Beispiel darüber, dass es ein normales Thema ist, Stress durch eine abzugebende Hausarbeit oder einen Uni-Abschluss zu haben, aber nicht, zu einem fremden Experten fahren zu müssen, um das eigene Geschlecht bestätigt zu bekommen. Immer wieder zu einem Psychologen zu fahren, weil mir nicht zugetraut wird, selbst über meinen Körper zu entscheiden. Manchmal blicke ich danach in blanke Gesichter, denen nicht anzusehen ist, ob etwas von dem, was ich sagte, die Membran durchdrungen hat. Es ist ungemütlich, selbst manchmal mit Menschen, die ich mag und die mir vertraut sind.

Ich möchte nicht grenzüberschreitend agieren, ich möchte gerne Verbindungen schaffen und in einem Dialog sein, der durchlässig ist. Und andererseits ist meine reine Existenz eine Grenzüberschreitung, eine Zumutung in einer cissexistischen binären Gesellschaft, in der alle cis Mann oder cis Frau zu sein haben. Ein Dilemma, aus dem ich so schnell nicht herauskommen werde, vor allem weil mein Umfeld größtenteils aus cis Menschen besteht. Aber: Challenge Accepted!

Dank an alle, die sich mit mir darauf einlassen.
Und Dank an alle, die Comics zeichnen, Geschichten und Blogtexte schreiben, Zeitschriften herausgeben, politische Arbeit und Musik machen in denen nichtbinäre trans* Menschen sichtbar sind.

Happy Trans* Day Of Visibility, everyone!

Mini-Zine: Schreibblockade

Greade versuche ich wieder mehr ins Schreiben hinein zu kommen. Science Fiction. Ich wette, die Welt wartet nur so auf meine Geschichten über ein queeres Frachtschiff-Kollektiv. Aber das Erzählen gestaltet sich schwierig. Das Monster heißt: Schreibblockade. Um ihm ein Bisschen die Größe zu nehmen, habe ich ein Mini-Zine darüber gemacht. Jetzt passt es immerhin in die Hosentasche.

Ihr könnt das Zine hier als *.pdf herunterladen.
Es besteht nur aus einem Blatt, durch knicken und falten könnt ihr daraus ein kleines Büchlein machen.

Eine Youtube-Faltanleitung findet ihr hier.

Happy.

Wenn ich grade einen Blogpost schreiben würde, dann wäre es einer darüber, wie glücklich ich mit der Mastek bin, die grade hinter mir liegt. Ich tüdele so durch den Tag, der Körper noch von der OP geschwächt. Alles ist etwas umständlicher als sonst, ich brauche Hilfe bei einigen Alltagsdingen (inzwischen viel weniger als noch direkt nach der OP), bin ständig müde und eigentlich bin ich sehr ungeduldig mit sowas. Zwischendurch bin ich auch jetzt mal ungeduldig. Aber ich bin glücklich.

Ich komme mir ein bisschen vor wie so ’ne Vorzeige-trans-Person, weil ich fast direkt glücklich war, als ich aus dem OP gerollt wurde. Zunächst war ich noch sehr mit existieren beschäftigt. Aber ziemlich bald nahm ich meinen veränderten Körper wahr und hatte das absurde Gefühl, dass er jetzt so war, wie er eigentlich immer schon (unter den anderen Formen) gewesen ist. Gleichzeitig: Frisch vernähte Wunden, Bewegungen schwierig, alles sprach dafür, dass es eben nicht immer schon so gewesen war. Zwei Realitäten, die mein Kopf übereinanderlegte wie Bildebenenen bei GIMP und die sich gegenseitig kaum störten. Unerwartet, weil ein_ Freund_ mich darauf vorbereitet hatte, dass ich auch erst mal traurig sein könnte, etwas verloren zu haben, mit dem ich zwar nicht klar kam, aber das trotzdem zu mir gehört hat.

Sogar der Krankenhausaufenthalt hat mich glücklich gemacht, die Pflegerinnen waren alle so nett und überhaupt. Es ist krass, wie wenig Angst ich als Mensch, der schon zu Angst neigt, vor der Op hatte. Das lag auch daran, dass alle so freundlich und lustig mit mir und auch miteinander umgingen. Viel Liebe für diese Station in einem katholischen Krankenhaus, wo es (neben allgegenwärtigen Kreuzen, Bibeln und Heiligenbildchen) total okay war, trans zu sein.

Krass war das T-Shirt-lose Herumliegen nach dem Duschen. Wie viel Sexualisierung und Scham mit großen Brüsten verbunden ist und wie schnell das verfliegt, wenn die weg sind. Und auch nicht mehr von einem erwartet wird. Damit werde ich noch einen Umgang finden müssen, zum Beispiel im Schwimmbad oder am See. Ich glaube nicht, dass ich mich meiner Narben schämen werde, aber vielleicht wird mir ungemütlich sein beim Gedanken daran, dass ich ein Privileg lebe. Und vielleicht wirkt auch noch nach, wie viel Zeit ich damit verbracht habe, meinen Körper zu verbergen, seit mir zum ersten mal als Kind / Teen ein Erwachsener hektisch ein T-Shirt brachte.

Viel Liebe auch für meine Freund_innen, Mitbewohnis und Bekannten, die für mich einkauften, mich ins Krankenhaus gebracht haben, mich dort besuchten, mir ihre Glückskatze daließen, sehr fest an mich dachten, mich nach der OP abholten, im Zug meine Tasche schleppten, mir zu Hause Essen kochten, mir Monsterbegleitung schickten, DVDs brachten, die Spülmaschine ausräumten und meine Wäsche wuschen, als ich dazu noch nicht wieder in der Lage war. Mir Gesellschaft leisteten und sich mit mir freuten. Für solidarische Menschen aus dem Internet, die mir Pflaster und Fettgaze für die Wundversorgung spendierten.

Ich freue mich zum ersten mal richtig ungebremst auf den Frühling. Keine gemischten Gefühle mehr beim Gedanken daran, nicht mehr so viele Schichten Kleidung übereinander anziehen zu können wie im Winter. Keine wehmütige Vermissung meiner Lederjacke. Bin gespant darauf, wie es ist, in der Welt unterwegs zu sein mit einem Körper, der sich für mich erstmal so okay anfühlt. Noch bin ich nicht so viel unterwegs. Aber das ist auch okay so.

Mir ist so viel gutes passiert in den letzten Wochen. Und ich wundere mich, wie viel schwieriger es ist, diesen freudigen Blogpost zu schreiben als die wütenden oder traurig-bedrückten davor.

Warten. Atmen. Grenzen.

Die Blätter leuchten unterm grauen Himmel an den Bäumen. Kälte kriecht bis in die Häuser und unter Jacken, aber die Luft ist klar und riecht fast so gut, dass ich sie trinken will. Dunkelheit nimmt sich Raum, und das will ich auch. Raum für Stille, Raum für Gedanken die für oder gegen niemanden sind. Raum für Trauer um Grenzen, die ich nicht haben durfte, um durchzukämpfen, dass ich medizinische Behandlung bekomme und mein richtiger Name auf Ausweisdokumenten stehen darf. Ich habe es geschafft, fast geschafft. Jetzt muss ich nur noch warten.

Vor ein paar Monaten habe ich mich gefragt, was ich mit der ganzen Energie mache, die in diesen Prozess fließt, wenn er vorbei ist. Ich hab mich drauf gefreut, sie für Anderes zur Verfügung zu haben. Für Dinge die sich selbstgewählter anfühlen. Jetzt frage ich mich: Welche Energie?

Auch darum will ich dieses Warten grade mit Ruhe und Stille füllen. Und mit Schweigen. Ich mag schweigen bis ich merke, dass ich reden will. Still sitzen und atmen und wahrnehmen, dass Raum um mich ist, bis ich mich wieder bewegen mag. Dass ich Kontakt haben und aus meinem Innen teilen will. Aber die Welt dreht sich weiter und knirscht und Menschen wollen Worte und Entscheidungen von mir. Zu der Trauer über die Grenzen, die ich nicht haben durfte kommt die Trauer um die, die ich jetzt nicht haben darf. Es reicht nicht, zu sagen: Ich will heute Abend nicht sprechen. Irgend etwas ist immer wichtiger. Ich habe auch ein Bedürfnis nach Nähe und Gemeinsamkeit, ein sehr großes sogar. Aber ich würde mir wünschen, dass ich selbst bestimmen kann, wann ich bloß koexistieren will und wann konkret ich mich ver-antworte. Grade deswegen. Ich fühle mich plötzlich noch hautloser, weil der Druck von außen weg ist und ich deswegen ein wenig meine Form verliere. Weich werde. Ich muss nicht mehr kämpfen. Ich würde mir wünschen, dass ich hautlos und weich wie ich bin auch in Gemeinsamkeit da sein darf, bis mein Fell nachgewachsen ist. Ich würde mir wünschen dass es klappt, gemeinsam Zeit mit Menschen die ich mag zu verbringen, auch wenn ich das alles grade schwierig finde. Ich würde es mir gerne ein wenig gut gehen lassen nach dieser schwierigen Zeit, auch wenn ich das nicht gelernt habe und nicht so richtig weiß, wie das geht.

Es ist erstaunlich schwer. Auch ich selbst finde es schwer, meine Grenzen zu respektieren und anzuerkennen. Und nicht nur unter ihnen zu leiden, während ich anderes mache. Ich will so viel machen, ich will so viel da sein. Ich will mich ver-antwortlich verhalten. Ich will nicht verletzen durch Zurückweisung. Begrenzt sein ist scheiße. Und ich weiß dass man schnell sehr alleine ist, wenn man nicht machen und abrufbar sein will. Und ich weiß dass es sehr schwer ist zu vermitteln, dass man nicht abrufbar sein will, wenn man nicht wirklich nicht kann. Dass so etwas wie ein Gespräch überhaupt schon anstrengend sein kann. Dass ich ein ärztliches Attest brauche, um ein Gespräch nicht führen zu müssen, kommt mir plötzlich gar nicht so absurd vor. Ich will das so nicht, das muss auch anders gehen. Mirselbstgehörungsromantik, ja. Mehr Fell, ja.

Zeit und Raum schaffen für Nichts, für nur das Wahrnehmen von Zeit und Raum? Gar nicht so leicht! Aber vielleicht lernbar. Und vielleicht auch vereinbar mit: Dinge gemeinsam organisieren, gemeinsame Prozesse haben, nicht allein sein. Ich hoffe es.